Die Ricoh GR III (und GR IV) – eine echte Immerdabei-Kamera? (Review)

Im Sommer letzten Jahres bin ich schwach geworden: Ich hatte mir damals eine Ricoh GRIII gekauft, weil ich wissen wollte, ob diese Kamera eine echte „Immerdabei“ sein könnte. Für Momente, in denen mir meine M dann doch zu groß oder auch mal zu auffällig sein könnte. Nach gut einem Jahr habe ich mir eine Meinung bilden können.

Ich habe die GRIII second hand gekauft, als gerade die GRIV angekündigt wurde. Weil ich es für einen guten Zeitpunkt hielt, das gerade nicht mehr aktuelle Modell günstiger zu bekommen. Und in der Tat habe ich für 660 Euro die Kamera in wenig gebrauchtem Zustand inklusive originaler Ledertasche, Peak Design Schlaufe und einem Ersatzakku bekommen. Ein echter Schnapper und für mich einmal mehr die Bestätigung, dass sich mit dem Gebrauchtkauf zum richtigen Zeitpunkt wirklich Geld sparen lässt. Heute, ein Jahr später, liegen Angebote mit vergleichbarer Ausstattung eher bei 800 oder gar 900 Euro. Die GR-Serie wird immer beliebter und – wie auch schon bei Fujis X100-Serie – steigen auch die Gebrauchtpreise weiter an.

Warum ich die Ricoh GRIII gekauft hatte

Auch ich habe mich damals vom Hype um die Ankündigung der GRIV irgendwie anstecken lassen. Die GR-Serie fand ich schon immer spannend – gerade im Wettbewerbsumfeld zwischen den Leica Q- und den Fujifilm X100-Serien. Ich hatte vor fünf Jahren schon einmal die GRIII in einem Blogartikel positioniert, aber im Grunde für mich fallen lassen, weil ich nicht auf einen Sucher verzichten wollte.

Die Ricoh GRIII im Vergleich zwischen Leica Q und Fuji X100
Die Ricoh GRIII im Vergleich zwischen Leica Q und Fuji X100 (Ansicht von August 2021). Ob das so noch stimmt? (Spoiler: bei der Bildqualität hatte ich die Ricoh vor fünf Jahren völlig unterschätzt).

Ich wollte nun endlich einmal abwägen: Wiegt das Miniformat nicht doch den fehlenden Sucher auf? Oder anders formuliert: Könnte ich nicht mit dem Display fotografieren und dafür die Vorteile der Portabilität voll ausnutzen?

Also habe ich die Ricoh GRIII seit letztem Sommer immer wieder dabei gehabt. Mal als Zweitkamera, wenn ich nach einem langen Reisetag einfach nur noch „die Kleine“ dabei haben wollte. Oder sogar – vor allem in Hamburg – als Hauptkamera, wenn ich noch weniger als sonst auffallen wollte. Mal kurz beim Einkaufen, wenn ich mit dem Rad unterwegs war, oder auch bei der diesjährigen Pride Parade während des Christopher Street Days in Hamburg.

Mein Eindruck der Ricoh GRIII

Ich habe ein paar Monate gebraucht, bis ich die Kamera verstanden hatte. Nicht technisch, nicht wie sie funktioniert. Ich habe mich schnell an das Gerät und die Einstellungen gewöhnt. Auch die 28 mm Brennweite sind für mich ja nicht neu, ganz im Gegenteil: Das ist ja meine Sichtweise der letzten Jahre. Gerade deswegen dachte ich auch, dass mir die GRIII so sehr liegen könnte. Nein, es ging eher darum, wie ich sie für mich einsetze. Wann sie meine Leica M11 ersetzt oder erweitert.

Ricoh GRIII Review
Die Ricoh GRIII

Bis dahin hatte ich immer wieder überlegt, sie wieder zu verkaufen. Erst nach ein paar Monaten habe ich verstanden, wann sie mir einen echten Mehrwert bringt, abgesehen davon, dass sie so klein ist. Ich habe verstanden, wie unfassbar unauffällig sie ist. Wie ich damit von meinen Motiven völlig unterschätzt werde, wie ich als Tourist eingestuft werde und wie mir fast alle Menschen um mich herum „erlauben“, dass ich sie fotografiere.

Mit keiner Kamera vorher haben sich die Leute so oft entschuldigt, wenn sie mir „aus Versehen“ ins Bild gelaufen sind. Mit keiner anderen Kamera zuvor wurde ich als Fotografierender weniger beachtet. Ja, mit keiner anderen Kamera glaubte ich, von meinen Mitmenschen so häufig belächelt zu werden, manchmal sogar bemitleidet. Als wäre ich aus einem anderen Jahrzehnt und würde mit einer Rentnerkamera fotografieren, die jedem Smartphone technisch hinterher ist. Diese Einschätzung ist der USP der Ricoh GRIII (und damit auch des Nachfolgers GRIV sowie der GRx-Schwestermodelle).

Und damit bekomme ich Bilder, die ich mit anderen Kameras nicht immer bekomme. Oder mit denen ich mich zumindest schwerer tue.

