Die Minolta CLE. Die kleinste und schönste Leica M?

Was für eine provokante Überschrift, ich gebe es zu. Leica M Jünger könnten entrüstet aufschreien, eine Minolta CLE könne doch nie und nimmer und unter keinen Umständen eine Leica sein. Auf der anderen Seite sind da so viele Indizien, dass die CLE wirklich alles hat, was auch „eine M“ hat. Vielleicht sogar noch mehr? Und vielleicht sogar noch schöner? Egal, ich habe sie mir gekauft und mich umgehend in sie verliebt.

Zur Vorgeschichte der CLE: Minolta und Leitz hatten in den 1970er Jahren mit der Leica CL ein gemeinsames Projekt. Dabei stand CL für „Compact Leica“ und sollte eine einfachere und kleinere Ausführung zum damaligen aktuellen Messsuchermodell, der Leica M5, werden. Von 1973 bis 1976 wurden von der Leica CL eine ganze Menge gebaut und verkauft. Dem Vernehmen nach wurde das Projekt von seitens Leitz eingestellt, da man wohl befürchtete, dass die CL den „großen“ Modellen die Absätze nehmen könnte. Also ein typisches Beispiel des Kannibalisierungseffektes, die Leica CL war einfach „zu erfolgreich“.

Die Minolta CLE und die Leica-Philiosophie

Minolta hingegen führte die Entwicklung fort und so wurde 1980 auf der Photokina mit der Minolta CLE der inoffizielle Nachfolger der Leica CL vorgestellt und 1981 auf den Markt gebracht. Die beiden Modelle sind sich zumindest äußerlich auch ziemlich ähnlich. Aus heutiger Sicht könnte man behaupten, Form und Größe der CL hätte Minolta beibehalten, die äußerlichen Feinheiten dafür näher an die bestehenden Leica Ms herangeführt. Überspitzt formuliert: Die Minolta CLE könnte ein Baby aus Leica CL und Leica M6 sein – wobei Letztere 1980 noch gar nicht auf der Welt war.

Minolta CLE
Die wohl kleinste Leica M? Ein Baby aus Leica M und Leica CL? Die Minolta CLE.

Etwa 35.000 Stück sollen bis Mitte der 1980er Jahre von der Minolta CLE verkauft worden sein. Mit dem Rokkor 40mm F2 im Paket waren etwas mehr als 1.500 DM fällig. Wenn man sich den heutigen Gebrauchtmarkt anschaut, dann wurden ziemlich viele davon wohl in Japan verkauft, denn von dort kommt ein Großteil der eBay-Angebote. Schon 1985 war jedoch Schluss mit der CLE, Minolta entwickelte die Kamera nicht weiter, obwohl sie zu diesem Zeitpunkt für eine Messsucherkamera extrem fortschrittlich war. Hat sie doch eine Zeitautomatik, die Konica in ihrer RF erst 1999 für M-Bajonett Kameras anbot und Leica selbst sogar erst 2002 – mit der M7. Und sie war „die erste Messucherkamera der Welt mit Belichtungsmessung durch das Objektiv, Belichtungsautomatik und Wechselobjektiven“ (aus „70 Jahre Minolta Kameratechnik“ von Anni Rita und Josef Scheibel, Amazon Affiliate).

Dennoch wurde es still um die Minolta CLE. Und weil sie keine „echte“ Leica ist, steht sie auch heute noch im Schatten der großen Brüdern aus der Leica M-Reihe, aber auch zu den weiteren Messsucheralternativen, wie zum Beispiel der Zeiss Ikon. Mal ehrlich, wen juckt das? In Zeiten des Analogbooms kann dieses Schattendasein nämlich auch ein ganz entscheidender Vorteil sein …

An Impossible Project – die Wiederentdeckung der Analogfotografie

Die analoge Fotografie erlebt derzeit einen unglaublichen Hype. Seit Jahren lechzen vor allem junge Menschen nach analogen Erlebnissen. Dazu gehört der Boom von Schallplatten (in den USA wurde im ersten Halbjahr 2020 erstmal wieder mehr Umsatz mit Vinyl als mit CDs gemacht). Oder auch die Wiederentdeckung des Filterkaffees und der Hype um das Brotbacken. Und ganz offensichtlich auch die analoge Fotografie. Ich kann Euch den erst dieses Jahr erschienenen Film „An Impossible Project“ sehr ans Herz legen, der als zentralen Handlungsstrang die Renaissance der Polaroid-Fotografie erzählt, aber eben auch viele weitere analoge „Techniken“ streift.

