Kategorien
Reise

Sivakasi. Schon mal gehört? Nein?

Ich bis vor ein paar Monaten auch nicht. Wer bei Google Sivakasi eintippt bekommt sehr viele Treffer zu einem indischen Bollywood Streifen und ein paar weitere Treffer zu einer etwa 100.000 Einwohner zählenden Stadt in der südindischen Provinz.

Während der Film bei der Plattform IMDB nicht einmal durchschnittliche Bewertungen aufweist, ist die Suche nach der Stadt deutlich interessanter. Sich in den gängigen Reiseführern auf die Suche nach Sivakasi zu machen, wird allerdings ergebnislos bleiben. Weder der allgegenwärtige und 1,400 Seiten starke Lonely Planet kennt Sivakasi, noch die anderen gut dreißig Reiseführer, die ich im Vorfeld meiner Recherche zu Sivakasi in der Hamburger Bücherhalle stehen, geben eine Auskunft. Und dennoch ist die Stadt weit über die Grenzen von Indien hinaus bekannt: Und zwar als wichtigste Produktionsstätte für Feuerwerkskörper und Streichhölzer überhaupt – ein Teil der Produktion landet an Silvester auch in unseren Händen, in Europa.

Ein klassisches Urlaubsziel ist Sivakasi nun wirklich nicht. Ich reise in die Stadt, weil ich mich seit einigen Monaten für ein Kinderheimprojekt engagiere, dem KIDZ Shelter, in dem 25 Mädchen ein zuhause haben, denen sonst die Kinderarbeit in besagten Industrien drohen würde. Weil das Klima sehr trocken ist und es bedeutend weniger regnet als an der Küste, ist Sivakasi nämlich ein äußerst geeigneter Standort für die Produktion von Feuerwerkskörpern, schließlich ist die Trockenheit bei der Herstellung und Lagerung sehr von Vorteil.

Von der Autobahn aus ist es nicht mehr weit nach Sivakasi.
Von der Autobahn aus ist es nicht mehr weit nach Sivakasi.

Unzählige Firmen stellen die Produkte her und handeln mit der Ware, in weiten Teilen der Stadt und den umliegenden Orten stolpert man quasi über Fabriken, Shops und der dazugehörigen Werbung. Der Jahresumsatz mit Feuerwerkskörpern beträgt in der „Cracker City“ über fünf Milliarden Euro (2011).

Seit 1991 sind aber auch über 120 Todesfälle bei der Herstellung der Böller dokumentiert, vor allem in den 1970er und 80er Jahren wurden zahlreiche Fälle von Kinderarbeit aufgedeckt. Obwohl diese in Indien verboten ist, kommt es bis heute immer noch vor, dass Kinder für diese Arbeit herangezogen werden.

Das KIDZ Shelter in der Welthauptstadt der Feuerwerkskörper ist also mehr als nur ein Zeichen gegen Kinderarbeit, sondern eine Herzensangelegenheit für kindgerechtes Aufwachsen und einer schulischen Ausbildung. Das Projekt ist Teil der Patengemeinschaft für hungernde Kinder in Indien e.V., die beiden Hamburger Hadmut und Rüdiger leiten das KIDZ Shelter Projekt – beide lerne ich im Sommer 2019 kennen und schätzen.

Reklame für Feuerwerkskörper
Reklame für Feuerwerkskörper

Wir überlegen uns, wie wir neue Spender für das Projekt gewinnen können, im Besonderen auch mit Hilfe eines professionellen Web Auftritts und einer Kampagne in den sozialen Medien. Und da ich mich zu diesem Zeitpunkt bereits für einen Urlaub gegen Ende des Jahres im von Sivakasi nicht all zu weit entfernten Sri Lanka entschieden habe, liegt der Plan klar auf der Hand: Ich werde die Gelegenheit haben, das Projekt direkt zu besuchen und mir einen Eindruck vor Ort zu verschaffen.

