Irgendwann in den vergangenen Tagen ist mir aufgefallen, dass sich hier auf meinem Blog ein kleiner Meilenstein nähert: der zweihundertste Beitrag. Zweihundertmal einen Artikel geschrieben. Zweihundertmal auf „Veröffentlichen“ geklickt. Zweihundertmal die Vorfreude gespürt, den fertigen Text schließlich im eigenen Blog zu sehen.
Geschrieben habe ich eigentlich schon immer gern. Früher für Schülerzeitungen, später für kleinere Aufzeichnungen und im wissenschaftlichen Kontext. Der Blog kam erst deutlich später dazu. Die Zahl 200 ist deshalb zwar ein schöner Meilenstein, aber keiner, auf den ich jemals bewusst hingearbeitet habe. Ich habe keine Strichliste geführt, keinen Redaktionsplan auf diese Marke hin optimiert und mir auch nie vorgenommen, irgendwann zweihundert Beiträge zu veröffentlichen. Dieser Blog ist nicht nach Plan gewachsen. Er ist einfach entstanden.
Trotzdem ist so eine runde Zahl für mich ein passender Anlass, einmal stehenzubleiben und zurückzuschauen. Nicht nostalgisch und auch nicht mit großem Jubiläumskonfetti, sondern mit etwas Abstand. Also habe ich den kompletten Blog exportiert und – natürlich mit Unterstützung von KI – einmal analysieren lassen. Alle veröffentlichten Beiträge. Alle Texte. Alle Jahre. Also alle Erinnerungen.

Das Ergebnis hat mich selbst überrascht. So sind hier tatsächlich 300.000 Wörter in 199 Artikeln zusammen gekommen – die etwa 40 statischen Seiten des Blogs noch gar nicht mitgerechnet. Das entspricht damit ungefähr vier bis fünf Sachbüchern (sagt die AI). Oder anders gesagt: Aus gelegentlichen Reise- und Fotoberichten ist im Laufe der Jahre ein umfangreiches fotografisches Archiv geworden.
Ob mein Blog damit zu den größten deutschsprachigen Fotoblogs gehört, lässt sich kaum objektiv beantworten. Gemessen an der Zahl der Beiträge, der Länge der Texte und der Kontinuität der vergangenen acht Jahre gehört er aber sicherlich zu den umfangreichsten unabhängigen Fotoblogs in Deutschland. Und genau das war für mich Grund genug, einmal genauer hin- und zurückzuschauen.
Wie alles angefangen hat
Dabei muss ich die Geschichte meines Blogs allerdings richtig erzählen. Wenn Du nämlich ganz weit zurückscrollst, findet Beiträge aus den Jahren 2006 oder 2009. Das könnte den Eindruck erwecken, ich würde seit zwanzig Jahren kontinuierlich bloggen.
Aber so war es nicht. Obwohl ich tatsächlich das Handwerkszeug dazu hatte. In meinem Studium habe ich am Lehrstuhl für Kommunikationswissenschaften gearbeitet und in diesem Rahmen zu etwas ganz Neuem geforscht. Wir nannten das damals „Social Software“, ich war auf Social Networks spezialisiert, aber wir haben auch sehr früh zu „Weblogs“ geforscht. Eine ganz neue Form der Kommunikation, ja der Erweiterung des traditionellen Journalismus. Denn auf einmal konnten alle Empfänger auch zu Sendern werden.

