Photopia Hamburg: Über die Premiere einer neuen Fotomesse

Mitten in der Corona Krise ein neues Messeformat zu planen und gegen Ende der Pandemie auch durchzuführen – mehr als mutig. Und ungewiß. Aber tatsächlich hat am letzten September Wochenende 2021 die erste große Fotomesse seit beinahe zwei Jahren stattgefunden, die „Photopia Hamburg“. An zwei Tagen war ich vor Ort und habe mich umgesehen. Wie sich die neue Messe wohl anfühlt? Wird sie ein Dauerbrenner auf der Liste meiner Veranstaltungen?

Das Konzept der Photopia Hamburg

Die Photobia Hamburg verteilt sich auf zwei Hallen der Messe Hamburg. Große Namen wie Canon, Sony und Nikon sind ebenso vertreten wie kleinere Aussteller. Am auffälligsten sind jedoch die unzähligen Container, die gleichermaßen Dekoration wie auch die Grundarchitektur vieler Messestände sind. Dazwischen finden sich „Hidden Galleries“ mit tollen Ausstellungen.

Als Besucher bin ich ständig am Erforschen der Umgebung und stoße immer wieder auf neue Inspirationen. Und damit hat mich die Grundausrichtung der Messe auch schon gepackt. Etwas von einer Produktmesse, eine Reihe an Ausstellungen und eine Menge inspirierender Vorträge. Dazu noch viele Möglichkeiten zu Fotografieren. Das ist für mich die Photopia. So muss eine Messe sein – obwohl, ist „Messe“ überhaupt das richtige Wort für dieses Event?

Der Rahmen ist charmant zeitgemäß und nicht überaltert wie etwa die Atmosphäre der Photokina. Hier auf der Photopia fühlen sich alle Altersgruppen wohl, für jeden ist etwas dabei. Canon fällt durch einen riesigen Stand auf und übertrumpft damit alle anderen Aussteller. Zwei große Bühnen bieten ausreichend Platz, dazwischen finden sich immer wieder kleinere Bühnen, irgendwo wird immer ein Vortrag gehalten.

An zwei Tagen, nämlich am Freitag und am Sonntag war ich auf der Messe, jeweils für einen Zeitslot von vier (Sonntag) bzw. sechs (Freitag) Stunden. Das waren die Zeiträume, die man – vermutlich corona-bedingt – vorab buchen konnte, sofern man nicht gleich ein ganzes Kongressticket über alle Tage kaufen wollte. Jeder Slot wurde mit 19 Euro angeboten, in der Summe durchaus ein stolzer Preis, ich habe aber auch einfach ein gutes Gefühl dabei, das Projekt „Photopia Hamburg“ zu unterstützen. Auch wenn ich mich wiederhole, diesen Mut, eine solche Veranstaltung zu stemmen, möchte ich belohnen. Also bezahle ich den gehobenen Preis auch gerne.

Highlights der Messe

Highlight #1: Vortrag aus der OMR Reihe

Los geht es mit dem Vortrag von Patrick Klingberg und Jens Neumann zu einem Überblick über Social Media Formaten für Fotografen. Mit Tipps und Tricks liefern die Beiden eine unterhaltsame Show ab, so wie eben Vorträge heute sein müssen. Unterhaltsam, kurzweilig, relevant und verpackt in eine gute Geschichte – Storytelling ist eben doch alles. Patrick kenne ich beruflich ja schon viele Jahre – seine exzellente Art zu präsentieren ist mir daher schon lange bekannt. Mit Jens zusammen ist das Ganze super spannend, vielleicht sogar noch besser.

Highlight #2: Vortrag von Ulla Lohmann

Begeistert bin ich auch vom Vortrag von Ulla Lohmann über ihr (noch andauerndes) Projekt der Besteigung der höchsten Berge eines jeden Landes in Europa. Nicht nur tolle Bilder (und eine Menge Canon Marketing) wirft sie auf die Leinwand. Sie schafft es auch, das Publikum mit tollen Geschichten und Anregungen mitzunehmen.

Ulla Lohmann
Ulla Lohmann auf der Photopiastage – ziemlich weit entfernt. Was man aber auch (nicht richtig) sieht: Die Leinwand für die Bilder ist viel zu klein, sofern man nicht gerade in der ersten Reihe sitzt.

Was mir vor allem hängen geblieben wird? Ihre Idee, an einem schönen Ort nicht zu versuchen, eben diesen schönen Ort zu fotografieren, sondern das Gefühl dieses Ortes fotografisch festzuhalten.

Kritik muss auch erlaubt sein, gar nicht am Vortrag selbst, sondern am Setup der Bühne. Statt auf einer Fotomesse die Bilder des Vortrags richtig groß präsentieren zu können, ist der Screen aus meiner Sicht viel zu klein. Die fantastischen Bilder von Ulla Lohmann kommen viel zu wenig zur Geltung. Liebes Photopia Team, da könntet Ihr für 2022 wirklich nachbessern!

