Berlin Photo Week 2021: Bruce Gilden, Fuji GFX und ein Street Photography Workshop

Nach vielen Monaten ohne Ausstellungen, Vorträge und Workshops ist die Berlin Photo Week 2021 das erste große Event für Fotografen. Die Veranstalter haben mit dem Haubentaucher in Friedrichshain eine außergewöhnliche Location gefunden, die nicht nur inspiriert, sondern ständig zum Fotografieren einlädt. Markant ist natürlich das Freibad mitten im Gelände, um das sich die großen Kamerahersteller mit ihren Ständen positioniert haben. In allen Ecken sind Ausstellungen zu finden, natürlich gibt es auch ein paar kleinere Anbieter der Branche mit ihren Ständen, sowie Kaffee, Drinks und Food Trucks.

Auffällig ist das Publikum. Es ist ja viel hipper, viel jünger und viel weiblicher als ich das von anderen Veranstaltungen kenne. Ja, das war auch schon auf der Berlin Photo Week 2019 so. Vielleicht liegt es an der Location, aber es ist endlich mal eine Veranstaltung in der nicht nur – sorry – alte, verschrobene Männer umherlaufen. Noch weniger als 2019.

“American Made” von Brude Gilden

Absolutes Highlight für mich sind die Bilder von Brude Gilden aus seiner Serie “American Made”. Anstatt wie sonst ungefragt auf die Menschen zuzustürmen und sie völlig unvorbereitet und fast ohne Abstand zu fotografieren, hat sich Bruce Gilden hier entschieden, Menschen “gefragt” zu fotografieren. Am offensichtlichsten ist sein absolut beeindruckender Kontrast zur Modelfotografie, zur Perfektion, zur Schönheit.

Brude Gildens "American Made" auf der Berlin Photo Week
Brude Gildens “American Made” auf der Berlin Photo Week

Seine Models fallen durch ihr Abweichen von der ästhetischen Norm auf, ja sie verblüffen durch ihre Nicht-Schönheit. Ich habe die Bilder schon einmal im Haus der Photograhie in Hamburg gesehen, hier auf der Berlin Photo Week sind sie aber so unprätiös aufgestellt, so passend zum Ungewöhnlichen an sich. Einmal mehr beeindrucken mich die Bilder ungemein, es ist schon erstaunlich, welche Bühne der Fotograf den Menschen gibt, die sonst schlichtweg übersehen werden. Auch technisch sind sie atemberaubend, Gilden hatte hier die Mittelformat Leica S mit seiner ganz eigenen Blitztechnik im Einsatz.

Mit der GFX 100 auf der Berlin Photo Week

Mittelformat ist auch das Stichwort für den technischen Part meines Besuchs auf der Berlin Photo Week. Bei MBP – dem Händler für An- und Verkauf von gebrauchter Kameras und Zubehör – hatte ich mir im Vorfeld eine Fuji GfX 100 reserviert. Dazu hatte ich die Objektive GF 32-64mm F4 und GF 110mm F2 (KB-äquivalent also etwa ein 24-50mm Allrounder-Zoom und eine 85er Portrait-Festbrennweite).

Was sollte mich erwarten? Riesige 100 Megapixel RAWs, eine unglaubliche Tiefe und Schärfe, Brillanz und deluxe-Objektive. Und das alles in gewohnter Fuji-Bedienung, dazu noch mit den mir so wichtigen Filmsimulationen.

Was habe ich bekommen? Vieles von dem, was ich erwartet habe. Dazu noch muskuläre Probleme im rechten Oberarm – das Ding ist schwer und die Objektive legen noch ein paar Extra-Gramm obendrauf. Aber ich war wirklich angetan von den Bildern, schon auf dem Display. Wow, was für eine Kamera. Vielleicht nicht fürs Gebirge oder für die Jackentasche, aber sicherlich fürs Studio.

Was habe ich nicht bekommen? Nun, ich habe den Sucher vermisst. Und ja, es gibt einen Aufstecksucher, der war aber nicht dabei. Wie seltsam ist es bitte, mit einem Beast zu fotografieren, sich aber wie ein Display-Fotograf zu verhalten? Ich habe natürlich aus Gewohnheit immer wieder die Kamera ans Gesicht geführt und dann immer wieder gemerkt, dass da kein Sucher ist. Die Macht der Gewohnheit, mal wieder.

Und was ich auch nicht bekommen habe, sind die RAWs. Ich durfte die benutzte Speicherkarte verwenden und MBP hat mir netterweise diese sogar geschenkt – leider aber die, auf der die JPGs gespeichert sind, nicht aber die RAWs. Diese Fristen nun ihr Dasein bei MBP auf irgendeiner Speicherkarte oder sie sind wahrscheinlich schon längst gelöscht.

