David Gibson – „Street Photography: A History in 100 Iconic Photographs“ (Fotobuch Plauder Ecke #33 @Meet & Street)

Thomas und ich hatten für den Juli eigentlich eine Sommerpause vereinbart. Aber ich wollte mich nicht daran halten. 😉 Also habe ich kurzerhand eine Überraschungsfolge aufgenommen. Statt mit Thomas spreche ich diesmal mit einer ganzen Reihe von Street-Fotograf:innen, denen ich beim Meet & Street 2026 in Freiburg spontan David Gibsons Buch Street Photography – A History in 100 Iconic Images in die Hand gedrückt habe.

Das Buch „Street Photography – A History in 100 Iconic Images“ von David Gibson

Mit Street Photography. A History in 100 Iconic Images hat David Gibson im Jahr 2019 ein Buch veröffentlicht, das seinem Titel alle Ehre macht. Anstatt die Geschichte der Street Photography chronologisch oder theoretisch abzuhandeln, erzählt Gibson sie anhand von 100 ikonischen Fotografien, die das Genre geprägt haben. Jede Aufnahme erhält eine Doppelseite mit einer kurzen Einordnung und Hintergrundinformationen – kompakt, verständlich und zugleich fundiert.

Das im Prestel Verlag erschienene Hardcover umfasst 208 Seiten und misst 21 × 25,5 cm. Die hochwertige Ausstattung und der großzügige Bilddruck machen es zu einem Buch, das man immer wieder gerne zur Hand nimmt. Es handelt sich um eine englischsprachige Ausgabe.

"David Gibson - Street Photography A History in 100 Iconic Images" - Cover
„David Gibson – Street Photography A History in 100 Iconic Images“ – Cover

Die Auswahl der Fotograf:innen und ihrer Aufnahmen beginnt bei den frühen Pionieren der Straßenfotografie und reicht bis zu zeitgenössischen Positionen. Selbstverständlich begegnet man dabei Größen wie Henri Cartier-Bresson, Garry Winogrand, Joel Meyerowitz oder Vivian Maier. Gleichzeitig gelingt es Gibson aber auch, weniger bekannte Fotograf:innen einzubeziehen und so die Vielfalt des Genres zu zeigen. Das Buch versteht sich dabei weniger als Rangliste der “besten” Bilder, sondern vielmehr als eine visuelle Geschichte der Street Photography. Natürlich ist so ein Buch nie vollständig, aber ich vermisse schon Größen wie Martin Parr oder Harry Gruyaert.

David Gibson hat eine ganze Reihe solcher „Best of Bücher“ herausgebracht, so zum Beispiel auch das durch Thomas im Blog der Fotobuch Ecke bereits 2019 besprochene Buch Street Photography – Die 100 besten Bilder. Weil es ähnlich aufgebaut ist und sogar ebenfalls exakt 208 Seiten zählt, könnte man zunächst an eine bloße Übersetzung denken. Tatsächlich handelt es sich jedoch um ein eigenständiges Werk. Während der 2017 erschienene Vorgänger vor allem herausragende Einzelbilder präsentiert (u.a. auch mit Martin Parr), legt A History in 100 Iconic Images den Fokus auf die historische Entwicklung der Street Photography und ordnet die Fotografien in ihren jeweiligen zeitlichen und fotografischen Kontext ein.

Gerade für alle, die sich intensiver mit Street Photography beschäftigen möchten, möchte ich A History in 100 Iconic Images sehr empfehlen. Es eignet sich gleichermaßen zum Schmökern, Nachschlagen und als Inspirationsquelle – und dürfte sowohl Einsteiger als auch erfahrene Street-Fotograf:innen immer wieder zu neuen Entdeckungen führen. Einziger Wermutstropfen, Ihr könnt es nur noch gebraucht kaufen.

Wie ich „Street Photography – A History in 100 Iconic Images“ auf dem Meet & Street 2026 in Freiburg bespreche(n lasse)

Normalerweise sitzen Thomas und ich gemeinsam vor unseren Mikrofonen und sprechen jeweils über ein Fotobuch. Diesmal war alles anders. Thomas wusste von nichts – schließlich war eigentlich ja wie schon erwähnt Sommerpause – und ich hatte mir vorgenommen, ihn und Euch mit einer kleinen Sonderfolge zu überraschen.

Also wanderte nicht nur meine Kamera mit nach Freiburg zum Meet & Street 2026, sondern auch David Gibsons Street Photography – A History in 100 Iconic Images. Die Idee war denkbar einfach: Ich drücke das Buch den Teilnehmer:innen in die Hand und frage sie spontan, bei welchem Bild sie hängenbleiben. Ohne Vorbereitung, ohne langes Nachdenken.

Über den Tag verteilt entstanden Gespräche mit ganz unterschiedlichen Street-Fotograf:innen. Dabei nutzen wir in vielen Fällen die Bächle, die durch Freiburg fließen und kühlen uns etwas ab, während wir über das Buch und über das Meet & Street schnacken.

