Ikonische Fotos von Ernst Haas und Henri Cartier-Bresson nachstellen: Warum macht man sowas? (ein Gastbeitrag)

Schon zum vierten Mal schreibt Jens Benninghoff einen Beitrag auf meinem Blog. Und zum ersten Mal nicht über Technik, sondern über eine fotografische Vorgehensweise: das Nachstellen von ikonischen Aufnahmen aus der Fotogeschichte. Ich freue mich, dass Du mittlerweile ein bisschen Blut geleckt hast am Schreiben, lieber Jens. Und ich freue mich, wenn Ihr, liebe Blogleser:innen, eine Rückmeldung dalasst: Gefällt Euch dieses Format? Und was würdet Ihr Euch vielleicht sonst noch für Gastbeiträge wünschen? Nun aber: Jens, the stage is yours!

Ist es ein Mangel an Kreativität, ein fehlender eigener Stil oder einfach pure Bewunderung, die einen dazu treibt, den Spuren großer Fotografen zu folgen? Man könnte ein solches Projekt schnell als bloße Nachahmung abtun. Doch bevor ihr urteilt, lasst mich euch die Geschichte hinter meinem persönlichen „Nachfotografieren“ erzählen. Es sind zwei völlig unterschiedliche Geschichten, die mich mit zwei für mich wegweisenden Aufnahmen verbinden.

Ernst Haas und der magische Säulenbogen von Exeter

Wir schreiben das Jahr 1982. Damals verschlang ich die GEO Special-Hefte und bekam  eine Ausgabe zum Thema „Fotografie“ in die Hände. Schon der Aufmacher faszinierte mich: Eine Strecke über Ernst Haas, der 1986 viel zu früh verstarb. Heute, im Zuge des Street-Photography-Booms, erfährt Haas eine verdiente Renaissance – oft im Schatten von Saul Leiter, dabei war er bereits in den 1950er Jahren ein mutiger Pionier der Farbfotografie.

Dieses Heft war mein persönlicher Urknall für die Fotografie. Ein Bild ließ mich dabei nie wieder los: der „Säulenbogen der Kathedrale von Exeter“. Es war wohl diese unwiderstehliche Mischung aus perfekter Komposition, dem Blick für das feine Detail und den nuancierten Farbtönen des Kodachrome 25, mit dem Haas das Foto 1980 aufgenommen hatte.

Jahrzehnte vergingen, das Heft geriet in Vergessenheit. Doch als wir 2019 unseren Familienurlaub in Cornwall und Devon planten, war ich plötzlich wie elektrisiert: Unser Ferienhaus lag nur einen Katzensprung von Exeter entfernt. Nachdem ich meiner Familie einen Ausflug zur Kathedrale schmackhaft gemacht hatte, begann die Suche. Da die Kathedrale unzählige Säulenbögen besitzt, wurde es zu einer regelrechten Schatzsuche nach dem exakten Bildausschnitt.

Als ich ihn endlich gefunden und mein Foto im Kasten hatte, empfand ich keinen Stolz, sondern eine tiefe Zufriedenheit. Meine Bewunderung für Ernst Haas wuchs in diesem Moment noch weiter. „Schönheit, die schmerzt“, schrieb GEO damals über seine Arbeit – und jetzt konnte ich dieses Gefühl zum ersten Mal wirklich nachempfinden.

Henri Cartier-Bresson und der berühmteste anonyme Radler der Fotogeschichte?

Und dann gibt es diese Fotos, die sich regelrecht ins Gedächtnis brennen. Der „Radfahrer in Hyères“ von Henri Cartier-Bresson aus dem Jahr 1932 ist so ein Fall. Aber es war nicht nur die meisterhafte Komposition oder das perfekte Timing, das mich fesselte. Es war eine fast schon besessene Skepsis: Ich konnte einfach nicht glauben, dass Henri Cartier-Bresson dieses Bild mit einer 50-mm-Brennweite aufgenommen hatte. Für mich sah das immer nach 35 mm oder sogar 28 mm aus.

Wie schon bei Ernst Haas half mir der Zufall in Form unserer Urlaubsplanung. In diesem Sommer verschlug es uns in die Provence und – ihr ahnt es – Hyères lag direkt auf unserer Route zwischen zwei Etappen. Dank meiner Internetrecherche wusste ich, dass die berühmte Treppe und der eiserne Handlauf zwar nicht mehr im Originalzustand, aber dennoch vorhanden waren. Während die Familie bei einem ausgiebigen Mittagessen entspannte, machte ich mich, mit Koordinaten bewaffnet, auf die Suche.

