Im ersten Teil meiner kleinen Serie „Fußball & Fotografie“ habe ich Euch erzählt, warum mich das Fotobuchprojekt „Amor Eterno“ von Kai Behrmann so begeistert. Nicht wegen des Fußballs als Sport, sondern wegen der Menschen, der Emotionen und der Geschichten, die sich rund um ihn entfalten.
Genau dieser Blick hat auch ein Projekt geprägt, an dem ich selbst beteiligt war. Während der Fußball-Europameisterschaft 2024 in Deutschland haben wir uns bewusst gegen Tore und Spielszenen entschieden und stattdessen das fotografiert, was rund um das Turnier passierte: Fans, Begegnungen, Freude, Enttäuschung und all die kleinen Momente, die Fußball zu weit mehr als einem Spiel machen. Aus einer spontanen Idee in unserem Podcast entstand so über zwei Jahre hinweg schließlich die Ausstellung „EMotions“, die derzeit – während der Fußball-Weltmeisterschaft 2026 – im Kulturhaus Fronfeste in Roding (Bayern) zu sehen ist. Wie es dazu kam, erzähle ich Euch in diesem zweiten Teil.
„EMotions“ – die Idee & Umsetzung
Angefangen hatte alles in unserem Podcast über Fotografie und Bildbände, der Fotobuch Plauder Ecke. Nachdem wir in Folge #7 über Bücher von Michael Reufsteck und Paul McCartney geschnackt hatten, haben Thomas und ich noch etwas über Fußball und Fotografie gesprochen. Unter anderem auch eine kurze Vorschau auf die damals anstehende Fußball Europameisterschaft 2024 in Deutschland und dem Vorhaben, dass wir beide die besondere Stimmung fotografisch festhalten wollen (könnt Ihr hier ab 01:24:23 nachschauen). Nur wenig später erreichte uns Hörerpost – und zwar von Achim:
Bei Eurem letzten Podcast ist mir spontan eine Idee durch den Kopf gegangen. Ihr habt wie immer, nebenbei über Fußball und fotografieren „gequatscht“. Hier insbesondere über die kommende EM und vielleicht dem nächsten Sommermärchen. Ihr hattet ja erwähnt, im Rheinland bzw. in Hamburg die Stimmung um die Stadien „einzufangen“. Finde dies eine großartige Idee. Ich könnte mich für München zur Verfügung stellen. Vielleicht gelingt es ja, mit noch ein paar weiteren Foto- und Fußballbegeisterten, jedes Stadion mal während der EM einzufangen.
Auszug aus der E-Mail von Achim, Mai 2024
Hörer:innenpost ist immer toll. Und oft sprechen wir auch darüber, in diesem Fall haben wir Achims Idee umgehend aufgenommen und im Prinzip war damit die Idee von „EMotions“ bereits geboren. In der darauffolgenden Podcastfolge (auch das könnt Ihr ab 00:05:12 nachschauen) haben wir diesen Impuls direkt aufgegriffen und unsere Hörer:innen dazu aufgerufen, die Europameisterschaft gemeinsam fotografisch zu begleiten. Nicht zwingend in den Stadien – denn kaum jemand hatte Tickets bekommen – sondern rundherum. Uns interessierte das, was abseits des Spielfelds passierte: Begegnungen, Stimmungen und die vielen kleinen Geschichten, die ein solches Turnier schreibt.
Schon kurze Zeit später hatten sich mehrere Fotograf:innen bei uns gemeldet. Ich lud zu alle Interessierten zu einem ersten Infocall ein und bereitete einige Gedanken für ein Brainstorming vor:
Wie könnte ein solches Gemeinschaftsprojekt aussehen? Wie könnten wir uns gegenseitig inspirieren? Und was könnte am Ende daraus entstehen? Natürlich ahnte damals niemand, dass wir zwei Jahre später tatsächlich gemeinsam die Ausstellung „EMotions“ realisieren würden. Eigentlich waren wir uns nur in einem Punkt einig: Wir machen das. Ganz unabhängig davon, ob daraus am Ende etwas Gemeinsames entstehen würde oder nicht.
Die EM beginnt, Das Projekt startet
Kurz vor dem Start der Europameisterschaft teilen Thomas und ich in einer weiteren Podcastfolge unsere Gedanken, wie das Projekt wohl ablaufen könnte, noch immer ist es ziemlich offen, wohin die Reise für uns gehen wird (hier ab 00:02:07). Schließlich sind wir zu siebt und fotografieren das Turnier an den Spielorten Köln, Düsseldorf, Gelsenkirchen, Hamburg, Berlin, Frankfurt, Stuttgart und München. Hinzu kamen sogar noch einige Public-Viewing-Standorte außerhalb der eigentlichen Austragungsorte.