Highlight #3: HapaTeam

Spannend für mich sind auch die Gespräche bei HapaTeam, einem mir bislang unbekannten Großhändler für Fotoprodukte aus Hamburg. Natürlich interessieren mich im Besonderen die manuellen Objektive für Fujifilm – unter anderem Meike, Tokina und TTArtisans sind hier am Start. Und nach alldem was ich dort so verstehe, kommen in den nächsten Monaten eine ganze Menge spannender Objektive fürs Fuji X Mount. Das werde ich auf jeden Fall weiter verfolgen!

Highlight #4: Die Goldeimer Installation

Klar gibts auf der Photopia Hamburg auch Toiletten. Und die sind sogar Teil eines Projektes. So werden vor den Toilettenräumen die Aufnahmen aus der Toilette auf eine Leinwand projiziert. Erst direkt in den den Räumen wird aufgeglöst, dass diese Aufnahmen „draußen“ keine echten Aufnahmen sind, sondern Aufzeichnungen, die schon vor der Messe gedreht wurden.

Das Goldeimer Projekt auf der Photopia Hamburg
Das Goldeimer Projekt auf der Photopia Hamburg: Du siehst vor der Toilette, was in der Toilette gerade passiert (zumindest ist das der erste Eindruck).

Das anfangs mulmige Gefühl wird schließlich um eine wichtige Botschaft ergänzt: Ein privates Klo ist ein absolutes Privilieg. Viele Menschen auf der Welt kennen diesen Luxus nicht. Für mich ist „Goldeimer“ ein tolles wie auch beängstigendes Beispiel, wie man mit einem Kunstprojekt auf ein echtes Problem hinweisen kann.

Und ich weise hier sehr gerne auf das Projekt dazu hin: Goldeimer „Du bist #nichtallein“.

Highlight #5: German Street Photo Festival

Mein absolutes Highlight ist zweifelsfrei das German Street Photo Festival, das nach 2019 erst zum zweiten Mal stattfindet, quasi als „Veranstaltung in der Veranstaltung“. Auf einer kleinen Bühne präsentieren die bekanntesten Streetphotographen Deutschlands verschiedenste Themen. Die begleitende Ausstellung „Sinn und Wandel“ dokumentiert gesellschaftliche Umbrüche und aktuelle Trends anhand von fotografischen Momentaufnahmen.

Ich folge den Vorträgen von Pia Parolin zu ihren Büchern „Flow“ und „Entwickele Deine Fotografie“ und staune darüber, wie die Wissenschaftlerin eigentlich ganz analytische Gedanken und Ansätze mit kreativen Prozessen kombiniert. Daraus kann ich unheimlich viel für mich mitnehmen, schließlich bin ich ja selbst in meinem beruflichen Leben ein sehr stark analytisch denkender Kopf (die Vorträge kann man übrigens auf dem YouTube Kanal des Festivals noch nachträglich anschauen).

Marco Larousse und Martin U Waltz machen schließlich einen Streetphotography Slam, bei dem eigene Bilder eingereicht werden können. Ohne genau zu wissen, was mich erwartet, reiche ich über mein Smartphone wenige Minuten bevor es losgeht, meinen Lieblingsshot vom letzten Monat ein. Während des Derbys FC St. Pauli gegen den HSV im vergangenen August habe ich auf dem wiedereröffneten Hamburger Dom kurzerhand ein Ticket für das Riesenrad gelöst. In der Hoffnung, eine tolle Aufnahme vom Millerntorstadion machen zu können.

Vater und Tochter auf dem Domriesenrad
Mein zum German Street Photography Festival Slam @Photopia Hamburg eingereichtes Bild: Vater und Tochter auf dem Domriesenrad

Herausgekommen ist die Aufnahme von Vater und Tochter, die eben in diesem Riesenrad sitzen und ganz unterschiedliche Ideen von ihrer Umgebung haben. Während die Tochter sehnsüchtig nach rechts auf das Domgelände blickt, schaut der Vater in die Ferne – vermutlich ganz melancholisch Richtung der Hamburger Hafenkräne.

Aus meiner Sicht eine superglückliche Aufnahme, da ich eben diesen Momente überhaupt erwische – so ein Riesenrad bewegt sich ja auch. Und dass das Licht noch spannend ist und ich sogar noch eine Reflexion doppelt ins Bild bekomme. Am Wichtigsten: Das Bild erzählt auch eine Geschichte.

