Auf dem Preikestolen und dem Kjeragbolten (Die Saga vom norwegischen Trekking Grand Slam, Teil 2)

Noch vor der Trolltunga ist der Preikestolen sicherlich der Touristenmagnet Nummer Eins in Südnorwegen. Die Felskanzel mit dem majestätischen Blick über den Lysefjord kennt man, die langen Menschenschlangen mit wartenden Wanderern für ein Foto am Abgrund kennt man ebenfalls. Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber immer wenn ich Menschen an dieser Kante stehen sehe, dann wird mir ganz anders. Ich würde das natürlich nie tun, oder etwa doch?

Die Wanderung auf den Preikestolen

Nachdem wir vor ein paar Tagen schon auf der Trolltunga balancierten, nehmen wir nun also erst den Preikestolen und schließlich den Kjeragbolten in Angriff. Von Stavanger ist es ein Katzensprung, durch den längsten Unterwassertunnel der Welt braucht man keine halbe Stunde bis zum Ausgangspunkt, der Preikestolen Fjellstue. Hier übernachten wir auch, haben wir doch den genialen Masterplan, so spät aufzusteigen, dass wir erst zum Einbruch der Dunkelheit zurück sein werden. Was versprechen wir uns davon? Den Menschenmassen einmal mehr zu entgehen und auch das schönere Licht zu haben. Soviel sei vorweggenommen: Der Plan ist aufgegangen.

Preikestolen
Die letzten Meter zum Preikestolen.

Die Fjellstue ist eine funktionale, aber komfortable Unterkunft, es gibt immer irgendwo eine Tasse Tee, auch bei Regenwetter strahlt diese Hütte eine wohlige Gemütlichkeit aus. Noch ist das Wetter aber bestens und wir bereiten uns auf den Aufstieg zum Preikestolen vor. Es ist keine besonders lange oder anstrengende Tour – nach der Rückkehr werden wir zehn Kilometer bei 560 Höhenmetern auf der Tracking-App haben. Als wir kurz vor vier Uhr nachmittags direkt von der Fjellstue aufbrechen, scheinen wir die Einzigen sein. Zumindest in Richtung Preikestolen. Entgegen kommen uns unzählige Wanderer. Und „Wanderer“, die aussehen, als seien sie gerade auf dem Rückweg vom Einkaufsbummel. Turnschuhe, Kleidchen und Strickjäckchen sind in Mode. Kann also nicht so wahnsinnig anspruchsvoll sein, die Tour.

Unterschätzen sollte man den Aufstieg aber nicht. Richtige Ausrüstung ist unbedingt zu empfehlen, alles Andere wäre leichtsinnig. Und dumm. Wirklich einfach zu gehen ist der Track nämlich auch nicht. Man springt von Stein zu Stein, kaum einmal ein angenehmes Stück dazwischen. Und kein Höhenmeter wird einem geschenkt. Wenn viel los ist – und das ist es fast immer – dann bilden sich noch nervige Warteschlangen an den steilen Stellen. Dafür wird man mit einer atemberaubenden Aussicht belohnt, sobald man den Lysefjord sehen kann. Und ganz bald macht der Wanderweg einen Knick nach rechts und man sieht bereits den Preikestolen.

Preikestolen
Ganz alleine sind wir da oben auf dem Preikestolen. Blick Richtung Lysebotn.

Es sind kaum noch weitere Menschen auf dem Preikestolen. Wir machen eine Rast, haben Sandwiches und Bier dabei lassen die Szenerie auf uns wirken. Wenn man hier oben steht, nimmt man die Dramatik gar nicht so wahr, wie auf den vielen Bildern aus dem Internet. Denn schließlich ist es ein großes Quadrat mit etwa 25 Metern Kantenlänge. Dass es über 600 Meter gerade runter geht, sieht man nicht. Sofern man in sicherem Abstand zur Kante bleibt. Und das tun wir schon alleine des Respektes wegen.

Aber natürlich erkunden wir das gesamte Areal, machen immer wieder aus verschiedenen Blickwinkeln Bilder und stellen irgendwann fest, dass wir inzwischen alleine sind. Auf diese, touristischen Highlight, das jährlich über 300.000 Besuchererwandern und zu Spitzenzeiten immer mal wieder wegen Überfüllung geschlossen werden muss. Jetzt in den Abendstunden ist keiner mehr da und über dem Lysefjord kehrt die Ruhe ein.

