Meine Romanze mit der Leica M262 (Review)

Gerade hatte der Frühling seine ersten Fühler ausgestreckt und wir haben begonnen, uns von den grauen Wintertagen zu verabschieden und die ersten warmen Sonnenstrahlen zu begrüßen. Ist so ein Frühling nicht die perfekte Jahreszeit, um die Liebe zu entdecken oder zu erneuern? Der Duft von Blumen, das Zwitschern der Vögel, alles erwacht zum Leben und die Natur zeigt sich in voller Schönheit. Ich habe mich in diesem Frühjahr von dieser romantischen Stimmung inspirieren lassen. Mitte März ist die Leica M262 – oder um die genaue Bezeichnung zu verwenden – die Leica M (Typ 262) bei mir eingezogen. Im Nachhinein betrachtet war es eine kurze Beziehung, die im Juli schon wieder vorbei war. Eine Romanze.

Die Leica M262 – eine Einordnung

Man kennst sie ja, die großen Meilensteine in der Modellreihe der Leica Messsucherlinie. Die prägenden Modelle M3 und M6. Oder auch mit der M8 die erste digitale Version. Und viele schreiben auch der M10 eine ikonische Sonderrolle zu, ist sie ja schließlich auch das Modell, das erstmals wieder die Ausmaße der klassischen analogen Ms hatte. Solch eine ikonische Stellung hat die Leica M262 sicherlich nicht. Aber dennoch ist sie eine kleine Ausnahme im Line Up der so außergewöhnlichen Kamerafamilie aus Wetzlar.

Wir erinnern uns: 2006 kam mit der M8 die erste digitale Leica auf den Markt, damals noch mit einem gecroppten Sensor. 2009 folgte darauf die M9, damals weltweit die kleinste derartige Kamera mit einem Vollformatsensor. Als 2013 der nächste Nachfolger (Schwestervarianten lasse ich hier mal unter den Tisch fallen) angekündigt wurde, dachte die Szene logischerweise an eine M10. Weit gefehlt. Leica verpasste der „Neuen“ den Namen M (Typ 240). Ein Umdenken im Marketing, fortan gäbe es nur noch eine M, eben mit verschiedenen Typ Bezeichnungen. Der Gedanke hielt nur wenige Jahre, schon 2017 kam dann die M10 auf den Markt (dazu aber ein andermal mehr).

Die Leica M262. Eine echte Reduzierung auf das Wesentliche? Jedenfalls gibt es nicht einmal ein ISO Rad.

Die M240 war nicht nur von ihrer Namensgebung besonders. Leica hatte ihr einen 24 Megapixel-Sensor verpasst und erstmals Live View mit Fokus Peaking und Videofunktionen. Ihr wurde von vielen der Ruf attestiert, das erste Modell zu sein, dass es mit dem aktuellen Stand der Technik aufnehmen könne. Noch heute wird sie gerne als mögliches Einstiegsmodell in die digitale M-Fotografie empfohlen, da sie in gutem Zustand schon zwischen 2.400 und 2.700 Euro zu haben ist. Für Leica-Verhältnisse geradezu ein Schnäppchen!

Die zwei Jahre später auf den Markt gekommene Typ 262 ist schließlich eine Modifikation der Typ 240 – im Leica Kosmos spricht man auch gerne von „Derivaten“. Die M262 verzichtet dabei sowohl auf den Live View als auch auf die Videofunktionen und wurde von vielen in der Szene als der echte Nachfolger der Leica M9 gefeiert. Denn sie verzichtet auf für viele Fotograf:innen unnötige Funktionen (Video!). Eine Reduzierung auf das Wesentliche – also quasi die Umsetzung des Claims, den Leica eigentlich erst für die M10 einführte. In anderen Worten: Eine puristische Modifikation der Leica M240. Also ein analoges Gefühl in einer digitalen Kamera? Genau das hatte mich getriggert. In diesem schönen Frühjahr 2022.

Die Leica M262 und ihr Aussehen

Als ich sie in den Händen hielt, war es schon um mich geschehen. Optisch eine Wucht, die Verarbeitung so toll, wie man es sich von einer Leica eben erwartet. Das Puristische habe ich der Kamera schon angesehen, bevor ich sie eingeschaltet habe. Schließlich das Menü. Ein Traum, weil es so gut wie nichts einzustellen gibt. Jede Funktion sofort erreichbar. Wenn es hier überhaupt etwas zu bemängeln gibt, dann ist es das fehlende ISO Rädchen. Die ISO Einstellung im Menü dauert einfach zu lange.

Aber sonst? Es ist eine Kamera, die jeder Fotograf mit Herz und Gefühl lieben kann, ja lieben muss. Denn sie steht für die analoge Fotografie in einem digitalen Body wie keine andere Kamera (übertrumpft höchstens noch von der M-D, die sogar auf ein Display verzichtet).

Leica M 262
Die Leica M262. Eine echte Schönheit.

