Das Fujinon XF 23mm F1.4 R LM WR im Praxistest („Mark II“)

Wenn es für mich so etwas wie eine Lieblingsbrennweite gibt, dann sind es 35 Millimeter, gemessen am Kleinbild. Das ist nicht nur die klassische Reportagebrennweite, ich finde die 35 Millimeter auch sehr universell, weil ich damit fast alles abdecken kann. Natürlich konkurriert dieses Maß mit dem Klassiker der 50 Millimeter am oberen Ende und den 28 oder gar 24 Millimetern am unteren Ende. Aber auch deswegen, weil die „35“ quasi in der Mitte ist, ist sie so flexibel. Ohne ein fauler Kompromiss zu sein.

Anfang des Jahres hatte Fujifilm mit dem 23er 1.4 eine Neuauflage ihres lichtstarken Klassikers auf den Markt gebracht. Bevor ich jemand von Euch nun verloren habe: bezogen auf Fujis APS-C Sensors wird aus den 35 „Kleinbild-Millimetern“ eine 23er Brennweite im Fujinon Lineup.

Der volle Name der Neuerscheinung lautet nun Fujinon XF 23 mm F1.4 R LM WR und folgt damit auf einen beinahe identisch gelabelten Vorgänger. 2013 erschien die erste Variante, ohne den Beinamen „LM WR“. Man könnte folglich also auch von einer „Mark II“-Variante sprechen. Fujifilm Deutschland war so nett, mir (mit der hier getesteten X-T5) ein Exemplar als Leihgabe zur Verfügung zu stellen.

#Transparenz und das Fujinon XF 23mm F1.4 R LM WR

Wie immer möchte ich an dieser Stelle explizit darauf hinweisen, wenn mir ein Hersteller etwas zur Verfügung stellt. Und wie immer fließt weder Geld, noch hat mir jemand vorgeschrieben, was ich zu sagen und zu schreiben habe. Damit ist es keine bezahlte Werbung, auch wenn ich mich zum Fujinon XF 23mm F1.4 R LM WR äußere und mir das Objektiv kostenlos und ohne Entgelt zur Verfügung gestellt wurde.

LM und WR, was hat es damit auf sich?

Wie oben beschrieben sind die beiden Kürzel LM und WR neu in der Mark II Variante. Dabei steht LM für den linearen Motor im Objektiv. Damit kann schnell und lautlos fokussiert werden. Wenn wir uns an den Vorgänger erinnern, hier war es weder schnell noch lautlos. Und genau das ist nun der Unterschied – mit den linearen Motoren.

WR steht für „weather resistant“, also einer Absicherung gegen Feuchtigkeit und Staub. Rein optisch ist das auch erkennbar an der Gummilippe am Boden des Objektivs. Ich bin da immer relativ entspannt, bislang ist noch keines meiner Objektive im Regen in irgendeiner Form in Mitleidenschaft gezogen werden. Viel wichtiger finde ich die Abdichtung hinsichtlich Staub und vor allem Sand. Nehme ich also gerne mit.

Fujinon 23mm F1.4 LM WR
Deckel, Objektiv und die große Gegenlichtblende: Das Fujinon 23mm F1.4 LM WR

Wenn Du nun glaubst, dass LM und WR die einzigen Neuerungen sind, dann liegst Du falsch. Ich halte es vielmehr für ein komplett neues Objektiv. Zum Direktvergleich aber unten mehr, das wollte ich nur einmal vorab schon klären!

Zur Haptik des Fujinon XF 23mm F1.4 R LM WR

Rein äußerlich reiht sich das Fujinon 23mm F1.4 LM WR in die Familie der neuen Objektive ein. Die Geschwister heißen XF 18mm F1.4, XF 33m F1.4 und XF 56mm F1.2. Sie alle sind Neurechnungen, die mit der neuesten Generation der 40 Megapixel APS-C Sensoren bestens arbeiten können. Und sie alle sind auf LM und WR „gepimpt“ worden (Update: ich darf das leicht korrigieren, dank des Kommentars von Wolfgang: „[dem 56mm F1.2] fehlt der Linearmotor, weshalb es auch tatsächlich nicht ganz so schnell beim AF ist, wie die anderen Familienmitglieder“. Herzlichen Dank, Wolfgang!)

Im Gegensatz zu den Sigma Objektiven (ebenfalls 16mm F1.4, 33mm F1.4 und 56mm F1.4 – Test hier) gibt es natürlich einen Blendenring, was aber keine Überraschung darstellt (dafür steht übrigens das „R“ im Namen). Die Blende kann zusätzlich in der Automatikfunktion eingerastet werden. Abgesehen davon gibt es keine weiteren Funktionen oder Schalter am Objektiv. Damit fällt auch die Clutch des alten 23ers weg. In der neuen Variante ist „focus-by-wire“ angesagt (okay, die Clutch ist auch eine Form des „focus-by-wire“, aber sie fühlt sich doch mechanisch-analoger an, Ihr wisst, was ich meine, ja?)