Wow!

Allzulange wollen auch wir nicht mehr bleiben, schließlich wollen wir nicht erst bei völliger Dunkelheit in der Fjellstue ankommen. Noch ein zwei Yoga-Moves – Ihr kennt das ja schon von der Trolltunga – und schon geht es zurück. Glücklich, aber voller Demut vor der Natur, sind wir nach insgesamt viereinhalb Stunden wieder zurück am Ausgangspunkt. Zeit zum Durchatmen, Zeit um weitere Pläne zu schmieden.

Der Kjeragbolten und wie man dorthin kommt

Schließlich haben wir mit der Trolltunga und dem Preikestolen nun zwei der drei großen Wandertouren Südnorwegens „gemacht“. Diese große Kugel, die so mystisch zwischen zwei Felswänden hängt, das ist der Kjeragbolten. Die Wanderung dorthin, das wäre dann der Grand Slam der hiesigen Tracks. Und der Kjeragbolten ist ja nur am Ende des Lysefjords, kann also nicht weit weg sein. Und genau hier liegt ein entscheidender Denkfehler.

Nicht nur, dass in Norwegen Entfernungsangaben völlig anders zu interpretieren sind. Die Straßen sind extrem kurvig, oft nur einspurig und ständig muss man irgendwo eine Fähre nehmen. Heißt also, man braucht viel länger, als man denken würde. Und zweitens, an vielen Stellen gibt es einfach keine Straßen. Und das gilt eben auch für den Lysefjord.

So ist der Kjeragbolten zwar nur 23 Kilometer Luftlinie vom Preikestolen entfernt. Mit dem Auto müsste man jedoch eine 130 Kilometer lange Strecke auf sich nehmen und wäre viele Stunden unterwegs, eine kurze Fährüberfahrt und eine Mautstraße inklusive. Google Maps spuckt jedoch eine weitere Variante aus, die wir wählen. Zweimal am Tag geht eine Fähre quer über den Lysefjord. Wir fahren also nach Forsand und nehmen dort um 06:00 morgens die Fähre nach Lysebotn.

Auf der Fähre auf dem Lysefjord.
Auf der Fähre auf dem Lysefjord.

Eine gute Stunde dauert die Fährfahrt durch den Fjord, nur wenige Autos haben Platz auf der kleinen Fähre und natürlich muss daher das Ticket auch vorab gelöst werden. Die Tour über den Lysefjord ist wildromantisch, wir fahren direkt unter dem Preikestolen vorbei und kurz vor der Ankunft in Lysebotn geht die Sonne auf. Ein perfektes Szenario – wäre der Himmel nicht wolkenverhangen. Wir sehen also weder den Preikestolen von unten noch den Sonnenaufgang im Osten. Aber es bleibt trocken und das ist die Hauptsache. Soll bei Nässe der Aufstieg zum Kjeragbolten doch wirklich fies sein.

Eine der abenteuerlichsten Straßen, die ich je gefahren bin, ist die FV500, die direkt an die Fähre anschließt. In 27 Kehren geht es von der Meereshöhe auf 640 Meter über dem Meeresspiegel, auf den Wanderparkplatz vom Kjeragbolten. Wer dort schon mal geparkt hat, kennt mit Sicherheit den amerikanischen Parkplatzwart.

Wir sind an diesem Morgen das erste Auto auf dem Parkplatz. Man könnte nun wieder seitenlang über Parkplatzpreise in Norwegen diskutieren, stattdessen bleibt viel mehr in Erinnerung, wie uns der Parkplatzwart zwei heiße Kaffee reicht und uns über Weg- und Wetterverhältnisse aufklärt. Dreieinhalb Stunden Anstieg, davon dreimal hoch und dreimal wieder (etwas) runter – in Summe über 1.000 Höhenmeter. Das Wetter sei „okay“, vor 25 Jahren sei das letzte Mal jemand vom Bolten gefallen und überhaupt wisse er aufgrund seiner eigenen Erhebung, dass etwa 40% der Wanderer den Kjeragbolten betreten. Er selbst stehe an über 200 Tagen im Jahr hier auf diesem Parkplatz und unterhalte seine „Kunden“. Den Rest der Zeit verbringe er bei seiner Freundin in seiner Heimat, in Florida.

