Die Contax G1. Oder: Die Handschmeichler-Kamera?

Vielleicht kennst Du das. Manche Dinge sind einfach unfassbar schön. Und daher muss man sie dauernd anfassen, in die Hand nehmen und durch die Finger gleiten lassen. Echte Handschmeichler. Viele denken an Uhren, an Textilien, an Schmuck oder sogar an exotische Edelsteine. Ich schmeiße hingegen die Contax G1 in den Ring, eine analoge Filmkamera, die 1994 – also vor 30 Jahren – vorgestellt wurde. Ich habe einige Monate mit dieser Kamera fotografiert und war begeistert.

Ihre kompakte, minimalistische Form und die präzise Verarbeitung machen die Contax G1 aus meiner Sicht zu einem echten Schmuckstück unter den analogen Kameras. Das metallische Gehäuse fühlt sich extrem hochwertig an, die Bedienelemente sind wohlüberlegt platziert und die gesamte Haptik vermittelt den Eindruck eines durchdachten und robusten Werkzeugs. Wir bewegen uns hier auf Leica-Niveau, nicht nur was die Verarbeitung betrifft. Aber eben mehr im Stil einer 90er Jahre Ikone. Auch Retro, jedoch irgendwie anders.

Nicht nur das Äußere der Kamera kann überzeugen – auch die inneren Werte lassen kaum Wünsche offen. Kyocera hatte 1994 den Anspruch, die modernste Messsucherkamera der Welt auf den Markt zu bringen, inklusive eines Autofokus. Tatsächlich erscheint dieser Move bis heute revolutionär und die Scharfstellung funktioniert auch nach heutigen Maßstäben noch erstaunlich gut. Mit einem einfachen Dreh am Fokusring lässt sich manuell eingreifen, was besonders bei schwierigen Lichtverhältnissen oder kreativen Aufnahmen von Vorteil ist – auch wenn es gewöhnungsbedürftig ist. Das manuelle Fokussieren ist nicht die Königsdisziplin der Contax G1, soviel steht schonmal fest. Die Kamera bietet weiterhin eine zuverlässige Belichtungsautomatik, die in den meisten Situationen für optimal belichtete Fotos sorgt.

Die Contax G1 – ein echtes Schmuckstück.

Die Objektive der Contax G-Serie

Besonders hervorzuheben ist auch das Objektivsystem der Contax G1. Die Wechselobjektive der G-Serie, allen voran das Zeiss 45mm f/2 Planar, sind legendär für ihre Schärfe und ihre Bildqualität. Dieses Objektiv soll für viele Fotograf:innen ein Hauptgrund sein, sich für die G1 (oder die 1996 erschienene G2) zu entscheiden. Die Kombination aus der Kamera und diesen hochwertigen Objektiven wird es Dir leicht machen, Fotos von enormer Klarheit und Detailtreue zu schießen. Es existiert eine Auswahl von insgesamt sieben Objektiven für das G-Systems, die allesamt einen hervorragenden Ruf genießen. Sechs Festbrennweiten (Hologon 16mm, Biogon 21mm, Biogon 28mm, Planar 35mm, Planar 45mm and Sonnar 90mm) und sogar ein Zoom Objektiv (Vario-Sonnar 35–70 mm; 1:3,5–5,6 – nur an der G2, aber erstaunlich an einer Rangefinder Kamera!). Ich habe nur mit dem 28er und dem 45er fotografiert und kann folglich nur dazu Angaben machen (mehr dazu unten in den Beispielbildern).

Die Bedienung der Contax G1 ist für mich super intuitiv und unkompliziert. Eigentlich fühlt sich die Kamera an, wie eine Point & Shoot, nur mit Wechselobjektiven. Und am Ende des Tages ist sie das wahrscheinlich auch, nämlich vielleicht die beste Point & Shoot, die man sich vorstellen kann (schaut mal in meine Point & Shoot Serie rein). Motiv im Sucher platzieren und abdrücken. Der Film wird vorgespult und sofort kannst Du die nächste Aufnahme machen. Selten habe ich so schnell mehrere Filme hintereinander durchgezogen. Autofokus, Belichtungsautomatik und automatisches Filmspulen sorgen für echtes Point & Shoot Feeling. Im Gegenzug heißt das auch: manuelles Fokussieren ist schwierig, das Drehrad verstellt sich dauernd und ist auch nicht intuitiv. Arbeiten mit dem Zonenfokussystem? Nicht wirklich praktikabel. Also eher keine Kamera für die Street Photography.

Was aber rauskommt, das ist erste Sahne. Die tollen Objektive sorgen für erstklassige Aufnahmen. Die Bilder sind knackscharf, manchmal fast schon eine Spur zuviel. Du kannst die Blende aufreissen und freistellen ohne eine Einschränkung in der Bildqualität zu spüren, auch hier liegen die Zeiss Linsen auf Leica Niveau.

Warum ich die Contax G1 wieder verkauft habe?