Super gespannt war ich, wie Marco und Martin dieses Bild aufnehmen würden. Generell wird nach den ersten besprochenen Aufnahmen schnell klar: Die Beiden halten mit Kritik überhaupt nicht hinterm Berg. Wirklich alles, was nicht passt, wird genannt. Es hagelt Verbesserungsvorschläge für fast alle Aufnahmen. Nie unfair, aber in aller Regel nachvollziehbar. Unterhaltsam. Und vor allem lehrreich. Kurz: Es macht unfassbar Spaß, den Beiden zuzuhören – und hey, auch weil sich die Beiden nicht immer einig sind.

Marco Larousse und Martin U Waltz besprechen das Domriesenradbild auf dem German Street Foto Festival @Photopia Hamburg
Marco Larousse und Martin U Waltz besprechen das Domriesenradbild auf dem German Street Foto Festival @Photopia Hamburg

Einig sind sie sich bei meinem Bild: Es ist kein Knaller. Erst einmal stört sie der rote Balken. Was für mich wertvoller „Negative Space“ ist, ist für Beide etwas, was gecroppt werden muss. Überhaupt ist das einer der wichtigsten Botschaften über alle geslammten Bilder: „Zeigt nur das Wesentliche!“. Marco und Martin würden weiterhin gerne die Symbole der Gondel vollständig sehen. Und außerdem wächst dem Vater die nächste Gondel aus dem Kopf. Auch hiervon ist in der Kritik der weiteren Bilder immer wieder die Rede – vermeidet Ampeln und Laternen, die den Protagonisten aus dem Körper wachsen. So einfach, wie nachvollziehbar.

Immerhin, eine Story können die Beiden dem Bild entnehmen, wenngleich sie es weniger als Street Fotografie, denn als „Hamburg Panorama Fotografie“ sehen. Und da haben sie natürlich vollkommen recht und mein eigentliches Genre voll getroffen.

Was sie nicht wissen: Weder Vater noch Tochter haben sich für das Derby im Millerntor interessiert – aber mich hat das Spiel auch von da oben gefesselt. Viel wichtiger als dieser Shot um diese Zeit ist nämlich, dass der FC St. Paul einmal mehr als Sieger vom Platz gegangen ist. Okay, das ist hart Off Topic, also zurück zur Photopia.

Highlight #6: Street Photo Day bei Meister Camera

Parallel zur Photopia Hamburg hat bei Meister Camera der Street Photo Day stattgefunden. Nicht wirklich eine offizielle Veranstaltung, aber mit einem attraktiven Programm aus Vorträgen und Hamburgs längster Straßengalerie – entlang des Schaufensters von Meister Camera.

Ich könnte darüber schreiben, dass wir wieder eine Menge mit dem super Personal von Meister gefachsimpelt haben. Zum Beispiel welche Ausrüstung man auf die nächste Masterclass der Leica Akademie mitnehmen könnte (dazu bald mehr) oder welche Objektive man zum Leica R-System ausprobieren könnte (auch dazu bald mehr).

Siegfried Hansen bei Meister Camera
Siegfried Hansen bei Meister Camera

Viel zentraler aber der kurze und doch eindrucksvolle Vortrag von Deutschlands bekanntestem Street Photographen, von Siegfried Hansen. Ich lerne von Eistüten als Trigger. Eistüten, die fotografisch gesammelt werden wollen. Die Gelegenheiten bieten, zu fotografieren und die richtigen Türen für eindrucksvolle Street Fotos überhaupt erst öffnen zu können. Am Besten Ihr hört Euch die Philosophie von Siegfried einmal im Podcast bei Gate 7 an. Und lest den Bericht bei LFI Online – dort findet Ihr auch mein Lieblingsbild von Siegfried Hansen, nämlich den „geklauten Zebrastreifen“.

Eine Menge Highlights. Die Photopia Hamburg also ein Dauerbrenner?

Auf jeden Fall. Zwei Zeitslots haben ausgereicht um mich richtig zu inspirieren. In einer tollen Umgebung, die Dekoration kann nicht stark genug gelobt werden. Für die Zukunft würde ich mir lediglich eine bessere Präsentationsmöglichkeit auf den Bühnen wünschen, schließlich geht es um Fotos, die groß gezeigt werden wollen. Und – aber das ist vermutlich Corona zu schulden – sind vier Stunden Slots ziemlich unpraktisch. Sie sind zu kurz und eigentlich auch zu teuer. Vor allem wenn man zwei- oder dreimal kommen möchte.

Dennoch: Was für eine gelungene Premiere. Der unfassbare Mut, diese Veranstaltung trotz einer Pandemie durchzuführen, wurde belohnt. Hamburg war tatsächlich für ein paar Tage die Fotohauptstadt Deutschlands. Wegen der Photopia und wegen der vielen Veranstaltungen rund um die eigentliche Messe. Nächstes Jahr werde ich wieder dabei sein!

Link: http://www.photopia-hamburg.com

Eindrücke von der Photopia Hamburg 2021

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