So gesehen ist das tolle Hosentaschenformat eine On-top-Leistung der Kamera. Ebenso wie der APS-C-Sensor, dessen RAW-Dateien natürlich nicht nur einen deutlichen Mehrwert gegenüber Smartphones bieten, sondern auf dem Niveau sind, das ich von Fujifilm gewohnt war. Oder der eingebaute ND-Filter, den ich schon bei der X100-Serie immer so angepriesen hatte. Ein starker 3-Achsen-Bildstabilisator, eine ausreichend lichtstarke Linse und sogar etwas eingebauter Speicher – nur zur Sicherheit.

Nicht zu vergessen die Snap-Focus-Funktion, die gerade in der Street Photography genial und einzigartig ist. Eine Funktion, die längst auch in andere Kameras gehört und die Zonenfokusfotografie so wunderbar einfach macht. Weil ich der Kamera einfach sage, dass sie zum Beispiel auf 2,5 m scharf stellt. Und das tut, während ich einfach schnell durchdrücke. Ich muss nicht auf den Autofokus warten, sondern sage vorher, wo meine Schärfe liegen soll. Und kann mir damit zum Beispiel bei Blende 5,6 eine schöne Vordergrundunschärfe und eine gewisse Plastizität ermöglichen.

Ricoh GRIII Review
Ein super kleines Paket: Die Ricoh GRIII mit dem Godox IM20

Ricoh GR und die Blitzfotografie

Und dann wäre da ja noch das Blitzen. Etwas, das derzeit immer mehr in Mode kommt. Wo man hinhört, immer mehr Fotograf:innen versuchen sich im Blitzen, gerade auf der Straße. Und gerade hier stoßen meine M11 und eigentlich fast alle Kameras an ihre Grenzen, verfügen sie doch in der Regel nicht über einen Zentralverschluss. Und so ist oftmals bei 1/180 s oder bei 1/250 s Schluss.

Mit der Ricoh GR (wie mit ihren geistigen Geschwistern Leica Q und auch Fujifilm X100 – die Hasselblads würden mir auch noch einfallen) kann ich aber auch offenblendig und/oder mit deutlich kürzeren Verschlusszeiten blitzen. Anders gesagt: Ich muss bei Tageslicht nicht bis Blende 16 oder 22 abblenden, um keine schwarzen Balken im Bild zu bekommen. Ricoh gibt sogar Verschlusszeiten bis 1/4000 s an – wobei die maximal mögliche Zeit von der Blende abhängt: bei f/2.8 maximal 1/2500 s, ab f/5.6 bis 1/4000 s.

Mit der Ricoh GRIII und dem LightPix Labs FlashQ Q20 entfesselt auf dem Christopher Street Day 2026 in Hamburg:

Die Bildqualität

Was aus der Ricoh GRIII rauspurzelt, ist mehr als gut. Die Bilder sind scharf, clean und zeigen eine sehr moderne Wiedergabe. Bis ISO 3.200 bin ich auch mit dem Rauschen noch einverstanden, darüber möchte ich nicht mehr gehen. Das Objektiv zeichnet extrem gut, die Farben wissen mir zu gefallen und ich bin rundherum zufrieden.

Solange ich nicht bei f/2.8 fotografiere. Offenblendig muss ich Abstriche machen. Das merke ich zum Beispiel bei Konzerten, also dort, wo die Lichtverhältnisse schwierig sind und ich eigentlich jede Möglichkeit nutzen muss, um Licht einzufangen. Wenn ich aber auf f/3.5 abblende, ist das Ergebnis deutlich besser. Auch und gerade in der Bildmitte. Hin zu den Rändern ist meine Erwartungshaltung bei Blende 2.8 ohnehin nur eingeschränkt.

Auch in der Nachbearbeitung bin ich äußerst happy. Ich nutze die Farbvariante „Kamera Positiv Film“, die mir für lebendige Straßenszenen extrem gut gefällt. Damit komme ich für meinen Geschmack schon sehr nah an meine Standardeinstellungen heran, die ich bei der Leica M11 und dem dortigen Post-Editing in Lightroom nutze. Die RAW-Dateien erlauben eine akkurate Nachbearbeitung und auch der Dynamikumfang gibt mir ausreichend Reserve, so etwa, wie ich das auch von anderen APS-C-Kameras her kenne. Und deutlich besser als mit der Leica M10, die bis vor zwei Jahren noch meine Hauptkamera war.

Was es sonst noch gibt?

Eigentlich nur einen echten Pain Point und das ist die Akkulaufzeit. Aber ich denke, dass Du das schon weißt, wenn Du Dich mit der Ricoh GRIII schon einmal beschäftigt hast. Ich habe immer vier Akkus dabei, was nicht wirklich ein Drama ist, schließlich sind sie ja auch klein und passen in jede Tasche. Aber ich bin jedes Mal erstaunt, wie schnell die kleinen Akkus alle sind, und das hinterlässt bei mir immer wieder ein Gefühl der Unsicherheit. Ich fühle mich einfach wohler, wenn ich noch ausreichend Power habe. Aber natürlich kann ich auch einfach eine kleine Powerbank anschließen.