Minolta CLE
Minolta CLE mit dem Summicron-C 40mm

Schaut ihn Euch an, dieser Film ist unglaublich gut. Nicht zuletzt auch deshalb, weil man versteht, warum viele Menschen sich wieder vermehrt dem Analogen zuwenden und vielen digitalen Trends den Rücken kehren. So könnte es für Dich – wie für viele Analog-Fotograf:innen – eben entschleunigender sein, nur 36 Aufnahmen zur Verfügung zu haben (oder auf Rollfilm nochmal deutlich weniger). Und es macht etwas mit Dir, wenn Du auf Deine Ergebnisse warten musst. Und nach einigen Tagen schließlich ein echtes, ein analoges Unikat in Deinen Händen halten darfst.

Warum ich das so ausführlich erzähle? Weil gerade die Leica M Kameras ganz besonders vom aktuellen Hype betroffen sind. Im Fokus aller Kameraliebhaber ist dabei vor allem die Leica M6 – ihre Preise steigen und steigen. Konnte man vor fünf Jahren eine gut erhaltene Leica M6 noch für etwas mehr als 1.000 Euro ergattern, muss man heute schon deutlich über 2.500 Euro, wenn nicht sogar 3.000 Euro investieren.

Fakt ist, Du bekommst die digitalen Varianten Leica M9 (erschienen 2009) und Leica M240 (erschienen 2012) für deutlich weniger Geld als eine Leica M6 (erschienen 1984). Wenn Du also die Zeit zurück drehen kannst, dann vergiss ETFs. Investiere einfach in gut erhaltene Leica M6-Exemplare.

Die Minolta CLE als Leica M6 Alternative?

Und genau in dieses völlig versaute Preisumfeld von Leica Messsucherkameras werfe ich nun die Minolta CLE. Sie ist eben nicht im Fokus und daher beginnen die Exemplare preislich so etwa bei 800 Euro, im sehr guten Zustand musst Du auch schon mal in den vierstelligen Bereich gehen, ohne Objektiv natürlich. Ein Witz im Vergleich zu den Preisen einer Leica M6 oder anderen M-Kameras.

Warum ich den Vergleich so hervorhebe? Weil der Grundsatz „Das Objektiv ist wichtiger als die Kamera“ in der Analogfotografie noch mehr Bedeutung beizumessen als in der digitalen Fotografie. Völlig überzeichnet könnte man argumentieren, dass das Gehäuse allerhöchstens nur drittrangig sei, die Wahl des Objektives und die Wahl des Filmmaterials einzig und alleine entscheiden wären. Bliebe bei der Kamera eigentlich nur die Usability und die Funktionen. Also Handling, Belichtungszeiten, Verschluss, Einstellungen und so weiter und so fort.

Und da man an einer Minolta CLE ebenso wie an einer „echten“ Leica M Kamera alle M-Objektive verwenden kann (mit ein paar kleineren Einschränkungen – siehe weiter unten). müsse die CLE per se als echte Alternative gelten. Zumal sie sogar noch ein paar Features mitbringt, die man von Leica nicht kennt. Zumindest noch nicht in den 1980er Jahren. Doch nun noch einmal von vorne …

Minolta CLE
Die Minolta CLE. Gut zu erkennen ist der nervige Ein-Ausschalter. Hier steht er auf „on“ und verbraucht fleißig Strom.

Meine Erfahrung mit der Minolta CLE

Vor etwa drei Monaten habe ich ein exzellent erhaltenes Exemplar bei eBay Kleinanzeigen ergattern können. Es war ein Glücksfall, dass ich auf Leo gestossen bin. Ich habe dem Umstand, dass die Kamera damit aus meiner Geburtsstadt Singen am Hohentwiel kommt, gleich einen höheren Segen beigemessen. Aber natürlich in erster Linie, weil der Kontakt so nett und die Minolta CLE so schön erhalten war.

Mit dabei war ein Summicron-C 40mm F2, das noch für den inoffiziellen Vorgänger Leica CL gebaut wurde. Ich habe also nur noch einen Satz Filme benötigt und konnte direkt loslegen. Seitdem habe ich knapp 20 Rollen fotografiert, einen stattlichen Teil davon auf meiner Schneeschuhwanderung am süditalienischen Monte Pollino. Die Kamera konnte sich damit auch schon bei eisigen Temperaturen und viel Feuchtigkeit super bewähren, ganz ohne Einschränkung. In den Tagen davor und danach konnte ich mit ihrer Schlichtheit im Trubel von Neapel ganz unauffällig fotografieren. Und ich kann schon gar nicht mehr aufzählen, wie oft ich in Hamburg und Berlin auf diese kleine, schöne Kamera angesprochen wurde. Sie ist ein echter Connector.

