Posing auf der Trolltunga (Die Saga vom norwegischen Trekking Grand Slam, Teil 1)

Die Trolltunga ist wohl DER fotografische Hotspot in Skandinavien. Die Felsenzunge, die sich umgeben von gletscherbedeckten Bergen in die norwegische Fjordwelt ragt, fasziniert auch mich. Ebenso wie die markanten Naturwunder Preikestolen und Kjeragbolten. Alle Drei habe ich im September 2021 erwandern dürfen. Und während auf allen drei Wanderungen in den letzten zehn Jahren immer mehr Menschen unterwegs waren, konnte ich die Spots jedes Mal menschenleer erleben. Es zahlt sich eben aus, in der Nachsaison zu reisen. Und „dank“ Corona waren auch in Norwegen viel weniger Touristen unterwegs als üblich.

Fehlt eigentlich nur noch das „Wetterglück“, von dem ich in den letzten Jahren viel zu wenig hatte. In den Schweizer Alpen war das Wetter dieses Jahr so schlecht gewesen, dass wir nicht einmal etwas sehen konnten. Die Tour im Rosengarten war geprägt vom Regenwetter und Gewittern. Und in den Seealpen musste ich sogar in das heftigste Unwetter seit 1958 reinschlittern. Wenn nun also wirklich mal der Wettergott herhalten muss, dann jetzt. Die Landschaften rund um Bergen und Stavanger gelten immerhin als die regenreichste Region Europas. Erst recht im September.

Norwegen und der ewige Regen

Was des einen Glück, ist des anderen Leid. Insbesondere wenn es um das Thema „gutes Wetter“ in Norwegen geht. Die herbstlich leuchtenden Bäume sind nach diesem heißesten Sommer aller Zeiten einfach verbrannt. Und die Seen liegen mehrere Zehnermeter unter dem üblichen Wasserstandsniveau. Der Klimawandel hat 2021 richtig zugeschlagen und die Norweger erzählen bei jeder Gelegenheit, dass sie in diesem Herbst keine (Wasser-)Ressourcen mehr haben werden, um Strom zu erzeugen. Stattdessen wird der Staat seinen Strom im Ausland einkaufen müssen und die Norweger werden horrende Energiepreise zahlen müssen.

Für uns Urlauber ist das gute Wetter hingegen ein Segen. In dieser zweiten Septemberwoche erleben wir nur höchst selten einen Regenschauer. Und an den drei großen Sehenswürdigkeiten Trolltunga, Preikestolen und Kjeragbolten ist das Wetter gut bis perfekt. Die ideale Voraussetzung, um alle drei Touren – quasi den „Grand Slam von Norwegen“ – überhaupt in einer Wanderwoche zu schaffen. Vor allem die dritte Tour ist nämlich nur bei besten Bedingungen zu empfehlen – dazu aber später mehr.

Die Anreise

Von Hirtshals nehmen wir die Schnellfähre nach Kristiansand. In nur zwei Stunden und 15 Minuten haben wir schon übergesetzt, dank Promo wahrlich für einen Schnapperpreis. Die als Katamaran konstruierte Fähre verbreitet in Internetforen aber auch Angst und Schrecken. So würde schon mittelschwerer Seegang ausreichen, um hunderte Passagiere auf die Keramik zu zwingen – so sehr kränge der Hochgeschwindigkeitskatamaran. Entsprechend vorbereitet sind wir gegen die Seekrankheit und merken davon ebenso wenig, wie von etwaigen Problemen bei der Einreise durch Zoll- oder Coronabedingungen.

Auf dem Haukelifjell
Auf dem Haukelifjell

Wir wissen noch nicht, dass wir am ersten vollen Tag in Norwegen eigentlich den einzigen echten Regentag erleben und düsen auf der E9 vorbei an wunderschönen Landschaften Richtung Norden. Ziel wird Odda sein, unsere nördlichste Destination auf der gesamten Reise. Wir legen also am Anfang gleich mal die großen Fahrtage ein, um dann uns allmählich Richtung Süden wieder zurück Richtung Kristiansand zu bewegen.