Die Protagonisten: Sechs Gespräche über Street Photography

(mit den Links zu besprochenen Themen aus der Podcast Folge)

Samuel Ioannidis (Meet & Street 2026 in Freiburg)

Samuel Ioannidis vom Nürnberg Unposed Collective hat sich René Burri ausgesucht, den wir ja auch schon in der Fotobuch Plauder Ecke hatten. Wir diskutieren unter anderem, was die Neugier auslöst, über ganz persönliche Projekte und wie es ist, mit Martin Parr ein Selfie zu machen. Ihr findet Samu auf Instagram und auf seiner Website.

Achim Katzberg ist Teil des Frankfurter Kollektivs „Collateral Eyes“ und hat sich für eine Aufnahme von Ralph Gibson entschieden. Er erwähnt außerdem die Ausstellung „Family of Men“ in Luxembourg. Weiterhin sprechen wir über sein Buch Angles Morts, mit dem er schon einmal bei Thomas im Podcast war. Ihr findet Achim auf Instagram und auf seiner Website.

Achim Katzberg (Meet & Street 2026 in Freiburg)
Wolfgang Mertens (Meet & Street 2026 in Freiburg)

Wolfgang Mertens ist der Host vom Unposed Podcast und damit die markanteste und bekannteste Stimme der Szene. Außerdem ist er Mitglied vom Nürnberg Unposed Collective. Wolfgang erzählt begeistert von Joel Meyerowitz und von den entscheidenden Momenten. Ihr findet ihn auf Instagram und auf seiner Website (mit Podcast).

Damian Dessler gehört zum RuhrCollective und er hat sich mit großer Faszination für den Fotografen des Titelbildes entschieden, für Jeff Mermelstein. Sein Tipp von Mermelstein ist das Buch „Twirl/Run“ (Amazon Affiliate). Ihr findet Damian auf Instagram und auf seiner Website.

Damian Dessler (Meet & Street 2026 in Freiburg)
Julia Kohl (Meet & Street 2026 in Freiburg)

Julia Kohl ist Mitglied der Kesselobjektive aus Stuttgart und gehört damit zu den Ausrichtern fürs nächste Meet & Street. Sie hat sich für ein leises und emotionales Bild von Ikko Narahara entschieden. Noch bis 2. August ist ihre Ausstellung „Das Gefühl ist der Auslöser“ zu sehen. Und hier gehts zu ihrem Instagram Account.

Manuel Zamora-Morschhäuser ist Teil des BlackForestStreet Kollektivs und damit einer der fünf Ausrichter des Meet & Street in Freiburg. Er erzählt über seine Workshops bei Maciej Dakowicz und hat folglich auch ihn ausgewählt. Außerdem hören wir, wie aus seiner Sicht das Meet & Street verlaufen ist. Ihr findet Manuel auf Instagram.

Manuel Zamora-Morschhäuser (Meet & Street 2026 in Freiburg)

Was mich nach diesen so angenehmen Gesprächen besonders gefreut hat: Niemand sprach dabei wirklich über Technik. Stattdessen ging es um Bildideen, Geschichten, Gefühle und Inspiration. Genau deshalb liebe ich Fotobücher. Sie zeigen nicht nur Fotografien – sie bringen Menschen ins Gespräch.

Und fast nebenbei entstand so auch eine kleine akustische Reportage vom Meet & Street selbst. Ihr hört die Geräusche des Freiburger Wochenmarkts, die Begrüßung der Organisatoren, das Plätschern der Bächle und später das Stimmengewirr im Kastaniengarten. Wer selbst dabei war, wird manches wiedererkennen. Und wer das Meet & Street bisher nur vom Hörensagen kennt, bekommt hoffentlich einen Eindruck davon, warum dieses Treffen für viele längst ein fester Termin im Kalender geworden ist.


Bonus: Antje und „Street Photography – A History in 100 Iconic Images“

Eine Geschichte zu diesem Buch möchte ich Euch zum Schluss noch erzählen. Die Interviews für die Podcastfolge waren längst aufgenommen. Wir saßen schon länger im Kastaniengarten beim gemeinsamen Ausklang des Meet & Street, als mich Antje vom Black Forest Streets Kollektiv ansprach (Ihr habt ihre Stimme in der Podcast Folge schon gehört, wie sie das Meet & Street eröffnet hatte)

Sie entdeckte das Buch, das neben mir auf dem Tisch lag, und erzählte mir, wie mehrere Fotograf:innen während Corona die Motive aus dem von mir gerade vorgestellten Buch Street Photography – A History in 100 Iconic Images nachgestellt hatten. Genau dieses Buch war bereits vor einigen Jahren Ausgangspunkt eines großen Communityprojekts. Was für ein schöner Zufall!