Äußerlich eine wahre Schönheit, wenn überhaupt könnte man sich noch den Wahlhebel zur Rahmenwahl wünschen. Und dann ist sie noch ein paar Gramm leichter als die M240, denn die Gehäuseplatte besteht aus Aluminium. Kenner sagen, dass sie genau diesen Unterschied auch merken.

Was mir viel mehr auffällt: Im Gegensatz zu den Leicas, die ich bisher nutzen durfte (lest hier gerne meinen Bericht zur Leica M10-R), ist die Leica M262 einfach etwas dicker. Es sind zwar nur vier Milimeter, aber irgendwie doch eine andere Welt. Denn die 262 (und damit natürlich auch die 240er und alle ähnlichen Modelle) fühlt sich deutlich klotziger an. Wenn ich mich an irgend etwas „äußerliches“ gewöhnen muss in dieser Beziehung, dann ist es ihr Körperumfang. Man könnte sagen, sie ist etwas „curvy“. Hat mich aber nicht wirklich gejuckt.

Ganz ehrlich, mit keiner anderen Kamera wurde ich so häufig angesprochen. Egal ob von Jung oder Alt, von Frauen oder Männern, Fotograf:innen oder Nicht-Fotograf:innen. Immer wieder wollen die Menschen flirten. Nicht mit mir, sondern mit meiner Leica M262. Das macht etwas mit den Leuten vor Deiner Linse. Und das macht etwas mit Dir!

Mit der Leica M262 unterwegs

Natürlich schmachte ich sie nicht nur an. Nein, ich nehme sie auch mit auf die Straße, mit zu Veranstaltungen, in den Urlaub. Und freue mich immer wieder aufs Neue, sie an meiner Seite zu haben. Ich gönne Ihr mehrere Objektive, meistens das charaktervolle Leica Summicron-C 40mm F2 und die beiden Voigtländer Gläser Ultron 28mm F2 und Nokton 50mm F1.2. Am schönsten steht ihr das Leica, am meisten aber habe ich das superlichtstarke 50er Nokton drauf. Denn Lowlight, das kann die M262 nicht so gut.

Ihr wisst es ja schon, meine Liaison mit der Kamera hielt nur gute drei Monate durch. Sie hat mich in dieser Zeit oft begleitet, aber oft hat sie mich auch zur Verzweiflung gebracht. Immer wieder haben wir es miteinander versucht. Wir haben gekämpft und sie hat immer wieder mit ihrer Schönheit, aber auch mit ihrer puristischen Lebensart gepunktet. Diese Schlichtheit, diese analoge und einfach Bedienung bringen mich noch heute ins Schwärmen. Und in Sachen Weißabgleich, Lowlight-Performance und Farbwiedergabe hat sie meine Leidensfähigkeit bis zur äußersten Grenze ausgelotet.

Die M262 bei Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys

So zum Beispiel als ich die Kamera zu einem Pressetermin mitnehme. Für ein Musikmagazin interviewen wir Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys vor dem Auftritt im Hamburger Mojo Club. Die Band war gerade zwei Wochen davor sensationell und völlig unerwartet mit ihrem neuen Album „Mille Grazie“ auf Platz 1 der deutschen Albumcharts eingestiegen. Klar, dass ich die Leica M262 mitnehme, denn da trifft ja irgendwie eine analoges Feeling auf die Retrowelle des Italo-Schlagers der 60er, 70er und 80er Jahre des letzten Jahrhunderts. Ich bin happy, dass ich sowohl beim Interview Fotos machen darf als auch später auf dem Konzert selbst. Ob ich irgendwelche Bedenken hatte in punkto Lowlight? Zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht.

Der Mojo Club befindet sich direkt unter den Tanzenden Türmen an der Hamburger Reeperbahn. Die ganze Anlage, also Bühne und Zuschauerraum, Gastro und Technik, aber auch die Backstageräume, befinden sich unter der Erde. Was als Besucher und Musiker wirklich spekatkulär ist (besucht unbedingt diese Location), ist als Fotograf:in wirklich anstrengend. Denn es ist dunkel, nur schummrig beleuchtet und die Wände schlucken das wenige Licht, das es gibt.

Und jetzt stell Dir vor, Du hast eine Leica M262 dabei, deren Stärken weder im Lowlight-Verhalten, noch in der Belichtungsautomatik liegen und deren Weißabgleich auch nicht auf dem neuesten Stand arbeitet. Ach ja, natürlich musst Du dann die Blende weit aufreissen, Licht ist ja Mangelware. Und manuell fokussieren. Prinzip „Offen und Hoffen“. Bei zappelnden Musikern ein echter Harakiri Job.

Ein paar brauchbare Bilder sind dennoch herausgekommen, wie ich finde. Aber der Ausschuss war enorm. Was habe ich bei dem Termin geschwitzt, schließlich habe ich ja schon gemerkt, dass das ganz schön eng wird, mit den brauch- und druckbaren Ergebnissen. Zuhause musste ich kräftig nachbearbeiten. Und hey, wenn zu wenig Licht da ist, dann habe ich das aus den RAWs auch nicht mehr rausbekommen.

