Auf der Suche nach dem Martinsloch – Bergwandern in den Glarner Alpen

Die Schweizer Kantone Glarus und Graubründen trennen zwischen Elm und Flims-Laax die Tschingelhörner, eine markante Bergkette der Glarner Alpen. Ein absolutes Highlight ist das Martinsloch, ein Felsenloch, durch das an wenigen Tagen im März und September die Sonne den Kirchturm in Elm beleuchtet. Ein Naturspektakel, das schon seit Ewigkeiten von Einheimischen und Besuchern verfolgt wird und in Kunst und Fotrografie immer wieder verewigt wird. Uns – zu viert sind wir unterwegs – würde es schon reichen, das Martinsloch überhaupt zu sehen. Zu dicht ist der Regen, zu viele Wolken sind um uns. Und überhaupt müssen wir eigentlich viel mehr auf den Boden, besser auf die Schneefelder sehen, um sicheren Tritt zu haben.

In den Glarner Alpen
Einsamkeit in den Glarner Alpen

Wir starten an der Seilbahn in Elm. Seilbahn ist schon einmal deutlich übertrieben, handelt es sich eigentlich um zwei kleine Kabinenbahn-Gondeln, die bei Bedarf hier genutzt werden, um auf die Tschinglen-Alp zu gelangen. Die Bahn selbst nutzen wir erst auf dem Rückweg, nehmen also den Anstieg durch die Tschinglenschlucht. Und hier ist es schon eindrucksvoll dramatisch, tosendes Wasser erleben wir oberhalb dieser tiefen Klamm. Auffällig sind die vielen Schieferplatten am Boden. Eine erstes Anzeichen dafür, dass wir in einer geologisch extrem spannenden Region sind, im Unesco Weltkuturerbe „Tektonikarena Sardona„. Nur hier – so das Schweizer Marketing – könne man die Entstehung von Bergen und Tälern so eindrucksvoll sehen; weltweit einzigartig.

Einzigartig ist für uns die Einsamkeit der Region. Hier gibt es keine Skilifte, keine Straße. Es ist ein wirkliches Kleinod in den häufig so verbauten und erschlossenen Schweizer Alpen. Das Bild wird nur getrübt durch die enorme Stromleitung, die einmal über die Bergkette gespannt wurde. Meistens ist es aber so bewölkt, dass die Strommasten sowieso nicht auffallen.

Es sind kaum Wanderer an diesem Juli-Wochenende unterwegs, umso erstaunlicher ist es, dass auf der Tschinglen-Alp eine kleine Wirtschaft einen Kaffee anbietet. In einem der kleinen Häuschen sind wir also zu Gast, es ist urig und gemütlich. Gerade richtig bei dem kalten und bewölkten Wetter. Immerhin regnet es nicht, aber die Aussichten sind nicht gut.

Die Martinsmadhütte
Die Martinsmadhütte – und die gewaltige Stromleitung.

Von der Tschinglen-Alp geht es über Matt und Rindermätteli zur Martinsmadhütte. Nur das letzte Stück ist richtig steil, die abschüssigen Stellen sind mit Drahtseilen gesichert, Trittsicherheit und gutes Schuhwerk sind erforderlich. Dennoch ist die Strecke gut machbar, nervig ist nur der einsetzende Regen. Hatten wir auf der ersten Strecke immer wieder freien Blick auf die Wasserfälle, so ist gegen Ende der heutigen Tour Regen pur angesagt. Etwa dreieinhalb Stunden sind wir von Elm aus aufgestiegen bis und die Hüttenwirte Theres und Geri an der Martinsmad begrüßen. Bier, Wein und ein zünftiges Abendessen erwarten uns. Bis am späten Nachmittag es noch einmal aufklart, wird Skat gespielt. Und das Schlaflager wird bezogen.

Wichtigstes Thema – neben Grand, Ramsch oder Bock – ist die Überschreitung des Grieschsattels und dem richtigen, nicht markierten, Abstieg zum Segnesboden. Von dort wollen wir am nächsten Tag zum Segnespass und der dortigen Mountain Lodge. Hüttenwart Geri gibt uns Tipps, wie wir unterm Sattel nach den Steinmännchen suchen sollen und von dort dann „links“ den Einschnitt zum Abstieg finden werden. Und das klingt weniger nach Spaziergang, sondern nach fortgeschrittenem Bergwandern.

Blick Richtung Segnesboden
Blick Richtung Unterer Segnesboden. Rechts um die Ecke gehts ins Skigebiet Flims-Laax. Irgendwo ganz links müsste das Martinsloch sein.