Ja, ich habe mich wirklich in diese Schönheit verliebt. Sie ist klein, kompakt und auch leicht. Und hey, auch noch einmal deutlich kleiner als eine Leica M. Am Monte Pollino hatte ich parallel eine Leica M10-R im Einsatz; ziemlich oft habe ich zwischen den Kameras gewechselt. Und recht schnell war die eine eben „die Kleine“ und die andere „die Große“.

Ob in Hamburg, Berlin, Neapel oder am Monte Pollino. Immer habe ich die Minolta CLE unglaublich gerne in die Hand genommen. Immer wieder verführte sie mich dazu, Bilder zu machen. Anfangs habe ich ausschließlich mit dem kleinen Summicron-C 40mm F2 fotografiert, inzwischen aber eine ganze Menge unterschiedlicher Linsen ausprobiert. Sogar die Königsdisziplin – das Leica Noctilux 50mm F0m.95 – hat die Minolta CLE gemeistert. Und die Ergebnisse können sich – wie ich finde – durchaus sehen lassen.

Natürlich hat sie auch ein paar kleine Macken

Vielleicht fange ich mit den kleinen Macken an. Der Ein- und Ausschalter ist wirklich fieselig und nervt. Von einem positiven Handling kann hier leider keine Rede sein. Du musst den kleinen Schalter erst schwierig greifen, leicht zur Seite und gleichzeitig nach unten drücken. Erst dann funktioniert die Kamera. Damit sich die Batterien nicht entladen, musst Du das nach der Fototour aber auch wieder rückgängig machen. Und auch nach dem x-ten Mal habe ich mich immer noch nicht daran gewöhnen können.

Minolta CLE
Die Minolta CLE – eine wahre Schönheit. Hier mit einer „Fake“-Gegenlichtblende von VHBW für ein paar Euro.

Gewöhnungsbedürftig ist auch der Auslöser, es handelt sich um eine Art berührungssensitiver Button, den man allzuleicht auslöst. Es ist mir immer wieder passiert, dass ich schon auslöse, obwohl ich noch dabei war, den Bildausschnitt korrekt auszurichten. Und schließlich nervt der Batteriedeckel auf der Unterseite. Vielleicht nur ein Thema bei meinem Exemplar, aber er ging immer wieder zu schnell auf. Ein Tape auf dem Boden angebracht und schon war das Problem gelöst. Ganz ehrlich, das wars schon mit dem Nervkram.

Warum ich die Kamera so gern habe

Ansonsten: Wow, was für eine geile Kamera. Nicht nur von außen, auch von innen. Fängt beim Film einlegen an, denn mit der aufklappbaren Rückwand funktioniert das total easy (das muss bei der Leica CL noch viel komplizierter gewesen sein). Es geht weiter mit der Belichtungssteuerung. Einwandfrei, alle meine Bilder sind korrekt belichtet. Und das mit einer Zeitautomatik.

Zeitautomatik, hallo Leica? Diese wurde in Wetzlar mit der M7 erst im Jahr 2000 eingeführt. Minolta war Leica in diesem Punkt doch tatsächlich 20 Jahre voraus. Und genau diese Zeitautomatik weiss ich total zu schätzen. Blende einstellen, vor dem Auslösen kurz checken ob die Blende nicht zu offen oder zu geschlossen ist und schon ist das Bild im Kasten. Ziemlich hilfreich in der Street Photography, wenn es super schnell gehen muss.

Minolta CLE
Dinner for Two – und genau diesen einen Moment eingefangen / Minolta CLE mit Leica Summilux 28mm F1.4 auf Ilford Delta 400 / Ristorante Il Gobetto in Neapel, Italien

Der Sucher hell und klar, das Scharfstellen mit dem Messsucher klappt fast immer einwandfrei, vielleicht nicht auf dem Niveau einer Leica M10-R, aber richtig gut nutzbar. Wie schon gesagt, sogar mit dem Leica Noctilux (mit Graufilter) habe ich das irgendwie hinbekommen. Ein so großes Objektiv verdeckt natürlich einen Teil des Sucherbildes, aber es funktioniert. Selbstredend sind es auch eher die kleineren M-Objektive, die an die Minolta CLE passen, da die Kamera sonst sehr schnell dazu neigt, frontlastig zu werden. Aber noch einmal: mit allen von mir genutzten Leica Objektiven (Summilux 21mm F1.4 / Super Elmarit 21mm F3.4 / Summilux 28mm F1.4 / Summicron 28mm F2 / Summicron 35mm F2 / Summicron-C 40mm F2 / Noctilux 50mm F0.95 / Tele Elmarit 90mm F2.8) konnte ich einwandfrei arbeiten und gute Ergebnisse erzielen.