Ja, Du hast recht wenn Du anmerkst, dass ich die falsche Kamera dabei hatte (oder zumindest einen Blitz mitnehmen hätte können). Aber so ist das eben, wenn Du in einer Beziehung bist. War doch klar, dass ich die schöne Leica M262 mitnehme, oder?

Leica M262 und die Farben

Nun, an einer Beziehung muss man arbeiten, das wissen wir alle. Und das habe ich immer wieder getan. Insbesondere wenn es um das Thema Farbwiedergabe geht. Vor allem bei schwierigen Lichtverhältnissen war ich mit den Farben gar nicht einverstanden. Kaum waren die RAWs in Lightroom geladen, sprang mir ein krasses Rot entgegen, das vom Farbton schon ins Magenta abrutschte. Viel zu heftige Rottöne, gepaart mit Gelbtönen, die immer ins Orange abdrifteten. Mit meinem bisherigen Workflow bin ich überhaupt nicht klar gekommen und habe dann gegoogelt, was das Zeug hält.

Siehe da, ich war nicht alleine mit meinem Problem. Im deutschen Leica Forum bin ich auf einen hilfreichen Beitrag gestossen, der von seiner M262 (und die Thematik ist natürlich synonym zur M240) von ähnlichem berichtet. Mit seinem Lösungsansatz in Lightroom hat sich die Situation verbessert. Was mir aber auch klar geworden ist in den ganzen Forendiskussionen: Es scheint Fotograf:innen zu geben, die diese Farbverschiebungen sehen und es scheint welche zu geben, die sie nicht sehen. Warum auch das immer so ist, wer Recht oder Unrecht hat, keine Ahnung. Mich hats gejuckt.

Aus dem „Lösungsansatz“ habe ich mir schließlich ein Preset gebaut und dies als Grundlage für meine Bearbeitung genutzt. Im Falle der Roy Bianco Story habe ich das Ganze natürlich noch deutlich stärker modifiziert, weil ich die schlagereske Anmutung des Konzertes rüberbringen wollte. Aber seht selbst:

Links das „Ur-Bild“. Schaut Euch die Rottöne an. Da musste ich wirklich lange daran arbeiten bis ich rechts die „Schlagerwärme“ erzeugt hatte. „Out of Camera“ würde das für mein Dafürhalten nicht funktionieren. Das ist aber auch eine Extremsituation, zugegeben.

Es ist mir aber immer klarer geworden, dass die Leica M262 immer dann schwächelt, wenn das Licht zu wenig wird. Und dass ich die Farben oftmals eben nicht in den Griff bekomme. In Kombination mit dem viel zu oft falsch sitzenden Weißabgleich und einer Belichtungsmessung, die mich um den Verstand bringt.

Warum die Leica M262 dann doch gehen musste…

Nach nur drei Monaten habe ich gewusst, die Leica M262 ist zwar wirklich eine wahnsinnig schöne Kamera, die in der digitalen Fotografie tatsächlich ein analoges Gefühl vermitteln kann. Und ja, sie liefert auch tolle Ergebnisse. Ich habe damit ein paar meiner Lieblingsaufnahmen in dieser Zeit gemacht. Ich denke dabei an die Aufnahmen vom Fischmarktsteg oder an das Shooting im Kornfeld (auf den Beispielbildern unten). Aber die Kamera lieferte für mich immer nur dann ab, wenn die Umstände stimmten. Stichwort Schönwetterfotografie.

Damit eignet sie sich zumindest für mich nicht als (Haupt-) Kamera. Und so mussten wir – die Leica M262 und ich – unsere Romanze beenden, nach nur drei Monaten.

Nein, ich bin den Leica Ms nicht untreu geworden. Aber ich habe im Sommer das Upgrade zur M10 gewagt. Davon werde ich Euch aber zu einem späteren Zeitpunkt berichten (Update im September 2023: hier habe ich dazu geschrieben).

Epilog

Was ich wirklich vermissen werde? Nein, nicht nur ihre unheimlich schöne Anmutung. Die Leica M262 bringt überdies eine Akkuleistung mit, die ihresgleichen sucht. Ich hatte in der ganzen Zeit keinen Ersatzakku; und solch einen auch nie vermisst. Schon die M240 ist ja berühmt für ihre schier unendliche Akkupower. Da der M262 die Live View und Videofunktionen fehlen, hält der Akku tatsächlich noch etwas länger durch. Ein zweiter Akku für die Leica M262? Wohl einer der größten Fehlinvestitionen ever…

Zum Weiterlesen

Beispielbilder zur Leica M262

Hier findet Du eine Auswahl meiner Bilder mit der Leica M262. Alle sind gemacht im Zeitraum Mitte März bis Anfang Juli 2022. Meistens mit dem Leica Summicron-C 40mm F2, dem Voigtländer Ultron 28mm F2 und dem Voigtländer Nokton 50mm F2.

3 Gedanken zu „Meine Romanze mit der Leica M262 (Review)“

  1. Ich habe die M262 auch. Als Zweitkamera eignet sie sich hervorragend. Und genau wie du schreibst, ist sie eine Diva. Ich kenne das Farbthema auch und kann das bestätigen! Schöne Grüße Ferdinand

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