Bei Edland wechseln wir auf die E134. War bislang die Landschaft lieblich faszinierend, also vorbei an vielen Seen mit roten Holzhäuschen, so wird die Landschaft nun auf die raue Art und Weise spektakulär. Die Strecke über das Haukelifjell lässt uns die Kargheit der norwegischen Hochebenen erleben, die wir in den kommenden Tagen immer wieder lieben werden. Die Felslanschaften werden von rot verblühten (und verbrannten) Sträuchern geschmückt. Orangebraune Gräser dekorieren die dramatisch ziehenden grauen Wolken. Es ist die perfekte Kulisse für den Auftritt von Gottesvater Odin. Weil es aber immer wieder regnet, bleibt Odin in Asgard und wir im Auto. Bis wir nach einem langen Tag Odda erreichen.

Odda ist eines der touristischen Zentren dieser Region. Die Industriestadt liegt direkt am Sørfjord und damit am Meer. Das kann man ja schnell vergessen, wenn man die viele hundert Meter hohen Berge mit ihren schneebedeckten Gipfeln sieht. Es ist aber wirklich verrückt, wir sind gleichzeitig (Folgefonna-) Gletscher und am Fjord.

Odda ist aber vor allem so beliebt, weil es der Ausgangspunkt zur Trolltunga ist. Eben dieser Felszunge, an der sich an schönen Sommertagen Tausende Touristen in eine Schlange stellen, um für ein Foto zu posieren. Und die Berichte in Reiseführern und Online-Foren wissen zu berichten, dass die „Darsteller“ dafür in der Hochsaison bereitwillig mehrere Stunden warten. Verrückt.

Die Wanderung zur Trolltunga

Dabei ist der Weg zur Zunge gar nicht mal so unbeschwerlich. Unterschlagen wir die Anreise nach Odda (ab Hamburg für uns zwei volle Tage), so bildet die 20minütige Autofahrt zum Parkplatz bei Tyssedal die erste Etappe. Das Internet ist voll von Ratgebern, welchen Parkplatz man wählen sollte – je näher man an die Trolltunga kommt, desto teurer wird der Spaß. Wir umgehen die Diskussion zweifach. Erstens indem wir versuchen das horrende norwegische Preisniveau einfach auszublenden und zu akzeptieren, dass Parken in Norwegen für zwei Tage soviel kosten kann wie andernorts ein stattliches Dreigänge-Menü. Zweitens buchen wir ganz pragmatisch eine Zweitageswanderung mit Übernachtung, bei der der Transfer zum letzten Parkplatz inklusive ist.

Rund um die Trolltunga
Eine Traumlandschaft: Rund um die Trolltunga

Richtig gelesen. Eine gebuchte Wanderung. Um ganz transparent zu sein, es gibt zwei Anbieter dafür. Beide stellen von Mai bis September in der Nähe der Trolltunga Zelte bereit, inklusive Schlafsäcke und ISO-Matten. Heißt also für uns: Entspannt zur Trolltunga wandern, dort die Nachmittagssonne genießen (wenn der ganz große Teil der Wanderer schon wieder auf dem Rückweg ist), abends campen. Und am nächsten Morgen auf der Rückweg erneut die Trolltunga zu passieren, erneut fast menschenleer.

Der Weg vom obersten Parkplatz beginnt ganz entspannt, um nach wenigen Kilometern den stärksten Anstieg der Tour in sich zu haben. Der Weg ist durchgängig gut ausgebaut und erinnert nicht wirklich an eine anspruchsvolle Tour. Mit unserem Guide und einem holländischen Pärchen sind wir zu fünft. Das Wetter ist perfekt, der Fotograf in mir sehnt sich nach ein paar dekorativen Wölkchen am tiefblauen Himmel. Gut, dass wir Sonnenschutz dabei haben, ansonsten würden wir uns heute kräftig verbrennen – an diesem Freitag Mitte September.

Eine unglaublich tolle Landschaft.
Eine unglaublich tolle Landschaft.