November 2018. Vierzehn Tage voller Erlebnisse liegen hinter mir. Endlose, von Palmen umsäumte Strände, der tosende Indische Ozean und die tropische Hitze von Tangalle, Unawatuna und Galle. Wanderungen durch die Teeplantagen des zentralen Hochlandes um Ella und die sagenumwobenen Tempelanlagen im sogenannten Kulturdreieck zwischen Kandy, Polonnaruwa und Dambulla. Immer begleitet von der Freundlichkeit der Einheimischen, der allgegenwärtigen Religionen Buddhismus und Hinduismus, sowie scharfem und exotischem Essen. Kurzum ein Erlebnis, nachdem sich viele von uns immer sehnen sehnen um abzuschalten, neue Kulturen kennenlernen und die Unterschiede von und zu Deutschland zu erleben. Die Vergleiche zu unserem Leben zuhause liegen auf der Hand: In Sri Lanka geht es asiatisch zu – weit weniger als in vielen anderen Gegenden, aber vor allem in den größeren Städten eben doch sehr laut, sehr umtriebig und für unsere Verhältnisse auch hygienisch in ganz anderen Maßstäben. Diese Vergleiche ziehen Pauschaltouristen wie Backpacker immer wieder gerne, diese Vergleiche begleiten uns beim Reisen ununterbrochen, ja sie sind vielleicht der Grund überhaupt, in ferne Länder zu reisen.

Um bei den Vergleichen zu bleiben: Was mich erwarten wird, ist vermutlich ein weiterer großer kultureller Umbruch. Es ist nur eine knappe Stunde Flug von der singhalesischen Hauptstadt Colombo nach Trivandrum, der Hauptstadt des südindischen Bundesstaates Kerala. Doch werden die Unterschiede zwischen Indien und Sri Lanka vermutlich noch einmal ähnlich drastisch ausfallen wie zwischen Deutschland und Sri Lanka. Ich denke an das Essen, an die Bevölkerungsdichte und die Enge, an den vielen Verkehr, aber auch an die klimatischen und hygienischen Verhältnisse. Und an die Faszination Indien. Ein riesiges Land, das so oft vielmehr als eigener Kontinent beschrieben wird. Ich reise heute das erste Mal nach Indien.

Der kurze Flug von Colombo nach Trivandrum dauert keine Stunde, alles läuft nach Plan und am Flughafen nimmt mich Baby Paul in Empfang, der seit 1988 zur Patengemeinschaft gehört. Baby ist Vorsitzender des in Indien eingetragenen Vereins The Patengemeinschaft for hungering Children, verantwortlich für die Kinderheime und Ausbildungsprogramme und pflegt den Kontakt zu den zuständigen indischen Behörden. Wir fahren einige Stunden bis zur orthopädischen Kinderklinik in Mylaudy, die ebenfalls von der Patengemeinschaft betreut wird.

Der Ausblick in Mylaudy I
Der Ausblick in Mylaudy – im Zoom
Der Ausblick in Mylaudy I
Palmen und Reisefelder, direkt hinter der Kinderklinik in Mylaudy

Die Projekte liegen in vielen Fällen (Sivakasi ist die Ausnahme) in wunderschönen Landschaften, die Szenerie rund um die Kinderklinik in Mylaudy ist wirklich atemberaubend. Wir befinden uns hier im südlichsten Distrikt von Tamil Nadu, in Kanyakumari. Mylaudy ist quasi direkt zwischen der Küste und den fast 2.000 Meter hohen Bergen der Westghats. Je nach Jaheszeit ist es entweder sehr heiß oder sehr naß. Oder beides. Das bedingt den Waldreichtum und das viele grün. Wenn es hier an zwei Dingen nicht mangelt, dann sind es Palmen und Kokosnüsse. Nicht zuletzt aufgrund der tollen Landschaft ist es ein wahnsinnig spannender Ort zum Fotografieren.

Wir jedoch fahren nach zwei Nächten in der Kinderklinik zügig weiter nach Sivakasi. Mein erster Eindruck dieser Stadt gehört ganz alleine den Feuerwerkskörpern. Man muss das wirklich gesehen haben, schon die Vororte sind gesäumt von unzähligen Fabriken und Geschäften, die alle mit rot-gelber Werbung für die Produkte werben. Über viele Kilometer begleiten die Schilder den Autofahrer auf dem Weg von der Autobahnabfahrt bis in die Stadtmitte von Sivakasi. Und je weiter wir ins Zentrum kommen, desto „gewöhnlicher“ wird es. Sivakasi ist eine unauffällige, aber umtriebige und staubige südindische Stadt an der sich auch im Zentrum hier und da Hinweise auf die führende Industrie zu finden, sei es ein Cracker Shop oder eine Wandbemalung, die einmal mehr ein Feuerwerk zeigt. Und wer nachts aus seinem Hotelzimmer schaut, wird mit großer Sicherheit irgendwo am Rande dieser Stadt auch ein Feuerwerk sehen.