Diese frühen Artikel auf diesem Blog, eigentlich alle bis einschließlich 2018, habe ich aber erst während der Corona-Zeit aufgearbeitet oder nachträglich geschrieben und bewusst zurückdatiert, damit ältere Reisen und fotografische Projekte chronologisch dort stehen, wo sie hingehören. Der eigentliche Blog, so wie Ihr ihn heute kennt, begann für mich viel später. Nämlich 2018 mit der Reise auf die Lofoten und dann 2019 mit weiteren Reisen wie etwa nach Danzig. Eigentlich dachte ich damals eher an einen Reiseblog und es entstand langsam die Idee, Erlebnisse nicht nur fotografisch festzuhalten, sondern auch aufzuschreiben.
Auch ich habe 2020 kreativ genutzt
Der wirkliche Wendepunkt kam 2020. Corona hat vieles eingeschränkt, aber mir gleichzeitig etwas gegeben, das im normalen Alltag oft fehlt: Zeit. Zeit, ältere Projekte aufzuarbeiten. Zeit, Reisen noch einmal zu durchdenken. Zeit, Bilder nicht nur zu zeigen, sondern auch in eine Geschichte zu bringen. Rückblickend war das wahrscheinlich der Moment, in dem aus einer Sammlung einzelner Reiseberichte ein richtiger Blog wurde. Und ich hatte wieder richtig Spaß am Schreiben gefunden.

Wenn ich mir die Entwicklung anschaue, sieht man genau das auch in den Zahlen. Vor 2020 erscheinen nur einzelne Beiträge pro Jahr (eben weil vieles davon erst retrospektiv entstanden ist). Ab 2021 wird es deutlich regelmäßiger. 2021, 2022, 2023, 2024 und 2025 sind die Jahre, in denen dieser Blog seine heutige Form gefunden hat. In dieser Zeit kamen die meisten Artikel dazu, aber auch die Themen wurden breiter. Aus Reiseberichten wurden Kamerareviews, Workshopberichte, Podcastartikel und Fotobuchbesprechungen, Fußballgeschichten, analoge Experimente, Zines und Langzeitprojekte.
Was mich an der KI Analyse am meisten überrascht hat: Eigentlich schreibe ich viel seltener über Kameras, als ich das selber gedacht habe. Auch weil Ihr diese Artikel viel viel häufiger lest. Natürlich tauchen Leica, Fuji, Voigtländer, analoge Filme oder bestimmte Objektive immer wieder auf. Manchmal sogar sehr ausführlich. Aber sie sind selten der eigentliche Kern. Die Kamera ist meistens der Anlass. Die Geschichte liegt woanders.

Wenn ich der KI Analyse folge, so liegen die Geschichten in Städten, in Reisen, in Begegnungen, in Fotobüchern, in Fußballplätzen, in Gesprächen nach Workshops, in Straßen, in denen man plötzlich etwas sieht, das man vorher übersehen hätte. Vielleicht ist genau das der rote Faden dieses Blogs. Ich schreibe nicht über die Fotografie als Technik. Ich schreibe über die Fotografie als eine Möglichkeit, die Welt bewusster wahrzunehmen.
Deshalb ist dieser Blog für mich auch mehr als eine Sammlung von Artikeln. Er ist so etwas wie mein fotografisches Gedächtnis geworden. Wenn ich ältere Beiträge lese, erinnere ich mich nicht nur an Bilder, sondern an Situationen. An die Zimtschnecken auf den Lofoten. An Danzig im Sommerlicht und an die Polarlichter in Lappland. An Neapel. An Pakistan. An die AJK in Altona. An Fotobücher, die meinen Blick verändert haben. An Workshops, nach denen ich anders fotografiert habe als vorher.