Keine negativen Erfahrungen habe ich mit Staubeinschlüssen gemacht. Ebenso wenig mit Abstürzen oder anderen Unzuverlässigkeiten. Die Ricoh GRIII springt ausreichend schnell und zuverlässig an und lässt mich nicht im Stich. Der Autofokus ist mir ausreichend zuverlässig (Disclaimer: Ich habe keine Ahnung von modernen Autofokusfunktionen und den heutigen Performance-Niveaus). Und wenn es regnet, dann lasse ich sie in der Hosentasche. Sicher ist sicher. Schließlich gibt es keinen Wetterschutz (trotzdem: schaut Euch die Bilder im Schneesturm an am Ende des Artikels. Auch das hat sie locker weggesteckt)

Der Elefant im Raum…

…ist der fehlende Sucher. Daran musste ich mich wirklich gewöhnen. Weil ich mich wie ein Honk fühle, wenn ich ohne Sucher fotografiere. Zu Beginn hatte ich die Ricoh GRIII ständig ans Auge geführt und einfach vergessen, dass da kein Sucher ist. Die Macht der Gewohnheit beim Fotografieren hatte mich immer wieder überlistet. Eine Kamera in die Hand zu nehmen, eine Armlänge vor sich zu halten und so sein Motiv zu arrangieren, das hat etwas echt Amateurhaftes – so versuchte mich mein Gehirn immer wieder abzulenken.

Zwei Dinge haben mir dabei geholfen, dieses Urteil zu überdenken. 1.) Das leider nicht wirklich gut erkennbare Display auf volle Helligkeit hochzuschalten (was die kritisierte kurze Batterielaufzeit natürlich weiter schwächt) und damit zu verstehen, dass diese Art der Bildgestaltung gerade als Brillenträger eine ganz neue Art des Komforts mit sich bringt. Weil ich auf dem Display das Bild wie einen kleinen Abzug erahnen kann. Und 2.) weil auch meine fotografierten Subjekte denken, dass ich ein Amateur sein muss. So wie ich fotografiere. Habe ich es schon erwähnt? Wie ein Honk.

Die Fotografie ohne Sucher – so sehr es irgendwie auch wehtut, nicht am Auge komponieren zu können – ist genau der Vorteil, der für Bilder steht, die mit der Leica M mehr Mut, mehr Durchsetzungsvermögen und mehr Auffälligkeit bedeuten. Fotografieren mit der Ricoh GRIII bedeutet also irgendwie auch, den Komfort der Portabilität aufs Extreme zu maximieren, in Kombination mit einer Unauffälligkeit, die in einer Harmlosigkeit mündet – aus Sicht der Protagonisten.

In Hamburg wurde im Juli/August 2026 die alte Sternbrücke durch eine neue Variante ersetzt. Das Verfahren mitten im Wohngebiet in der Schanze hat überregionale Beachtung gefunden. Ich war immer mal wieder mit der Ricoh GRIII an der Sternbrücke:

Mein Fazit zur Ricoh GRIII

Was das nun nach einem Jahr des Experimentierens bedeutet? Nun, die Ricoh wird bleiben als meine Zweitkamera neben der Leica M. Weil sie in manchen Fällen einfach die perfekte Begleitung ist. Super kompakt in der Hosentasche und super harmlos in der Anwendung. Und gerade auf Veranstaltungen, in der Öffentlichkeit und immer dort, wo viel los ist, die perfekte Touri-Kamera. Um hinterher alle Möglichkeiten einer professionellen Nachbearbeitung zu haben.

Die Leica M11 hingegen wird weiterhin meine Hauptkamera sein. Wenn ich bewusst fotografieren möchte, mir die Zeit nehme. Auch wenn ich andere Brennweiten nutze und auch, wenn ich die maximale Qualität benötige.

Aber ich habe Blut geleckt, was die Ricoh GR-Serie angeht. Denn sie macht Spaß, sie ergänzt mein bestehendes System und sie ist für mich eine echte Immerdabei-Kamera. Und das für gebraucht gerade einmal etwas mehr als 600 Euro (Stand Sommer 2025).

Es gibt wirklich nicht viele Dinge, an denen ich zu meckern habe. Und ich habe viele Funktionen nicht einmal gestreift bisher, weder in diesem Artikel noch in Reality. Weil ich alles habe. Eigentlich fehlen mir nur zwei Dinge, nämlich eine längere Batteriedauer und eine bessere Performance bei Offenblende.

Genau! Zwei Dinge, die Ricoh mit der im August 2025 erschienenen Ricoh GRIV überarbeitet hat. Zusammen mit ein paar weiteren Aspekten. Das macht mich neugierig, ich bin ehrlich. Ihr wisst ja, wenn man einmal Blut geleckt hat…

Zum Weiterlesen

Und noch random ein paar mehr Bilder aus den letzten Monaten mit der Ricoh GRIII: Städtelandschaften, Konzerte, Fußball, Alltag.

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