Nach dem ersten Anstieg eröffnet sich das phantastische Panorama auf den Ringeldalsvatnet, einem zur Energiegewinnung aufgestauten See, der sich auf den vielen Norwegenfotos aber viel lieber als Fjord ausgibt. Vor hundert Jahren war dieser See ein beliebtes Ausflugziel um den hier um die 700 Höhenmeter hereinstürzenden Wasserfall zu bewundern, einer der höchsten Wasserfälle Europas. Die damaligen Touristen wussten noch nichts von der Trolltunga – den Wasserfall gibt es heute nur noch in Zeiten der Schneeschmelze, zur Energiegewinnung wurde er quasi trockengelegt.

Die Trolltunga selbst – so erzählt uns unser Guide – ist erst seit etwa 15 Jahren Ziel der Touristen. Bis dahin war es eher eine Felskanzel mit dem Namen „der kleine Preikestolen“, der die Hauptattraktion bei den Wanderern war. Bis das schon 1967 aufgenommene, „erste ikonische Foto der Trolltunga“ Kult geworden war und die Zunge zum Anziehungspunkt Nummer Eins der Region – und vermutlich von ganz Norwegen – geworden ist. So ändern sich die Zeiten.

Rund um die Trolltunga
Auf der rechten Klippe ist ein kleiner weißer Punkt zu erkennen: Unser Zelt (etwa 25% unterm oberen Bildrand und 40% vom rechten Bildrand entfernt … ein sehr kleiner weißer Punkt 😉 )

Unser Guide zeigt uns den versiegten Wasserfall, führt uns zu einem Badesee, wandert mit uns zum „Kleinen Preikestolen“ und natürlich zur Trolltunga selbst. Am Nachmittag erreichen wir die Felszunge und neben uns sind da nur zwei Handvoll Wanderer unterwegs. Die eine Hälfte fotografiert sich gegenseitig auf der Zunge, die andere Hälfte schaut einfach belustigt dem Treiben zu. Und genau das machen wir zuerst auch, denn es ist eine schaurig-schöne Mischung aus Faszination der tollen Landschaft und Angst, dass da jemand runterfallen könnte. Man kann gar nicht hinschauen, schließlich geht es 700 Meter gerade runter. Und manch einer verhält sich nicht vorsichtig, sondern hampelt gefährlich nah am Abgrund herum. Nur um das beste Instagram Bild zu machen.

Yoga auf der Trolltunga
Yoga auf der Trolltunga

Natürlich betreten auch wir die Trolltunga. Und machen faxen – aber immer ausreichend entfernt vom Abgrund. Und das funktioniert tatsächlich, denn – was der Betrachter erst einmal nicht wahrnehmen kann – diese Trolltunga ist breit wie eine Autobahn. Da kann man gar nicht herunterfallen – solange man nicht an den Kanten herumtanzt. Dafür habe ich sowieso zu viel Angst, das gebe ich zu. Und ich bin zu rational, um in Erwägung zu ziehen, dass das Ding abbrechen könnte. Nein, das wird definitiv nicht passieren.

Also posen wir was das Zeug hält. Fernsicht-Romantik auf der einen Seite, ausgestreckte Armposings auf der anderen Seite. Am besten funktionieren aber Yoga Haltungen. Der herabschauende und der heraufschauende Hund. Der Krieger. Der Baum. Die Kobra. Alles wird ausprobiert, bis uns nichts mehr einfällt. Ein Catwalk vielleicht? Kein Problem. Schließlich sieht es ja sowieso keiner …

Der Blick aus dem Zelt ... unbezahlbar.
Der Blick aus dem Zelt … unbezahlbar.

Wir verbringen an der Trolltunga fast eine ganze Stunde. Wann immer wir wollen, steigen wir die paar Stufen runter und spazieren auf die Zunge. Es gibt keine Warteschlange, wir sind inzwischen alleine hier. Und immer wieder stellen wir uns vor, wie das wohl aussehen mag, wenn wir hier mehrere Stunde in der Schlange stehen würden – für ein Bild. Nein, das würden wir nicht machen, da sind wir uns einig!