(Ich habe mich inzwischen auf die Suche gemacht und gefunden, wie Frank Fischer das Projekt auf YouTube vorstellt. Das könnt Ihr hier auf YouTube ansehen und viele dieser „Replikate“ und die Stories dahinter findet Ihr unter dem Hashtag „communityproject100“ auf der Website der FF Fotoschule)

Die Aufgabe war ebenso einfach wie spannend: Jeder/m Teilnehmer:in wurde eines der 100 ikonischen Bilder zugeordnet und setzte sich dann intensiv mit dessen Entstehung, Aussage und Bildgestaltung auseinander und entwickelte anschließend eine eigene fotografische Interpretation. 

Antje entschied sich damals für das Foto von Tom Stoddart (Doppelseite 178/179). Der britische Fotojournalist dokumentierte über Jahrzehnte Kriege, Konflikte und soziale Umbrüche. Das von Antje ausgewählte Bild entstand 1994 während des Bosnienkriegs in Sarajevo und zeigt Meliha Varesanovic, die trotz des Krieges mit aufrechter Haltung und großer Würde durch die Stadt geht – ein Bild, das längst zu den bekanntesten Arbeiten Stoddarts zählt. Antje beschreibt sehr eindrucksvoll, wie sie zunächst das Original analysierte, sich Gedanken über dessen Wirkung machte und verschiedene Ideen entwickelte, bevor sie schließlich ihre ganz eigene Umsetzung fand. 

Antjes Interpretation von Tom Stoddarts ikonischer Aufnahme (Foto: Antje König)

Herausgekommen ist schließlich keine Kopie des Originals, sondern eine eigenständige Interpretation. Auf dem Münsterplatz in Straßburg begegnete Antje zufällig einer Braut in einem opulenten roten Kleid. Statt die Kriegssituation des Originals nachzustellen, übernahm sie dessen zentrale Idee: Eine starke Frau, die sich selbstbewusst im öffentlichen Raum bewegt und allen Blicken standhält. Auch die Komposition orientiert sich am Vorbild – der Mann bleibt im Vordergrund anonym, während die Frau den Blick der Betrachterin oder des Betrachters auf sich zieht. Anders als Tom Stoddart entschied sich Antje bewusst für Farbe, damit das intensive Rot des Kleides seine volle Wirkung entfalten kann. Ihr findet Antjes ausführliche Version mit der ganzen Entstehungsgeschichte hier.

Ich finde, dieses Communityprojekt zeigt wunderbar, was gute Fotobücher leisten können. Sie sind weit mehr als Sammlungen schöner Bilder. Sie regen dazu an, genauer hinzusehen, sich mit Bildsprache auseinanderzusetzen und schließlich selbst kreativ zu werden. Vielleicht ist Antje deshalb auch die siebte Gesprächspartnerin dieser Podcastfolge – nicht am Mikrofon, sondern hier im Blog. Ihre Geschichte ergänzt die sechs Gespräche aus Freiburg auf perfekte Weise und zeigt, dass David Gibsons Buch weit über das bloße Betrachten hinaus inspirieren kann.

Auch Antje König ist Teil des BlackForestStreet Kollektivs und sie hatte das Meet & Street in Freiburg eröffnet (siehe Bild rechts). Am Morgen nach dem Meet & Street – im Hotel beim Frühstück erzählte sie mir ihre Geschichte zum von uns vorgestellten Buch. Ihr findet Antje auf Instagram und auf ihrer Website.

Meet & Street 2026 in Freiburg

Zum Weiterlesen

Den Podcast und die anderen Folgen der Fotobuch Plauder Ecke findest Du bei Spotify, Apple Podcasts, Deezer und allen gängigen Plattformen. Damit Du keine Folge verpasst, lass gerne ein Abo auf der Plattform Deines Vertrauens da!

2 Kommentare zu „David Gibson – „Street Photography: A History in 100 Iconic Photographs“ (Fotobuch Plauder Ecke #33 @Meet & Street)“

  1. Hallo Florian, ein wirklich schönes Buch, das du in dieser „Spezial“ Podcastfolge vorgestellt hast.
    Das Buch steht bisher nicht in meinem Regal, doch einige der Fotos, die die Fotografen/innen hierin vorgestellt haben, kannte ich bereits aus anderen Büchern bzw. aus dem Internet. Sehr interessant aber waren für mich die Beschreibungen und Geschichten, die sie zu den Fotos zu erzählen wussten. Das ist für mich das Spannende an der Fotografie. Vielen Dank dafür!

    Vielleicht besteht ja im nächsten Jahr auf dem Meet & Street in Stuttgart die Möglichkeit, dass ihr zusammen (Thomas und Du) in einer neuen Podcastfolge live ein neues Buch vorstellt…

    Wie ich gerade sehe, kann man das vorgestellte Buch auch bei artbooksonline.eu erwerben.

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    • Hallo Manfred, vielen Dank für Deinen Kommentar und dass Dir die Folge gefällt. Das sollten wir in der nächsten Folge besprechen, also dass Thomas und ich in Stuttgart live ein neues Buch vorstellen 😉 Liebe Grüße und bis bald, Florian

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