Äußerlich wäre noch die Gegenlichtblende zu erwähnen. Schon fast traditionell für ein 23er Fujilux fällt sie ziemlich groß aus. Ich will sie meist gar nicht nutzen, weil sie das eigentlich schöne Objektiv doch etwas verschandelt. Und seien wir ehrlich, das neue 23er ist nicht gerade klein. Die Gegenlichtblende macht das Objektiv noch länger.

Das Fujinon XF 23mm F1.4 R LM WR in der Praxis

Das Fujinon XF 23mm F1.4 R LM WR ist super schnell und super leise. „LM“ – da ist die Abkürzung wieder, sie verspricht nicht zu viel in der ohnehin schon langen Bezeichnung des Fujinon Objektivs. Der Autofokus sitzt sofort, ohne Wenn und Aber.

Mit dem Objektiv fotografiere ich bei vielen Gelegenheiten, in verschiedenen fotografischen Disziplinen. Knappe drei Wochen habe ich das Fujinon zur Verfügung, ausschließlich an der Fuji X-T5. Ich streife die Architekturfotografie und die Landschaftsfotografie. Street gehört eben dazu wie Fotos von der Familie (die ich an dieser Stelle natürlich ausklammere).

Sehr häufig fotografiere ich offenblendig, so gut wie nie sehe ich in der Praxis hier irgendwelche Einschränkungen. Im U-Bahnhof Überseequartier schieße ich für Euch eine Belichtungsreihe von F1.4 bis F16. Ich sehe eine ausreichende Schärfe schon bei F2.8, die optimale Schärfe bei F5.6-F11. Die Unterschiede zur Offenblende sind erkennbar, aber erst in den äußersten Rändern. Seht selbst!

Die U Bahn Station Überseequartier mit dem XF 23mm F1.4 R LM WR bei F1.4 (links) und F5.6 (rechts). Erkennbar die Vignettierung bei Offenblende. Profilkorrekturen u.ä. deaktiviert.
Das gleiche Bild im (extremen) Ausschnitt rechts oben. XF 23mm F1.4 R LM WR bei F1.4 (links) und F5.6 (rechts). Bei Offenblende erwartungsgemäß mit Unschärfen am Rand. Bei 5.6 über den kompletten Ausschnitt sauber aufgelöst. Profilkorrekturen u.ä. deaktiviert.

Verzeichnung ist durchaus vorhanden, mehr als ich das annehmen würde. Aber diese kann ich in Lightroom ebenso korrigieren wie die Vignettierungen bei den Blenden F1.4 und F2. Farbsäume sind mir super selten aufgefallen, aber auch diese können mit Lightroom entfernt werden. Das Glas liefert einwandfrei ab.

Einzig mit Reflektionen und Flares habe ich hin und wieder etwas zu kämpfen. Vor allem aber immer dann, wenn ich mal wieder zu faul war, die Gegenlichtblende zu nutzen (siehe oben). Sonnensterne sind gut möglich, etwa ab Blende F11. Ich bin ehrlich, hierfür nutze ich aber lieber meine Voigtländer-Objektive. Da sind sie doch noch etwas klarer und deutlicher.

Bei Aale Dieter auf dem Fischmarkt (Fuji X-T5 mit XF 23mm F1.4 LM WR)
Ein schöner Sonnenstern und Flares bei Blende F11. Mit Grüßen an Aale-Dieter auf dem Hamburger Fischmarkt (Fuji X-T5 mit XF 23mm F1.4 R LM WR).

Fehlt noch das Bokeh. Schaue ich mir die Familienbilder an, so muss ich neidlos anerkennen, dieses Objektiv hätte ich so gerne in meiner Sammlung (natürlich muss ich es wieder an Fujifilm zurück geben!). Das gilt sowohl für die Vordergrund- als auch für die Hintergrundunschärfen. Das Bokeh ist cremig und etwas weicher als ich das vom alten 23er gewohnt war, diesem wurde ja immer wieder auch ein etwas harrsches Bokeh nachgesagt. Nein, damit fühle ich mich total „abgeholt“. Es ist eine Unschärfe, die auffällig unauffällig ist. Eine, die ich wirklich gerne mag.

Ein schnelles Zwischenfazit zum neuen 23er 1.4

Was gibts da noch zu sagen? Ein super schneller Autofokus, dazu nicht hörbar. Bei fast perfekter Bildqualität und einem ansprechenden Bokeh. Alles zusammen für derzeit um die 900 Euro? Eigentlich ein No-Brainer, gäbe es nicht deutlich günstigere Alternativen.