Wir übernachten etwa eine Wegstunde hinter der Trolltunga. Zelte und Schlafsäcke liegen für uns bereit, der Guide macht ein Rentier-Gulasch. Wir bedanken uns, indem wir die mitgeschleppte Flasche Rotwein spendieren und dann gemeinsam am Lagerfeuer trinken. Wir prosten dem Wettergott zu, schließlich erleben wir diese Tour bei bestem Wetter, dafür wird es in der Nacht empfindlich kalt und wir sind froh, Mütze, Schal und Handschuhe dabei zu haben.

Auf dem gleichen Weg geht es am nächsten Tag wieder zurück. Heißt also auch, wir passieren noch einmal die Trolltunga und schießen in den Morgenstunden auch noch ein, zwei Bilder. Yoga am Morgen, das hat noch niemandem geschadet, oder? Also gut, nochmal den Krieger machen. Irgendwann reichts aber auch …

Für den einfachen Rückweg brauchen wir etwa vier Stunden, je näher wir zum Parkplatz kommen, desto mehr Menschen kommen uns entgegen. Wir sind ziemlich happy, diese Tour in zwei Etappen über Nacht gemacht zu haben. Nicht weil es sonst zu anstrengend gewesen wäre, nein, so konnten wir den Menschenmassen entgehen.

Holtaheia

Nachdem wir mit der Trolltunga den ersten Teil des norwegischen Hiking Grand Slams erfolgreich „absolviert“ haben, drängt es uns in die Stadt. Über die traumhaft schöne Scenic Route E13 fahren wir in Richtung der viertgrößten Stadt Norwegens, nach Stavanger.

Kurz bevor wir bei Tau den derzeit längsten Unterwassertunnel der Welt durchfahren, machen wir aber noch einen Stop für eine kurze Nachmittagswanderung. Die Tour zur Holtaheia ist ein kleiner Geheimtipp, der im Schatten der vielen bekannteren Touren steht. Vom kleinen Parkplatz steigt man auf zum Denkmal von Holtaheia. 1961 ist hier eine Maschine abgestürzt, alle 39 Personen starben. Im Gelände finden sich immer wieder Reste der Maschine, um an das Unglück zu erinnern. Die Wanderung durch dieses Gebiet ist daher umso eindrücklicher, ja schon dramatisch.

Blick vom Holtaheima-Denkmal ins Tal
Blick vom Holtaheima-Denkmal Richtung Meer. Wenn man genau hinschaut, sieht man am Fuß des Geröllhügels ein verostetes Teil der abgestürzten Maschine.

Der wunderbare Blick rüber nach Stavanger entschleunigt das Gemüt. Eine kleine Wanderrunde kann man hier in etwa einer Stunde drehen, für die größere Runde veranschlagt man eher vier bis fünf Stunden. Wir haben auf der ganzen Tour keine Wanderer angetroffen, auch auf dem Parkplatz waren wir ganz alleine.

Stavanger

Nur wenig später sind wir schon in Stavanger. Diese Stadt weiß sofort zugefallen. Die bunten Häuser in der Einkaufsstraße Øvre Holmegate sind ebenso schön wie die charakteristischen weiß gestrichenen Holzhäuser in Gamle Stavanger, dem ältesten Teil der Stadt. Wir bummeln durch die Gassen und beobachten die Norweger. Alle etwas grummelig, aber so zufrieden mit sich selbst – das ist der Eindruck, den ich gewinne.

Als Craftbeer Liebhaber habe ich natürlich auch die Brauerei Lervig auf dem Schirm. Die Brauer begeistern die Szene seit Jahren mit außergewöhnlich guten Bieren und exquisiten Collaboration Brews mit gestanden Marken aus der ganzen Welt. Das Lervig Local ist die dazugehörige Braugaststätte, mitten im Herzen von Stavanger.

Klar, dass wir den Abend dort ausklingen lassen. Und zwar mit dem besten Entrecôte der Welt. Und dem ein oder anderen richtig New England Pale Ale. Der richtige Moment für uns, den ersten Teil der Reise zu beenden und schon an den Preikestolen und den Kjeragbolten zu denken. Entsprechend geht es in einem zweiten Teil mit dem Norwegen Grand Slam weiter.

Zu den Bildern der Tour geht es hier.

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