Ich erinnere mich noch gut daran, dass wir uns auch während des Turniers einmal zu einem Online-Meeting trafen, um unsere ersten Erfahrungen auszutauschen. Etwa nach der Gruppenphase nahmen Thomas und ich außerdem eine Podcast-Sondersendung über Fußballfotobücher auf. Natürlich berichteten wir auch dort von unserem Projekt, sprachen über unsere bisherigen Eindrücke (hier ab 00:05:15) und zeigten einen ersten Zusammenschnitt der Bilder aus der Gruppe (hier ab 00:15:47).
Die EM 2024 war um. Und dann?
Zunächst einmal war Deutschland viel zu früh ausgeschieden. Und nach dem Turnier wurde es auch in unserer Gruppe erst einmal ruhig. Jede und jeder von uns kümmerte sich um das eigene Archiv: Bilder wurden gesichtet, aussortiert, bearbeitet und schließlich zu einer persönlichen Auswahl zusammengestellt.
Für mich war es zunächst gar nicht so einfach, einen roten Faden zu finden. Zu unterschiedlich waren die Orte, an denen ich fotografiert hatte, und zu vielfältig die Stimmungen, die ich eingefangen hatte. Hinzu kam, dass ich während des Turniers mit verschiedenen Kameras experimentiert hatte – nicht zuletzt deshalb, weil auf den offiziellen Public-Viewing-Areas Kameras mit Wechselobjektiven teilweise nicht erlaubt waren (zur Technik schaut gerne beim Fuji X100VI und beim Leica M10-Bericht vorbei).
Eine Auswahl meiner Bilder aus Hamburg, Stuttgart und Berlin:












Was meine Bilder aus meiner Sicht dennoch zusammenhielt, waren die Emotionen – die Stimmungen zwischen Sieg und Niederlage, aber auch die ausgelassene Freude. Deutschland hatte sich, wie schon 2006, einmal mehr als großartiger Gastgeber gezeigt.
So konnte ich aus meinen Aufnahmen eine chronologische Strecke von der Gruppenphase bis zum Finale entwickeln. Sie begann mit dem Anstoß des Turniers bei mir zu Hause und endete mit dem Abpfiff des Endspiels in Berlin – immer „Beyond the Stadiums“, also ohne Ticket im Stadion, sondern aus der Perspektive eines Fans, der das Turnier begleitet. Daraus entstand im Herbst desselben Jahres mein Zine „Beyond the Stadiums. From the Heart of the Euro 2024“ (das inzwischen vergriffen ist).
Dieses Zine war zunächst mein ganz persönlicher Abschluss der Europameisterschaft. Gleichzeitig wäre es ohne unsere Gruppe, ohne die gemeinsame Initiative, die aus einer spontanen Idee in unserem Podcast entstanden war, niemals entstanden. Doch als Gemeinschaftsprojekt war „EMotions“ damit noch lange nicht abgeschlossen. Im Gegenteil: Danach wurde es erst einmal still. Rund eineinhalb Jahre ruhte das Projekt.
Von den Bildern zur Ausstellung „EMotions“
Anfang dieses Jahres, im Jahr der Fußball-Weltmeisterschaft 2026, nahm unser Projekt wieder Fahrt auf. Aus einem losen Zusammenschluss von Fotografen wurde nach und nach ein gemeinsames Ausstellungsprojekt. Ihr könnt es Euch vorstellen: Dafür braucht es jemanden, der alle Fäden in der Hand hält, organisiert, koordiniert und sieben Fotografen immer wieder an einen Tisch bringt. Genau diese Rolle hat Achim mit unglaublichem Engagement übernommen. Ohne ihn wäre die Ausstellung „EMotions“ niemals Wirklichkeit geworden.
Er war es schließlich auch, der den Kontakt zum Kunst- und Kulturverein in Roding herstellte. Daraus entstand die Möglichkeit, während der Weltmeisterschaft 2026 rund 30 Fotografien aus unserem gemeinsamen Projekt zu zeigen.

Einer der schwierigsten Schritte war schließlich die Bildauswahl. Sieben Fotografen, aber nur rund 30 Plätze an den Wänden – und die Aufnahmen sollten nicht nur für sich funktionieren, sondern auch als Ausstellung eine gemeinsame Geschichte erzählen. Das verbindende Element waren einmal mehr die Emotionen. Sie gaben unserem Projekt nicht nur seine inhaltliche Klammer, sondern letztlich auch seinen Titel: „EMotions“.