Auf diesem Blog habe ich bereits das Viltrox 23mm F1.4 und das (qualitativ nicht vergleichbare) TTArtisan 23mm F1.4 besprochen. Ins Rennen werfen könnte man unter anderem auch das Voigtländer 23mm F1.2 (hierzu kann ich leider nichts sagen) und das „alte“ Fujinon 23mm F1.4.

Bevor ich einen Vergleich zwischen der alten und der neuen Variante ziehe, sei Euch das neue Fujinon XF 23mm F1.4 R LM WR wärmstens ans Herz gelegt. Es gibt aus meiner Sicht nur drei „Angriffspunkte“, die das Objektiv bietet. Und ganz ehrlich, das ist ganz schön wenig.

Das Fujinon XF 23mm F1.4 R LM WR im Vergleich zum Vorgänger Fujinon XF 23mm F1.4 R

Wie schon angedeutet, es ist nicht nur das LM und das WR, das die beiden Objektive voneinander unterscheidet. Die neuere Variante ist deutlich länger, dafür etwas schlanker und schwerer. Positiv fällt die verbesserte Naheinstellgrenze auf. Und offenbar wurden deutlich mehr Gläser verbaut, was sicherlich die Unterschiede in Länge und Gewicht erkären dürfte.

XF 23mm F1.4„alt“„neu“
Länge63mm78mm
Filterdurchmesser62mm58mm
Gewicht300g375g
Naheinstellgrenze28cm19cm
Linsensystem11 Linsen in 8 Gruppen15 Linsen in 10 Gruppen
LM & WR?neinja
Straßenpreis600-850 €*ca. 900 €
*Der Preis für das alte 23er Fujilux variiert derzeit stark, mit Fuji Cashback sind sogar Neupreise um 550 € möglich (Stand 31.12.2022)
Fujinon 23mm F1.4 LM WR
Im direkten Vergleich ohne Gegenlichtblende: Links das „Alte“, rechts das „Neue“.

Bevor wir in die Bildergebnisse einsteigen, lasst mich noch auf einen Unterschied eingehen. Und dieser Punkt geht – leider – an die alte 23er Variante. Ich vermisse die Clutch, also die Möglichkeit, das Objektiv mit einem Zurückziehen des Fokusrings manuell scharf stellen zu können. Dieser Mechanismus ermöglicht ein analoges Gefühl und ist hilfreich beim Fotografieren nach dem Prinzip des Zonenfokus. Also vorfokussieren auf die geschätzte Entfernung (denn die Skala wird angezeigt) und im richtigen Moment nur noch abdrücken. Diese Möglichkeit bietet das neue Fujinon XF 23mm F1.4 LM WR nicht mehr. „Angriffspunkt“ Nummer 1.

23er 1.4 neu vs. alt: Die Bildergebnisse

Für den direkten Vergleich möchte ich mit Euch noch einmal in die Hamburger U-Bahn Station Überseequartier gehen, da hatte ich nämlich auch die alte 23er Version mit dabei. Und daher habe ich die Euch schon bekannte Belichtungsreihe im direkten Vergleich gemacht.

Zweimal Offenblende: Links das „Neue“ 23er, rechts das „Alte“ 23er. Erkennbar sind die chromatischen Aberrationen an den Kanten der Lampen rechts am Rand. Profilkorrekturen u.ä. deaktiviert.
Und zweimal Blende 5.6: Links das „Neue“ 23er, rechts das „Alte“ 23er. Ich erkenne keine relevanten Unterschiede. Vielleicht hat das „Neue“ am Rand etwas mehr Zeichnung? Was denkt Ihr?

Ich finde, dass die beiden Objektive ziemlich nah beieinander liegen. Und was wir bei der Urteilsfindung im Kopf haben müssen: Beide Objektive müssen sich am 40 Megapixel Sensor messen lassen, was für das inzwischen knapp zehn Jahre alte Fujinon XF 23mm F1.4 R eine Challenge ist. In der Auflösung sehe ich kaum Unterschiede, was allerdings auffällt, sind die chromatischen Abberationen beim alten 23er, diese sind ziemlich heftig und nicht komplett in Lightroom korrigierbar – zumindest bei diesem Beispiel.

Lasst uns in diesem schnellen Direktvergleich abschließend einmal auf das Bokeh schauen. Dazu habe ich wieder einmal Gargamel in die Pflicht genommen. Auf dem kommenden Beispiel steht er in der Kameraschlaufe der Fuji X100V und lässt sich von eben derselben fotografieren – könnte man meinen.