Nun ist wichtig zu wissen, dass in der Minolta CLE nur die Sucherrahmen 28mm, 40mm und 90mm eingeblendet werden. Das liegt daran, dass genau für diese Brennweiten auch eigene Objektive entwickelt wurden – das sind die Minolta M-Rokkor Objektive (28mm F2.8 / 40mm F2 / 90mm F4). Entsprechend werden bei Normalbrennweiten wie 35mm oder 50mm die „falschen“ Sucherrahmen von 40mm eingeblendet. Damit kann ich jedoch leben, denn je nach Objektiv schätze ich einfach „etwas mehr“ oder „etwas weniger“. Wer will, kann natürlich auch einen Aufstecksucher verwenden und so zum Beispiel auch auf 21mm Brennweite „kontrollieren“.

Minolta CLE
Schaut Euch dieses unglaubliche Korn im Unschärfeverlauf einmal an / Minolta CLE mit Summicron-C 40mm F2 auf Ilford HP5+ 400 / Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin

Die Minolta CLE hat mir durch ihre vielen Möglichkeiten alle Freiheiten gelassen, mich auf die analoge Fotografie zu konzentrieren. Die Zeitautomatik – und das mögen viele anders sehen – hat mir geholfen, einen Teil der Technik zu vergessen. Mit dem Messsucher zu arbeiten, den Bildausschnitt festzulegen, im richtigen Moment abzudrücken und nicht zusätzlich noch die Belichtung regeln zu müssen – das hat mir die Möglichkeit gegeben, die Momente einzufangen, die manchmal auch nur ganz kurz „da“ sind. Und eben nicht noch eine weitere Komponente in den Griff bekommen zu müssen.

Die Minolta CLE ist natürlich keine Leica M!

Okay, okay. Natürlich kann eine Minolta keine Leica sein. Und auch keine „echte M“. Für mich spielt das aber gar keine Rolle. Ich habe die Minolta CLE für mich entdeckt. Ein Schnäppchen im Vergleich zur Leica M. Viel kleiner. Mit ein paar Funktionen mehr und dafür auch ein paar kleinen Einschränkungen.

Aber sie kann das, was ich mir auch von einer Leica M wünsche. Nämlich mit diesen wunderbaren Leica Gläsern zu funktionieren. Und mir alle technischen Möglichkeiten zu geben, dass ich mich total auf das Erlebnis „Analoge Fotografie“ einlassen kann.

Ihr kennt das. So eine neue Kamera, die Euch richtig packt, das ist schon was tolles. Da kann ich eigentlich nur noch mit dem Fazit von Ken Rockwell schließen – alles andere ist dann sowieso nur noch Emotion!

The Minolta CLE does pretty much the same thing as the LEICA M7, for one-tenth the price and 1/3 less weight. The LEICA Minolta CLE could be photography’s messiah: the smallest, lightest possible solution for a complete advanced camera system.

Ken Rockwell, Foto & Tech Reviewer-Legende, 2009 über die Minolta CLE

Links zur Minolta CLE:

Beispielbilder aus Hamburg & Berlin

Minolta CLE mit Ilford HP5+ 400 (Berlin) und JPH Street Pan 400 (Hamburg) mit Leica Elmar 28mm F 2.8 und Leica Summicron-C 40mm F2

Beispielbilder aus Neapel

Minolta CLE mit Ilford Delta 400 mit Leica Summilux 28mm F 1.4 (mehr Bilder und ein Bericht dazu hier).

Minolta CLE mit Kodak Ektar 100 mit Leica Super Elmar 21m F3.4 und Leica Summicron 28mm F2 (mehr Bilder und ein Bericht dazu hier).

Beispielbilder vom Monte Pollino, Italien

Minolta CLE mit Ilford Delta 100 mit u.a. Leica Super Elmar 21m F3.4, Leica Noctilux 50mm F 0.95, Leica Summicron 28mm F 2 (mehr Bilder und ein Bericht dazu hier).

3 Gedanken zu „Die Minolta CLE. Die kleinste und schönste Leica M?“

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