Viele Projekte, die heute wichtig für mich sind, wären ohne diesen Blog wahrscheinlich nicht in dieser Form entstanden. Altona 93 Analog ist nicht einfach nur ein Fotoprojekt, sondern auch durch das Schreiben darüber gewachsen. Amici di Napoli ist nicht nur eine gemeinsame Leidenschaft für eine Stadt, sondern inzwischen ein Langzeitprojekt mit eigener Geschichte. Die Fotobuch Plauder Ecke begleitet den Blog nicht nur, sie erweitert ihn. Auch meine Zines und Vorträge hängen enger mit dem Schreiben zusammen, als mir lange bewusst war. Der Blog dokumentiert diese Dinge nicht nur. Er bringt sie in eine Form.
Das ist vielleicht überhaupt die wichtigste Erkenntnis nach 200 Beiträgen: Schreiben verändert meinen Blick. Ein Foto hält einen Moment fest. Ein Text zwingt dazu, diesen Moment zu verstehen. Manchmal weiß ich erst beim Schreiben, warum mich eine Reise beschäftigt hat, ich denke da zum Beispiel an die jüngste Reise nach Marokko und das daraus entstehende Zine. Oder warum ein bestimmtes Bild hängen geblieben ist und was es mit meinen Erinnerungen auf sich hat. Warum ein Fotobuch mich nicht loslässt. Warum ein Gespräch wichtig war. Der Artikel entsteht dann nicht nach der Erfahrung, sondern ist eben Teil dieser Erfahrung.
Die Rolle von Blogs in Zeiten von KI
In den vergangenen Monaten wird oft darüber gesprochen, ob Blogs überhaupt noch zeitgemäß sind. Suchmaschinen liefern inzwischen KI-Zusammenfassungen. Social Media bevorzugt kurze Videos. Aufmerksamkeit ist eine Währung geworden, die in Sekunden gemessen wird. Da wirkt ein klassischer Blog irgendwie analog, fast altmodisch. Vielleicht ist mein Blog das auch. Aber genau darin liegt für mich sein Wert.

Ein Blog muss nicht laut sein. Er muss nicht sofort funktionieren. Er muss nicht in fünf Sekunden erklären, warum man dranbleiben soll. Ein Blog darf langsam sein. Er darf Umwege gehen. Er darf Gedanken entwickeln. Er darf persönliche Erfahrungen neben technische Beobachtungen stellen. Er darf über ein Fotobuch schreiben und am Ende bei der Frage landen, warum uns bestimmte Bilder berühren. Ein Blog ist kein Feed. Ein Blog ist für mich ein Ort. Und deswegen lese ich auch andere Blogs so gerne, wenn sie authentisch sind, wenn sie echte Geschichten erzählen. Abseits von KI generierter Musik oder Fake Bildern.
Dieser Blog gehört mir. Nicht einem Algorithmus, nicht einer Plattform, nicht einem sozialen Netzwerk, das morgen seine Regeln ändert. Instagram oder Threads nutze ich nur sporadisch, eben auch weil ich meine eigene Plattform habe, weil Owned Media hier auch wirklich Owned Media bedeutet. Natürlich freue ich mich über alle Leser:innen und über Klicks und Aufrufe. Sehr sogar. Aber selbst wenn ein Artikel einmal weniger gelesen wird als erhofft, bleibt er hier. Er ist auffindbar, verlinkbar, zitierbar und Teil eines größeren Zusammenhangs. Genau das unterscheidet einen Blog von vielen anderen digitalen Formaten.

Beim Blick auf die 200 Beiträge wird mir auch klar, wie stark sich meine Fotografie selbst verändert hat. Am Anfang standen Reisen im Vordergrund. Es war die Landschaftsfotografie. Und dann kamen die Street Photography und viele Workshops dazu. Fotobücher wurden wichtiger. Dann der Podcast. Dann kam der Fußball zurück. Auf einmal analoge Langzeitprojekte. Heute ist all das nicht mehr voneinander zu trennen. Der Blog ist kein Reiseblog, kein Kamerablog, kein Fotobuchblog und auch kein Fußballblog. Er ist von allem etwas, aber vor allem ist er mein Blick auf die Fotografie.
Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich weiterschreibe. Nicht, weil mir nie die Themen ausgehen. Das passiert natürlich trotzdem manchmal. Sondern weil jedes neue Thema einen weiteren Faden in dieses Archiv einzieht. Ein neues Buch verweist auf ein altes. Eine Reise erinnert an eine frühere. Eine Kamera führt vielleicht sogar zu einer Haltung? Ein Fußballspiel aber auf jeden Fall zu einer Geschichte über Fans und deren Gemeinschaft. Und ein Workshop in den meisten Fällen zu (mindestens) einer Erkenntnis über das Sehen.
Wenn ich heute an diesen Blog denke, sehe ich deshalb keine Liste von 200 Artikeln. Ich sehe eine Karte voller Erinnerungen. Hamburg kommt darin immer wieder vor. Neapel natürlich. Japan. Südafrika. Pakistan. Indien. Istanbul. Porto. Norwegen. Finnland. Orte, die sich miteinander verbinden, weil ich dort fotografiert, geschrieben, gelernt oder Menschen getroffen habe. Manche Orte waren nur einmal Thema. Andere sind zu wiederkehrenden Bezugspunkten geworden.