Auch in dieser Phase war Achim der Motor des Projekts. Er koordinierte den gesamten Auswahlprozess, führte uns durch die Diskussionen und kümmerte sich um alles Organisatorische vor Ort. Und tatsächlich: Aus unserem Podcast-Gesabbel war eine gemeinsame Ausstellung geworden.
Die Ausstellung „EMotions“ in Roding
Pünktlich zum Start der Fußball-Weltmeisterschaft 2026, am Tag des Eröffnungsspiels, wurde die Ausstellung mit einer Vernissage eröffnet. Für unser Team waren natürlich Achim vor Ort sowie Bernd, der eigens aus Dülmen angereist war. Hier findet Ihr einen Presseartikel zur Eröffnung (Paywall) und hier könnt Ihr einem Podcastgespräch folgen, in dem Bernd über seine Aufnahmen spricht:
Ihr könnt es im Podcast hören: Der Kunst- und Kulturverein hat die Ausstellung mit vielen liebevollen Details ergänzt – etwa einem Tischkicker oder einem kleinen Anstoßkreis. Und Ihr wisst es inzwischen auch: „EMotions“ zeigt keine Tore und keine Spielszenen im klassischen Sinne. Stattdessen richtet die Ausstellung den Blick auf das Davor und Danach, auf die Momente am Rand des Spielfelds, die oft mehr über den Fußball erzählen als die 90 Minuten selbst. Ihr seht dort zum Beispiel zwei Männer, die sich nach zwanzig Jahren beim Fußball wieder in die Arme fallen. Ihr entdeckt Wimmelbilder, einzelne Fans, unterschiedliche Kulturen und sogar den inzwischen berühmt gewordenen Saxofonspieler.
Uns sieben Fotografen verbindet dabei weder ein einheitlicher Stil noch eine gemeinsame fotografische Handschrift. Was uns verbindet, ist die Idee hinter dem Projekt: den Fokus bewusst vom Spielgeschehen weg und hin zu den Menschen zu lenken. Für mich geht es beim Fußball ohnehin nicht nur um das, was auf dem Platz passiert. Es geht um den sozialen Raum, den er schafft, um Begegnungen, Emotionen und kollektive Erfahrungen. Genau das versucht „EMotions“ sichtbar zu machen. Umso bedauerlicher ist es, dass ich die Ausstellung selbst nicht besuchen kann.
Infos zur Ausstellung „EMotions“ (noch bis 12.7.2026)
- Kulturhaus Fronfeste | Königsperger Straße 5 | 93426 Roding
- Beteiligte Fotografen:
- Bernd-Thomas Steiner, Dümen
- Florian Renz, Hamburg
- Thomas Winter, Mönchengladbach
- Manfred Lindemann, Gelsenkirchen
- Achim Przymusinski, Lappersdorf
- Klaus Stieler, Mönchengladbach
- Marcus Venmann, München

- Mittwoch 10. Juni 2026 bis Sonntag 12. Juli 2026 (Zeitraum der WM 2026)
- Donnerstags 17:00 Uhr bis 20:00 Uhr, Samstags 14:00 Uhr bis 17:00 Uhr, Sonntag | 14:00 Uhr bis 17:00 Uhr
- Mehr Infos: Link zur Seite von Kunst Kultur Roding und zu Achims Hinweis auf seiner Website
- Danke an Alle, die das möglich gemacht haben, insbesondere Dir, Achim!





Was unser Projekt „EMotions“ eindrucksvoll vermittelt und was Fußballfans auf der ganzen Welt wohl sofort unterschreiben würden: Fußball ist weit mehr als das Geschehen auf dem Platz. Er schafft Begegnungen, erzählt Geschichten und weckt Emotionen. Genau deshalb ist dieser Sport ein unerschöpflicher Fundus für Fotograf:innen. Ihr wisst, dass ich dazu eine besondere Verbindung habe – sei es durch mein Langzeitprojekt Altona 93 Analog oder die vielen Fußballschnacks in unserem Podcast. Ja, ich bin Fußballfan. Aber gerade deshalb fasziniert mich weniger das eigentliche Spiel als das, was rundherum passiert. Fußball ist ein kulturelles Gut, das tief in vielen Gesellschaften verankert ist und Menschen über Ländergrenzen hinweg verbindet.
Vielleicht ist das auch der Grund, warum mich Projekte wie „Amor Eterno“ und „EMotions“ gleichermaßen begeistern. Sie erzählen vom Fußball nicht über Tore und Tabellen, sondern über Menschen. Über Gemeinschaft, Leidenschaft und all die kleinen Momente, die oft am Rand des Spielfelds entstehen und doch lange in Erinnerung bleiben. Für mich ist genau das die spannendste Form der Fußballfotografie.