Nun ja, sind wir ehrlich, die GFX und ihre Objektive sind mir eine Nummer zu groß. Daher ist es auch nur halb so wild, dass ich in Lightroom nun keine Dynamikchecks machen kann, was mit den RAWs denn nun so geht und was nicht …

Herspective

Herspective – ein Kollektiv vom Fotografinnen – sind mit einer eigenen Ausstellung auf der Berlin Photo Week. Ihre Botschaft ist ganz klar. Mehr als die Hälfte aller (Studien-) Abschlüsse in der Fotografie sind “weiblich”, aber nur ein kleiner Teil davon bekommt die Aufträge in der Branche. Weil eben – wie in so vielen anderen Bereichen auch – noch viele Jobs in Männerseilschaften vergeben werden. Und nur etwa 13% aller professionellen Fotograf:innen Frauen sind. Ein Plädoyer auf der einen Seite und eine Botschaft an die Auftraggeber von fotografischen Arbeiten auf der anderen Seite – das sind die gezeigten Aufnahmen des Kollektivs.

Workshop Street Photography

Nach ein paar Stunden auf dem Gelände der Berlin Photo Walk steht dann der Workshop “Street Photography in Friedrichshain” auf meinem Programm. Ich habe einen von acht Plätzen im Vorfeld ergattern können. Auch wenn es nicht mein Fotografie-Genre ist, so freue ich mich sehr auf diese vier Stunden, zumal der Workshop von Martin U Waltz durchgeführt wird.

Sein Name ist in meinem Blog schon einmal gefallen, weil er einer der Fotografen der Ausstellung “Stand der Dinge – Corona Krise 2020” ist, die ich in meinem Überblick zu Corona Fotografie Projekten vorgestellt habe. Außerdem kennen viele Fotografen sicherlich auch sein Titelbild zum Buch “Street Fotografie” (Amazon Affiliate), das auf der Seebrücke in Sopot entstanden ist.

Zu Beginn erläutert uns Martin seine Sichtweise und seine Tipps, die aus zehn Grundregeln bestehen. Sie erinnern mich sehr an die Vorgehensweise, die ich an meinen freitäglichen Fotospaziergängen bei meinem Freund Frank abschaue. Unauffällig sein, “Illusionen schaffen” – wie es Martin nennt. Das Gegenüber irritieren, in dem man sich unsichtbar macht. Sich aber nicht verstecken, sondern einfach mal stehen bleiben und dadurch unauffällig werden. Er zeigt uns seine Techniken, er referenziert wiederum Bruce Gilden. Und er erläutert uns anhand der Bilder der Ausstellung “Mauerkinder” von Thomas Höpkers seine Vorgehensweise in der Linienführung.

Den Berlinern in der Runde gibt er die klare Anweisung: Fühlt Euch hier nicht zuhause, geht als Fremder durch die Stadt. Tut so, als würdet Ihr einem Freund diese Stadt zeigen. Erst dann seid Ihr offen für das, was die Street Photography ausmacht. Für die Motive des Alltags. Fotografiert nicht Berlin, fotografiert das Alltägliche.

Genau das fällt mir schwer. Bin ich doch eher der Typ, der Hamburg so fotografiert, dass man die Stadt wiedererkennt. Mal im Touri-Kitsch, mal mit Local-Augen. Aber immer erkennbar. Mir fällt es schwer, das Alltägliche zu fotografieren, ohne es in den örtlich-kulturellen Hintergrund zu stellen. Aber ich stelle mich der Challenge. Und fordere mich heraus.

Berlin Photo Week 2021
Vermutlich mein Lieblingsbild aus dem Workshop Streetphotography. Der Zusammenhang ist offensichtlich, hier ist alles Gelb. Die Botschaft auf dem Plakat lässt uns sogar noch nach Leuten suchen, die Gelb sind. Und just – während die Frauen an der Bushaltestelle eben nicht suchen – finde ich den Blick einer gelben Frau. Und sie findet mich.

Nein, es ist nicht wirklich mein Genre. Aber es schärft meine Sinne. Und ich lerne viel Neues von Martin und lasse mich mitnehmen. Bin offen für die Inspiration. Vom Haubentauchergelände spazieren wir zum Boxhagener Platz. Von dort geht es weiter über die Frankfurter Allee und dann schließlich zur Oberbaumbrücke. Vier Stunden Workshop pur.

Gegen 19 Uhr geht dann mein Tag auf der Berlin Photo Week zu Ende. Eigentlich etwas zu kurz – aber auf der anderen Seite habe ich unheimlich viel Input mitgenommen. Nächstes Jahr werde ich wieder kommen.

Ein großes Dankeschön geht an Martin für den tollen Workshop und an das Team von MBP, die wirklich super nett waren. Schaut dort mal vorbei, ob Ihr nicht was zu kaufen oder zu verkaufen habt.

#BerlinPhotoWeek #BPW2021

4 Gedanken zu „Berlin Photo Week 2021: Bruce Gilden, Fuji GFX und ein Street Photography Workshop“

  1. “Fotografiert nicht Berlin, fotografiert das Alltägliche.”
    Ich fände es auch schwer das Lokale nicht zu zeigen und am Ende ist Berlin in deinen Bildern ziemlich deutlich. Ok…für mich als Ex-Berliner auf jeden Fall 😉

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    • Ja Paul, das ist auch echt eine Schwierigkeit. Das Sujet der Street Photography ist letztlich auch eine Loslösung von der lokalen Einbettung. Zumindest bis zu einem gewissen Punkt. Viele Grüße!

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