Zwischen Azulejos, Atlantik und Andacht – Street Photography in Porto & Braga (Workshop)

Die erste Reise des Jahres 2026 führt mich in den Norden von Portugal. Die beiden Programmpunkte: Wandern auf dem Jakobsweg und Street Photography in Porto und Braga – letzteres im Rahmen eines Workshops von Shoot Like A Local.

Bei Shoot Like A Local handelt es sich um ein Workshop-Konzept von Giedo van der Zwan, das im Kern auf drei einfachen, aber entscheidenden Ideen basiert: echte lokale Erfahrung, ein inspirierendes Lernumfeld und vor allem Spaß. Statt klassischer „Frontal-Workshops“ geht es darum, Orte wirklich aus der Perspektive von Einheimischen zu entdecken, sich in einer offenen Atmosphäre auszuprobieren und gemeinsam zu lernen. So „leiht“ sich Giedo in den verschiedensten Städten einen „Local“ – wie zum Beispiel Francesca, die Ihr vom Napoli-Workshop schon kennt. In Porto und Braga ist er selbst dieser Local, weil er sich dort auskennt wie in seiner Westentasche.

Auf dem Camino

Bevor es aber nach Porto geht, verbringe ich Zeit in Matosinhos, einem Vorort von Porto. Hier gibt es einen entspannten Stadtstrand, an dem man stundenlang auf die Atlantikwellen schauen kann. Und natürlich die besten Fischrestaurants der ganzen Region. Ein perfekter Ort, um sich zu erholen und sich auf ein paar Tage auf dem Camino, dem Jakobsweg, vorzubereiten.

Denn von Matosinhos wandere ich immer am Atlantik entlang bis beinahe zur spanischen Grenze. Nach drei Tagen habe ich knapp 80 Kilometer auf der Uhr, und der Wind hat mein Gehirn einmal ordentlich durchgepustet und auf Vordermann gebracht. Festplatte formatiert und neu kalibriert. Und damit quasi vorbereitet auf den Trubel in Porto.

Dort beginne ich aber erst einmal ganz entspannt, in dem ich die vollen Straßen meide und stattdessen bei bestem Wetter die die Ausstellung „Vivian Maier – Anthology“ im Centro Português de Fotografia anschaue. Es ist ein schöner Zufall, dass gerade eben in Porto diese Ausstellung anlässlich ihres 100. Geburtstags eröffnet wurde. Gezeigt wird eine umfangreiche Auswahl von rund 140 Fotografien – von ihren ikonischen Schwarzweiß-Arbeiten bis hin zu weniger bekannten Farbbildern. 

Und was soll ich sagen: Mich hat das ziemlich beeindruckt. Die Bilder mal nicht nur aus Büchern oder dem Internet zu kennen (wie zum Beispiel hier in unserer Podcast Folge #11), sondern in einer Ausstellung zu sehen – in der Größe, mit Raum dazwischen, mit Zeit – das macht nochmal etwas ganz anderes mit einem. Die Inszenierung ist zurückhaltend, wunderbar mit die alten Gemäuer integriert und lässt den Bildern trotzdem genau den Raum, den sie brauchen. Gerade im Kontext des anstehenden Workshops mit Giedo war das für mich so etwas wie ein kleiner, zusätzlicher Push.

In der Vivan Maier Ausstellung in Porto

Street Photography in Porto – Unterwegs mit Giedo

Giedo ist mir zum einen durch seine Workshops aufgefallen, aber auch durch sein Projekt „Pier to Pier“, bei dem er einen Strandabschnitt in den Niederlanden fotografiert hat – gar nicht weit entfernt von seinem Wohnsitz. Er arbeitet mit Blitz, geht nah dran und fällt durch eine ganz eigene Bildsprache auf. Und setzt damit genau an dem Punkt an, an dem ich mich gerade befinde. So ist zumindest meine Einschätzung (Schaut Euch einmal das YouTube-Video an, in dem Giedo über sein Projekt „Pier to Pier“ spricht.)

Am Montagmorgen geht es schließlich los. Treffpunkt ist das Yotel in Porto, irgendwo zwischen Lobby, Kaffee und leicht nervöser Erwartungshaltung. Man kennt das ja: neue Leute, neue Stadt, neuer fotografischer Kontext. Giedo startet mit einer kurzen Einführung, zeigt Bilder und erklärt den Ablauf der nächsten Tage – und dann geht es im Grunde auch schon raus.

Warum ich solche Workshops auch so gerne mag? Weil man nicht nur neue Anstöße bekommt und neue Menschen kennenlernt, sondern weil man auf diese Art und Weise auch eine Stadt und ihre Bewohner wirklich erfährt. Giedo zeigt uns die wichtigsten Sehenswürdigkeiten – aber eben als Locations zum Fotografieren. Und dazu gibt es Input, Gedanken, Impulse. Rausgehen, schauen, ausprobieren. Und genau das fühlt sich gut an.