Der Offenblendenvergleich: Links das „Neue“ 23er, rechts das „Alte“ 23er, fokussiert auf Gargamel. Das Bokeh links erscheint mir etwas weicher und cremiger.

Was mir auffällt: Der Bildwinkel ist leicht unterschiedlich, auf das alte 23er passt etwas mehr drauf, es ist eine Idee weitwinkliger. Kann aber auch an einer unterschiedlichen Auslesung der Software liegen, da bin ich mir nicht sicher. Denn für beide Produkte finde ich im Netz den identischen Bildwinkel von 63,4°. Wie immer, wenn Du es weißt, schreib‘ es gerne in die Kommentare …

Mein Bokehpunkt geht indes ans neue 23er, mit knappem Vorsprung. Es ist etwas weicher, etwas blurriger, cremiger. Ohne es in der Tiefe getestet zu haben, es sieht so aus als sei das neue Objektiv immer dann mit einer besseren Leistung am Start, wenn das alte 23er ein störrisches Bokeh hatte. Und das ist ja durchaus hin und wieder so gewesen …

Abschließend – das Fujinon XF 23mm F1.4 R LM WR

Das Objektiv hat mich auf ganzer Länge überzeugt. Das wisst Ihr schon. Fehlen noch zwei der drei von mir etwas überspitzt titulierten „Angriffspunkte“. Während in der Bildqualität Fuji für das neue 23er jeweils noch eine Schippe darauf gelegt hat, fallen im Direktvergleich – neben der Clutch – noch zwei Vorteile für das alte 23er auf. Zugegebenermaßen auch hier wieder, etwas überspitzt.

Angriffspunkt“ Nummer 2: Die Größe. Vor allem mit der Gegenlichtblende fällt das neue 23er eine kleine Nummer zu groß aus. Die alte Variante gefällt mir deutlich besser, insbesondere an der X-Pro oder der X-E Reihe sehe ich den kürzeren und zudem auch leichteren Vorgänger im Vorteil.

„Angriffspunkt“ Nummer 3: Der Preis. Ich finde etwa 900 Euro für ein in allen Belangen überragendes Objektiv angemessen, versteht mich nicht falsch. Ich konnte aber zeigen, dass die Vorgängerversion – mit wenigen Ausnahmen – beinahe noch auf Augenhöhe ist. Und dies sogar am neuen 40 Megapixel Sensor, für den das Objektiv gar nicht gerechnet ist. Zwar ohne LM und WR. Zum derzeitigen Cashback-Preis von 550 Euro (z.B. bei Foto Koch) aber durchaus eine Überlegung wert, oder?

Meine Empfehlung: Kauf Dir die neueste Variante, wenn Du die beste Qualität möchtest. Aus meiner Sicht kannst Du mit ein paar Einschränkungen auch weiterhin den Vorgänger nutzen. In jedem Fall wirst Du eine erstklassige Optik an Deiner Fuji Kamera haben!

Danke, liebes Fuji-Team für die Leihgabe!

Links zum Fujinon XF 23mm F1.4 R LM WR

Beispielbilder zum Fujinon XF 23mm F1.4 R LM WR

Details zu Blende und Verschlusszeiten befinden sich im Infofeld. Weitere Beispielbilder, die ich mit dem Fujinon XF 23mm F1.4 LM WR gemacht habe, findest Du auch im Bericht zur Fujifilm X-T5.

6 Gedanken zu „Das Fujinon XF 23mm F1.4 R LM WR im Praxistest („Mark II“)“

  1. Hallo Florian,

    ja, 23 (35)mm sind schon schön! Ich mag das Glas sehr und nutze es auch recht oft. Mir fällt wirklich nichts ein, was gegen den Kauf spricht. Ich habe nur sehr viel mehr dafür bezahlt, als du im Beitrag schreibst.

    Jörn

    Antworten
    • Es ist wirklich erstaunlich wie günstig das alte 23er derzeit zu haben ist. Das wird vermutlich der Abverkauf sein und wer jetzt nicht zuschlägt, der geht dann leer aus. Denn dann gehen die Preise für die letzten Exemplare (und die Gebrauchten) vermutlich wieder nach oben.
      Viele Grüße, Florian

  2. Eine kleine Ergänzung zu dem sehr guten Artikel – betreffend das neue Geschwisterobjektiv 1,2/56: Diesem fehlt der Linearmotor, weshalb es auch tatsächlich nicht ganz so schnell beim AF ist, wie die anderen Familienmitglieder.

    Völlige Zustimmung übriges zu den den 40 MP in Verbindung mit den „nicht mehr empfohlenen“ Linsen. Die Bildergebnisse sind mehr als gut, jedenfalls beim 14 mm und dem 55-200 mm, die ich verwende.

    Antworten

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