Ihr lest es, ich bin voll des Lobes, abgesehen vielleicht vom nur schwerfälligen Gebrauch als Kamera mit manuellem Autofokus. Es ist eben doch eine Automatikkamera. Nein, eigentlich hätte ich sie nicht verkaufen dürfen. Wer von Euch schon ältere Berichte auf diesem Blog gelesen hat, der weiss, dass ich seit einigen Jahren mit einer Minolta CLE analog fotografiere (Review hier), eine ähnlich wunderschöne Kamera. Mit der Contax G1 hatte ich Ende letzten Jahres der CLE eine ernsthafte Konkurrenz ins Haus geholt – von Anfang an war mir aber klar, dass ich nur eine von Beiden behalten möchte. Zwei analoge Messsucherysteme parallel? Das wollte ich mir nicht dauerhaft gönnen.

Und so musste die Contax G1 im Frühjahr schon wieder gehen – trotz Autofokus, trotz der tollen Objektive und der Ästhetik die diese unverwechselbare Kamera mit sich bringt. Die viele Elektronik ist allerdings extrem anfällig und leider finden sich kaum Möglichkeiten, diese Kamera reparieren zu lassen. Schon 2005 stellte Kyocera die Produktion der G-Serie ein und so gibt es auf dem Gebrauchtmarkt zwar immer noch ausreichend Exemplare, aber eben niemand, der die Elektronik austauscht, wenn sie einmal ausfallen sollte. Angesichts meiner Liebe zur Minolta CLE (die mit ihrem M Mount auch noch kompatibel zu den Linsen meiner Leica M10 ist) war mir dieses Risiko dann doch zu groß.

Und dennoch möchte ich Dir die Kamera wärmstens empfehlen. Wenn wir das Risiko des Elektroniktodes einmal ausblenden und ebenso die Schwäche des manuellen Fokussierens vernachlässigen, sowie großzügig über den kleinen Sucher hinwegsehen, dann muss ich zum Schluß kommen, dass die Contax G1 eine perfekte Kamera für die analoge Fotografie ist.

Beim Gebrauchtkauf solltest Du darauf achten, dass Du eine „Green Label“- Variante bekommst, die quasi für alle sechs Festbrennweiten der G-Serie „freigeschaltet“ ist. Etwa 450 Euro solltest Du für ein sehr gutes Exemplar kalkulieren. Die beiden Standardlinsen, das 28er und das 45er, bekommst Du jeweils für einen ähnlichen Betrag – absolute Schnäppchen im Vergleich zu den auf demselben Niveau befindlichen Leica Gläsern.

Ein Schlussplädoyer für die Contax G1

Aber das ist noch nicht alles. Die Contax G gehört für mich zu den ikonischen Kameras, die daran erinnern, dass Fotografie mehr ist als nur das Drücken eines Knopfes. Dass die Fotografie eine Kunstform ist, die Geduld, Präzision und ein Auge für Details erfordert. Die Contax G1 ist mehr als nur ein Werkzeug; sie ist ein Stück Geschichte, ein Symbol für eine Ära, in der Fotografie noch etwas Magisches und Handwerkliches hatte, obwohl sie paradoxerweise mit einem Autofokus ausgestattet ist. Und schließlich gehört sie zu den Dingen, die wir gerne anfassen, in die Hand nehmen und durch die Finger gleiten lassen. Die Contax G1 ist ein echter Handschmeichler.

Links / Zum Weiterlesen

Beispielbilder

Aufgenommen in Hamburg im Winter 2024 mit der Contax G1 und dem 45 F2, sowie dem 28 F2.8 mit den Filmen Ilford Ilfocolor 400, Kondak TriX 400, Kodak Gold 200, Cinestill 400D und Cinestill 800T.

6 Gedanken zu „Die Contax G1. Oder: Die Handschmeichler-Kamera?“

  1. Lieber Florian, ich muss dir sehr beipflichten. Ich besaß die Contax G1 für viele Jahre und ich war sehr überzeugt. Die Contax hatte sich sehr gut angefasst und die Ergebnisse haben mich überzeugt. Wenn ich so rückblickend auf meine vielen Kameras schaue, dann war die G1 die Schönste die ich je hatte, inklusive diverser (analoger) Leica M. Ich glaube nach dem Lesen deines Artikels sollte ich mir wieder eine G1 (oder G2) besorgen. Im Vergleich zu den hippen Kameras von heute, ich denke an die neue X 100 von Fuji, ist die Contax noch ein echtes Schätzchen zum Niedrigstpreis.
    Meinen herzlichen und geschätzten Dank für deine großartigen Artikel! Albert

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    • Naja vom Preis stimmt das, aber es sind ja unterschiedliche Kameratypen.
      Und vor allem: die Rollei wird ja Neuware mit Garantie sein. Und vermutlich auf Jahre hinweg reparabel.
      Die G1 halte ich unabhängig davon für ein Schnäppchen!

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