Die Struktur ist dabei angenehm klar: gemeinsame Treffpunkte, dann löst sich die Gruppe auf, jeder zieht für sich los, später trifft man sich wieder. Per WhatsApp sind wir dabei ständig verbunden und sehen auch immer Giedos Standort – ein kleines Detail, das viel Sicherheit gibt und gleichzeitig Freiheit lässt.

Porto ist dafür ein dankbarer Ort. Die Wege sind kurz, die Motive dicht. Märkte, Kirchen, enge Gassen, Touristen, Einheimische – alles mischt sich. Und trotzdem geht es nicht darum, einfach nur „abzugreifen“. Giedo fordert uns immer wieder dazu auf, näher dran zu gehen, klarer zu werden, mutiger zu sein. Nicht aus der sicheren Distanz zu fotografieren, sondern Teil der Szene zu werden. Gleichzeitig coacht er uns auch in die andere Richtung: mehr Ruhe, bewussteres Beobachten, sich fast unsichtbar zu machen, indem man sich unauffälliger bewegt.

Der Einstieg in Porto ist fast schon zu schön: Diese Stadt funktioniert fotografisch einfach. Die Kacheln der Capela das Almas, das Licht in der São-Bento-Station, die steilen Gassen rund um die Sé – Motive liegen hier nicht nur auf der Straße, sie springen einen regelrecht an. Gleichzeitig zwingt dich der Workshop-Ansatz, langsamer zu werden. Ein Ort, ein Blickwinkel, ein Moment.

Natürlich gehen wir auch an den Atlantik. Ich fühle mich ein wenig an meine ersten Tage erinnert – gar nicht so weit entfernt von Matosinhos. Foz do Douro, Wind, Weite, ein ganz anderes Licht. Plötzlich weniger Dichte, weniger Chaos, dafür mehr Raum – auch im Kopf. Und dann wieder zurück in die Stadt, zur Casa da Música: Skatepark, Bewegung, Energie. Porto kann echt viel.

Von Porto nach Braga

Fünf Tage unterwegs mit Giedo van der Zwan und einer kleinen, wunderbar gemischten Gruppe. Wir sind sechs Teilnehmer und kommen aus fünf verschiedenen Nationen – und genau das macht den Reiz solcher Formate aus. Man schaut nicht nur selbst, man schaut auch durch die Augen der anderen.

Wenn mich Porto visuell verführt, dann trifft mich Braga emotional. Die Semana Santa ist hier kein Event, sondern gelebte Tradition. Die Prozessionen, die „Farricocos“ in ihren Gewändern, das Klackern der Holzratschen, die Fackeln; all das hat eine Intensität, die sich schwer beschreiben lässt. Ich stehe mittendrin und merke sofort: Hier geht es nicht nur ums Bild, sondern auch um Respekt und Timing.

Und es ist völlig anders als Prozessionen, die ich sonst kenne. Wo es laut zugeht, wo Gedränge herrscht, wo es lebhaft ist. Hier in Braga ist es beinahe still, als in der Nacht von Gründonnerstag auf Karfreitag die Prozession stattfindet. Spirituell, andächtig, fast schon entrückt – das sind die Adjektive, die mir einfallen. Auch ein absoluter Gegensatz zu meinem letzten Workshop, beim Karneval in Köln.

Dazu diese Mischung aus Distanz und Nähe, gerade aus fotografischer Sicht unglaublich spannend. Ich möchte es festhalten, aber auch nicht stören. Also: Wann ist der Moment zu viel? Und wann entsteht genau daraus ein Bild, das trägt?

Was den Workshop insgesamt ausgemacht hat, ist weniger das Programm – auch wenn das durchdacht und gut organisiert ist – sondern die Haltung dahinter. Lernen passiert hier nicht frontal, sondern im Gehen, im Ausprobieren, im Scheitern und im gemeinsamen Draufschauen danach. Und im „Kopieren“, nämlich zu sehen, wie Giedo blitzt, wie er auf die Leute zugeht, wie er mit ihnen kommuniziert. Gerade das ist auch so aufschlussreich zu sehen, dass ich versuche, es nachzumachen.

Die zwei Reviews, die wir in der Woche durchgeführt haben, die Gespräche, die kleinen Hinweise zwischendurch – oft sind es genau die Dinge, die hängen bleiben. Und natürlich die Gesellschaft in den tollen Restaurants, in den wir zusammen geluncht und diniert haben. Denn die portugiesische Küche, sie kann einfach richtig viel!

Und am Ende? Nehme ich natürlich viele neue Bilder mit nach Hause. Aber vor allem nehme ich mal wieder ein anderes Sehen mit. Ihr wisst es: Ich liebe Workshops. Und Ihr wisst auch, dass es nicht mein erster Workshop zur Street Photography war. Aber auch bei Giedo habe ich wieder dazugelernt. Und ich habe wirklich zu schätzen gelernt, wie viel Unterschied es macht, einen guten und sympathischen Guide zu haben – der gleichzeitig ein echter Local ist.

Ich kann Euch das Format nur empfehlen. Und ich drücke Euch die Daumen, dass Ihr dann auch auf solch eine tolle Truppe trefft!

Danke Giedo für diesen tollen Workshop! Indeed I shot like a local!

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