Diesen Parkplatzwächter vergisst man nicht so schnell. Ebenso aber auch nicht die heftigten Anstiege. Viele Passagen sind mit Metallketten gesichert, die man auch braucht. Vor allem, wenn die Steine nass sind und der Weg unglaublich rutschig ist. Nach drei kräftezehrenden Anstiegen erreicht man das Plateau des Kjerag auf etwa 1,000 Meter Meereshöhe. Es ist sehr karg, kaum mehr Vegetation und der Wind pfeifft durch die Landschaft. Man steht hier direkt über dem Lysefjord und an jeder Kante droht man, weit weit abzustürzen. Aber diese schroffen Abgründe machen ja auch gerade den Reiz dieser Landschaft aus.

Karg und felsig. Auf dem Weg zum Kjeragbolten.
Karg und felsig. Auf dem Weg zum Kjeragbolten.

Nach dreieinhalb Stunden erreichen wir den Kjeragbolten. Wir sind mir gemeinsam mit fünf, sechs anderen Wanderern unterwegs. Natürlich gibt es keine Warteschlange, dafür umso mehr Diskussionen, ob wir die Kugel betreten sollen oder nicht. Eingequetscht zwischen zwei Felswändern geht es über 1,000 Meter gerade herunter, bis zum Lysefjord. Die Stehfläche ist nicht einmal einen Quadratmeter groß. Der starke Wind stellt eine weitere Hürde dar, schließlich muss man sich konzentrieren bei der ganzen Balanciererei.

Also gut, wir machen das auch. Von der Seite kommt man mit einem Sprung auf den Bolten. Nein, eigentlich springe ich nicht darauf, ich krieche dorthin, stelle mich langsam auf und schaue natürlich nicht nach unten. Ich rede mir ein, dass es dort nur einen Meter runtergeht und dass überhaupt nichts passieren kann. So schnell wie ich dort oben bin, bin ich auch wieder unten. Genug balanciert, wir müssen schließlich erstmal warten, bis die Beine nicht mehr zittern. Und dann mit diesen Beinen auch wieder zurück wandern.

Auf dem Plateau des Kjerag
Auf dem Plateau des Kjerag.

Wir erinnern uns an den Parkplatzwächter. Am Nachmittag soll ein Unwetter aufziehen, also machen wir uns an den Rückweg. Nicht ohne einmal noch das sagenhafte Panorama zu genießen. Der Blick auf den Lysefjord in Richtung des Preikestolen ist einmalig. Und in der Tat das viel größere Erlebnis als der „Sprung“ auf den Kjeragbolten. Einmal mehr sind wir hier einfach nur sprachlos vor lauter Schönheit, umgeben von düsteren Wolken, die ja soviel mehr Dramatik wie Schönheit versprühen als ein langweiliger, blauer Strahlehimmel.

Der Rückweg ist nicht weniger anstrengend. Nicht nur, weil es immer wieder bergauf geht. Die Abstiege an den Metallketten entlang sind runterwärts viel kräfteraubender. Wir sind dankbar, dass wir gute Ausrüstung dabei haben und dass der Wettergott noch Mitleid zeigt. Und das Einesetzen des Regens noch etwas verschiebt.

Ohne Zweifel ist diese dritte große Tour das anstrengendste Teilstück des Grand Slams der norwegischen Wanderrouten. Wäre es nass oder gar vereist gewesen, wir hätten die Tour wohl nicht gemacht, trotz ausgiebiger Bergsporterfahrung. Und wer die Tour nachgehen möchte, der sollte sich gut vorbereiten. Sowohl was den Wetterbericht angeht, als auch die Ausrüstung betreffend – und natürlich immer etwas Notproviant dabei haben.

Glücklich und erschöpft kommen wir am Parkplatz an. Der Grand Slam ist vollbracht. Trolltunga, Preikestolen und Kjeragbolten binnen einer Woche. Und dazu noch ein, zwei Geheimwanderugen, einen Tag und eine Nacht in Stavanger sowie die schönsten Roadtrips ever.

Das war „unser“ Norwegen im Herbst 2021. „Dank“ Corona und Nebensaison auch ganz schön einsam. So, wie man sich das in Skandinavien eben vorstellt. Zur Nachahmung ausdrücklichst empfohlen!

Zu den Bildern der Tour geht es hier.

Das Video zum „Trekking Grand Slam“ 😉

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