Albert Kahn (David Okuefuna) – „The Wonderful World of Albert Kahn“ (Fotobuch Plauder Ecke #32)

In der 32. Ausgabe unserer Fotobuch Plauder Ecke stelle ich Thomas ein Buch vor, das weit mehr ist als ein Fotoband. Unser Thema heißt „Reisefotografie“ und ich erinnere mich an eine Empfehlung meines Freundes Timo, der mir das Buch The Wonderful World of Albert Kahn von David Okuefuna empfohlen hatte. Es erzählt die Geschichte eines Mannes, der bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Vision hatte, die heute aktueller denn je erscheint: Menschen sollten reisen und andere Kulturen kennenlernen, um sie besser zu verstehen. Noch mehr, es ist quasi DIE farbfotografische Sammlung schlechthin. Schlicht weil sie in den 1910er und 1920er Jahren die erste ihrer Art ist. Hört rein in unsere Podcastfolge! Thomas hat sich für David Dollmann und sein Buch „Madagaskar“. Auch mit seiner Auswahl kann man wunderbar auf die Reise gehen.

Albert Abraham aka Albert Kahn

Albert Kahn wurde 1860 im Elsass als Abraham Kahn geboren. Aus dem Jungen aus einfachen Verhältnissen wurde einer der reichsten Bankiers und Industriellen Europas. Sein Vermögen nutzte er jedoch nicht nur für geschäftliche Zwecke. Er investierte einen großen Teil davon in ein einzigartiges Projekt, das den Namen „Archives de la Planète“ – das Archiv des Planeten – tragen sollte. Seine Überzeugung war einfach: Wer reist und wer die Welt kennt, führt weniger Kriege.

Ab 1908 schickte Kahn deshalb Fotografen und Kameraleute rund um den Globus. Ihr Auftrag war nicht, spektakuläre Ereignisse festzuhalten, sondern den Alltag der Menschen zu dokumentieren – ihre Kleidung, ihre Arbeit, ihre Straßen, ihre Märkte und ihre Rituale. Heute umfasst dieses Archiv rund 72.000 Autochrome, mehrere tausend Schwarzweißfotografien und mehr als 100 Stunden Film. Es gilt als die bedeutendste Sammlung früher Farbfotografie weltweit. Tatsächlich ist sie bei uns im deutschsprachigen Raum überhaupt nicht bekannt.

Möglich wurde dieses Vorhaben durch das Autochrom-Verfahren der Brüder Lumière. Nachdem sie mit dem Kinematographen bereits Filmgeschichte geschrieben hatten, entwickelten sie 1907 auch ein praktikables Verfahren für Farbfotografie. Winzige, eingefärbte Kartoffelstärkekörnchen wurden auf Glasplatten aufgebracht und ermöglichten erstmals natürlich wirkende Farbbilder. Die Belichtungszeiten waren allerdings noch sehr lang. Deshalb wirken viele Menschen auf den Autochromen leicht verschwommen oder mussten still posieren. Für bewegte Alltagsszenen griff Kahns Team hin und wieder auch auf Schwarzweißfilm zurück.

Gerade darin liegt heute ein besonderer Reiz. Viele berühmte Bauwerke und Landschaften erscheinen hier erstmals in Farbe – nicht künstlich koloriert, sondern so, wie sie Menschen vor über hundert Jahren tatsächlich gesehen haben. Gleichzeitig zeigen die Bilder keine inszenierte Welt, sondern den Alltag unterschiedlichster Kulturen kurz vor den tiefgreifenden Umbrüchen des 20. Jahrhunderts. Der Erste Weltkrieg bildet dabei einen zentralen Einschnitt innerhalb des Archivs.

Wie die Welt vor über 100 Jahren auf uns wirkt

Besonders faszinierend finde ich, wie modern Albert Kahns Idee wirkt. Im Grunde finanzierte er schon vor über hundert Jahren eine weltumspannende Form der dokumentarischen Straßenfotografie. Seine Fotografen interessierten sich weniger für Herrscher und Monumente als für das Leben der Menschen. Sie sollten beobachten statt bewerten und zeigen statt erklären.

Ironischerweise verlor Albert Kahn während der Weltwirtschaftskrise einen Großteil seines Vermögens und starb schließlich in vergleichsweise bescheidenen Verhältnissen. Sein Vermächtnis jedoch hat überdauert. Das Archiv des Planeten ist heute eine unschätzbare historische Quelle und erinnert daran, wie früh Fotografie als Mittel der Völkerverständigung verstanden werden konnte.

The Wonderful World of Albert Kahn macht dieses außergewöhnliche Projekt in hervorragender Qualität zugänglich. Das Buch ist damit nicht nur eine Reise in die Anfänge der Farbfotografie, sondern auch eine Erinnerung daran, dass Bilder Brücken zwischen Menschen bauen können – damals wie heute.

Es ist erstaunlich, dass die Arbeit von Albert Kahn und seinen Fotografen in Deutschland so unbekannt ist. Das von mir besprochene Buch ist nur noch gebraucht zu bekommen, aber ich empfehle Euch auf jeden Fall die unten verlinkten BBC Dokumentationen und noch mehr das heute online zugängliche Archiv von Albert Kahn.

Shout Out an Dich, Timo! Herzlichen Dank für diese tolle Empfehlung.

Specs

  • Herausgeber: BBC Books
  • ISBN: 978-1846074585
  • Hardcover 24.3 x x 24.1 cm
  • 336 Seiten
  • Erschienen 2008
  • Gebraucht bei Amazon derzeit ab 62 Euro

Links zum Buch und zu Albert Kahn

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