Die Auflösung eines Rätsels

Was soll ich sagen? Es war pure Gänsehaut, als ich endlich auf dieser Treppe stand. Ich versuchte, den Bildwinkel so präzise wie möglich zu rekonstruieren. Und tatsächlich: Ich musste Abbitte leisten. Das Foto wurde wirklich mit 50 mm aufgenommen. Da sich die Dimensionen von Treppe und Handlauf gegenüber 1932 etwas verändert hatten, ließ sich der Bildausschnitt des Originals allerdings nicht mehr exakt rekonstruieren. Dazu kamen die extrem harten Kontraste der Mittagssonne.

Fast genauso spannend wie das eigentliche Motiv fand ich übrigens das Setting vor Ort: die Treppe einmal von der Straßenseite aus zu sehen und auch das gegenüber liegende Fenster einer Hausfront, in dem sich die Treppe spiegelt, an derem oberen Ende HCB stand.

Schlussendlich verbrachte ich geschlagene 45 Minuten damit, das Motiv bei 35 Grad Hitze nachzustellen – sehr zum Unverständnis meiner Familie, die mit dem Essen längst fertig war. Doch am Ende blieb auch hier dieses Gefühl, ein privates Rätsel für mich gelöst zu haben. Einzig ein Radfahrer wollte an diesem heißen Samstagmittag im August partout nicht vorbeikommen …

„Rephotography“ – unterschiedliche Motivation, ähnlicher Ansatz

Erwähnt sei an dieser Stelle noch das Genre der „Rephotography“ oder „Repeat Photography“: das erneute Fotografieren historischer Aufnahmen vom gleichen Standort und mit möglichst gleichem Bildwinkel. Anders als bei meinen beiden Beispielen geht es dabei häufig darum, den Wandel von Orten über die Zeit zu dokumentieren – gewissermaßen mit einem chronistischen Ansatz. Es gibt dazu auch größere Projekte, zum Beispiel das Ende der 1970er-Jahre begonnene „Rephotographic Survey Project“ von Mark Klett

Zwei unterschiedliche Bilder, zwei unterschiedliche Motive – eine gemeinsame Herangehensweise

Bei Ernst Haas war es also vor allem eine Reise zu einem Bild, das mich seit meiner Jugend begleitet. Bei Henri Cartier-Bresson wollte ich dagegen ein fotografisches Rätsel lösen. Beides hat dazu geführt, dass ich die Originale heute noch einmal anders sehe. Klar, irgendwo ist es ein Spleen – aber es war eine wunderbare Erfahrung, meinen Idolen für einen Moment so nah zu kommen!

Vielleicht liegt genau darin für mich der Reiz, solche Bilder nachzustellen. Es geht gar nicht darum, ein berühmtes Foto möglichst perfekt zu kopieren. Wenn man am selben Ort steht und versucht, denselben Ausschnitt zu finden, beschäftigt man sich plötzlich ganz anders mit einem Bild: Wo stand der Fotograf? Warum genau dort? Welche Brennweite hat er benutzt? Was hat er weggelassen und was gesehen, das andere vielleicht übersehen hätten?

Und vielleicht ist das ja auch eine Inspiration für euch, es selbst einmal auszuprobieren. Nicht um ein berühmtes Bild einfach zu kopieren, sondern um das eigene fotografische Auge zu schulen und sich ganz praktisch mit Bildaufbau und Komposition auseinanderzusetzen. Vielleicht hilft der Blick durch die Augen eines anderen am Ende sogar dabei, den eigenen Blick ein bisschen besser kennenzulernen und zu schärfen.

Danke Dir, Jens, für diesen Ausflug in die Fotogeschichte – und für eine Idee, die vielleicht zum Nachmachen anregt. Wie sieht es bei Euch aus? Habt Ihr selbst schon einmal versucht, ein bekanntes Foto nachzustellen oder den exakten Ort einer berühmten Aufnahme zu finden? Vielleicht gibt es sogar ein Bild, bei dem Ihr das schon lange einmal machen wolltet? Schreibt es gerne in die Kommentare – wir sind gespannt auf Eure Geschichten.

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