Wetterbedingt ist es auch genau das. In einer fiesen Mischung aus Regen und Wind steigen wir von der Martinsmadhütte zum Grieschsattel auf den höchsten Punkt unserer Tour, auf 2.760 Meter über dem Meeresspiegel. Seit Elm sind wir also schon über 1.700 Meter aufgestiegen. Und so verweilen wir auf dem Sattel nur für ein kurzes Gruppenfoto im Nebel, das herrliche Panorama können wir nur erahnen. Ebenfalls wo das Martinsloch sein soll, oder eines der Tschingelhörner. Ehrlich gesagt ist es zum Heulen, ist doch die Bergkette so ikonisch wie nur wenige andere Alpensilhouetten. Folglich streichen wir auch den Abstecher auf den Ofen, der äußersten Spitze der Tschingelhörner.

Über Schneefelder steigen wir etwa einhundert Höhenmeter ab – gut, dass man mit dem Smartphone so genau im Nebel navigieren kann. Wir finden den Einstieg in den Abstieg beinahe beim ersten Anlauf, auch ohne Geris Steinmännchen passiert zu haben. Es gibt keinen Weg durchs Gelände, doch hin und wieder sind Pfeile auf dem dunklen Schiefergestein angebracht. Und genau als wir an der steilsten Stelle sind, machen die Wolken auf und geben uns die Sicht frei. Das ist ein Glücksfall für diesen Teil der Wanderung. Es ist wirklich steil und geröllig und jeder weitere Meter an Sicht ist Gold wert.

Vom Segnespass Richtung Segnesboden
Vom Segnespass Richtung Segnesboden

Der Rest des Tages ist schnell erzählt. Wir steigen nicht ganz bis zum Unteren Segnesboden ab, sondern queren etwas früher das Tal und kommen zum markierten Weg Richtung Segnespass. Genau hier setzt pünktlich wieder der Regen ein, der ganz besonders ungemütlich ist, da der Weg bergauf immer mehr Schneefelder kreuzt. Kurz vor dem Ziel müssen wir ein ganz besonders ausgesetztes Schneefeld kreuzen, etwa hier wo wir dem vielgenannten Martinsloch am Nächsten sind. Aber natürlich sehen wir davon gar nichts, wir müssen uns konzentrieren. Ohne Steigeisen ist das ganz schön knifflig. Das allerletzte Stück ist mit einer Eisenleiter ausgebaut und direkt im Anschluss stehen wir auf dem 2.625 Meter hohen Segnespass.

Nur ein paar wenige Meter versetzt hinter der Bergkuppe befindet sich die Mountain Lodge. Wohl die urigste Hütte, in der ich bisher gewesen bin. In der ehemaligen Militärbaracke ist nur für 12 Übernachtungsgäste Platz, so klein ist die Unterkunft. Wir sind aber nicht nur froh, die Kleidung trocknen zu können und einen heißen Kaffe zu bekommen.

Der Blick auf das Martinsloch
Der Blick auf das Martinsloch

Die Gastgeber sind verzaubernd und bewirten uns vom Feinsten. Statt Skat zu spielen, lernen wir das schweizerische Jassen. Und was das Nell ist. Statt mit dem Kugelschreiber auf einen Zettel schreiben wir mit Kreidegriffel auf eine Schiefertafel, ganz in der Tradition des Jassens. Was soll man sonst auch machen, wenn der Blick aus dem Fenster ziemlich eintönig, weil nur regnerisch ist.

Um zehn Uhr ist Nachtruhe angesagt. Ganz schnell träumt die komplette Gästeschaft von einem ausgedehnten Alpenpanorama, natürlich bei bester Sicht. Und genau das tritt am nächsten Morgen ein. Die Hüttenwirte versichern, dass sie das erste Mal seit vielen Tagen überhaupt die Sonne hier sehen. Es sind schon ganz außergewöhnliche Tage in diesem Juli – was die Wetterlage betrifft.

Da ist es: Das Martinsloch. Gegen das Licht fotografiert und aus den 23mm APS-C Brennweite der X100V ganz stark gecroppt. Sonst wäre das Bild sicherlich ansprechender, das Martinsloch aber noch viel viel kleiner …

Und so steigen wir bei bestem Wetter ab, kaum eine Wolke ist am Himmel. Und kurz bevor wir die Bergstation der Elm Bahn erreichen, sehen wir zum ersten Mal auch das Martinsloch. Von hieraus betrachtet ist es nur ein kleines Felslöchlein, kaum der Rede wert. Schon seltsam, dass Einheimische wie Touristen so ein Brimborium darum machen. Wir jedenfalls haben es gesehen, zumindest kurz. 😉

Und fahren erschöpft, aber glücklich nach Hause.

Bilder

Die Tour bei Relive

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