Was mir das Bloggen gibt
Und dann sind da die Menschen. Freund:innen, Fotograf:innen, Podcaster:innen, (Mit-) Autor:innen, Workshop-Leiter:innen und Ihr Leser:innen. Manche tauchen nur in einem Artikel auf, andere begleiten den Blog seit Jahren. Auch das hatte ich lange unterschätzt. Ein Blog entsteht zwar allein am Schreibtisch, aber er lebt nicht allein von der Autorin, vom Autor. Er lebt von Begegnungen. Von E-Mails. Von Kommentaren.
Für diese Gespräche bin ich dankbar. Vielleicht sogar mehr als für die Zahl 200 selbst. Denn am Ende ist ein Blog nur dann lebendig, wenn er nicht im Leeren steht. Wenn ein Artikel jemanden erreicht, wenn daraus eine Nachricht entsteht, eine Empfehlung, ein Treffen, ein gemeinsames Projekt, dann wird aus Text plötzlich Verbindung.

Deshalb ist dieser zweihundertste Beitrag für mich auch kein Abschluss. Er ist eher eine Zwischenbilanz. Eine kleine Markierung auf einem Weg, der so nie geplant war. Ich weiß nicht, wie dieser Blog in fünf Jahren aussehen wird. Vielleicht werden Fotobücher noch wichtiger. Vielleicht Reisen. Vielleicht wieder mehr analoge Projekte. Oder vielleicht juckt es mich irgendwann doch, einmal über eine Nikon, Canon oder Sony zu schreiben. Vielleicht entsteht etwas völlig Neues, das ich heute noch gar nicht sehe. Vielleicht lege ich auch einmal eine Pause ein. Ich weiß es nicht. Und genau das macht es für mich so spannend. – Nur eins ist sicher, der zweihundertundeinste Beitrag kommt ziemlich bald, denn der ist schon geschrieben!
Und jetzt bin ich neugierig: Wie seid Ihr eigentlich auf meinen Blog gestoßen? Gibt es einen Artikel, der Euch besonders in Erinnerung geblieben ist oder Euch vielleicht sogar schon seit Jahren begleitet? Ich würde mich freuen, davon zu lesen. Denn am Ende lebt ein Blog nicht nur von den Geschichten, die man erzählt, sondern auch von denen, die daraus entstehen. => Schreib es mir unten in die Kommentare!
Nerd Zone
Wie? Keine Statistiken? Keine Nerd Facts? Natürlich kommen noch ein paar wenige Zahlen. Here we go… (basierend auf den ersten 197 Artikeln).
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Ich lese deinen blog schon ewig, glaube der leica m10r blog habe ich als erstes gelesen vermutlich über google. und freue mich immer auf neues futter. glückwunsch zu so vielen tollen texten und natürlich fotos!
Lieben Dank, Matthias!
Lieber Florian, genau richtig. Alles. Auf den Punkt gebraucht. Wahrhaftig. Alles Deins. Und so soll es bleiben.
Außer die „Altona 93 analog“-Ausgabe die mein Eigen ist und wie ein Schatz bewahrt wird. 😉
Mach weiter und lass dich nicht beirren. Hab Dank für deine Mühe und Arbeit die hinter diesem Blog steht.
Ich hoffe, ich kann auch mal Fragen zur analogen Fotografie auf dich zukommen…
Viele Grüße aus Dresden, sozusagen Elbabwärts zu dir,
Rolf
Hallo Rolf, ganz vielen Dank für die netten Worte. Klar, komm gerne auf mich zu, freue mich1 Viele Grüße zurück, elbaufwärts! 🙂 Florian