Die Aussicht von der Dachterrasse des Hotel Bell
Die Aussicht von der Dachterrasse des Hotel Bell

Unser Ruhepol in der Hektik von Sivakasi bildet das Hotel Bell, das einfache, aber saubere Zimmer bietet und und ein exzellentes Restaurant, in das wir uns Abends gerne zurückziehen und bei Naan, Reis und verschiedenen Paneer-Gerichten den Abend passieren lassen. Natürlich darf auch gesüßter Tee und das obligatorische Bier auf der schönen Dachterrasse nicht fehlen. Meinen Besuch im KIDZ Shelter lasse ich an dieser Stelle aus – wenn es Dich interessiert, dann findest Du hier meinen ausführlichen Bericht.

Oftmals sind die Väter der Heimkinder Alkoholiker und vernachlässigen ihre Arbeit und auch ihre Familie. Stattdessen schicken sie ihre Kinder zum Arbeiten in die Fabriken der Feuerwerksindustrie.

Handwerkszeug in der Feuerwerksindustrie
Handwerkszeug in der Feuerwerksindustrie

Am Folgetag habe ich die Möglichkeit, eine typische Feuerwerkskörper Fabrik zu besuchen. Wir fahren hierzu in einen Vorort von Sivakasi. Auf einem mehreren Hektar großen Areal befindet sich nicht etwa ein großes Fabrikgebäude, wie ich mir das vorgestellt hatte. Vielmehr sind es viele kleine Häuschen mit einem Grundriss von jeweils etwa fünf auf fünf Metern, in denen die Produktion statt findet. Der Hintergrund ist ganz pragmatisch wie bezeichnend: Passiert in einem der Häuschen ein Unfall, so sind die anderen Standorte nicht betroffen.

Die auffällig hohe Anzahl an Unfällen ist seit längerem ein Problem der Industrie. Seit zwei Wochen herrscht aber auch ein Arbeitsverbot; der oberste Gerichtshof hat in zwei Urteilen Ende Oktober die Produktion erst einmal untersagt, unklare Sicherheitsverhältnisse sind dafür wohl verantwortlich. Daher wird bei unserer Besichtigung des Werksgeländes auch gar nicht gearbeitet. Eine Situation, die Sivakasi natürlich zu schaffen macht, denn die komplette Cracker Industrie in Indien ist vom Beschluss des Gerichtshofs betroffen.

Die Feuerwerksfabrik
Die Feuerwerksfabrik

Der Abschluss unseres Fabrikrundgangs bildet der Besuch einer Lagerhalle, in der in unzähligen Kartons die fertig verpackten und zum Verkauf bereit stehenden Produkte lagern. Zwei Fabrikarbeiter zeigen mir alle Produkte voller Stolz und lassen mich diese begutachten. Vom James Bond Böller bis zum Super Paket mit 200 Schuss ist alles dabei. Die aufgedruckten Verkaufspreise sprechen eine eindeutige Sprache: Mit Feuerwerkskörpern lässt sich nur schwer Geld verdienen, die Preise sind auf einem extrem niedrigen Niveau, die Gehälter sind niedrig, was wiederum auch die Verbindung zu der verbotenen Kinderarbeit darstellt. Dazu die aktuellen Diskussionen bezüglich der Herstellungsverbote und Sicherheitsaspekte – im Augenblick scheint es um die Feuerwerksproduktion in Sivakasi nicht zum Besten bestellt zu sein.

Wir machen immer wieder ausführliche Spaziergänge durch die Stadt. Die Menschen sind ausgesprochen freundlich und sprechen mich ständig an. Jugendliche bitten um ein Selfie und generell wollen alle fotografiert werden. An den Häuserfassaden im umtriebigen Sivakasi finden sich auch immer wieder Hinweise auf den Status als Cracker City. Wandbemalungen zeigen Feuerwerke und Böller und immer wieder gibt es Outlets und kleine Shops, in denen man entsprechende Produkte kaufen kann.

Ich verlasse Sivakasi nach ein paar Tagen schließlich weniger als Tourist, sondern als Freund. Neben den Erlebnissen im Kinderheim sind es vor allem die vielen Begegnungen mit den Einheimischen. Vielleicht liegt es daran, dass in dieser Stadt keine Touristen unterwegs sind. Wenn überhaupt Auswärtige nach Sivakasi kommen, dann sind es Geschäftsleute, die in der Streichholz-, Feuerwerks- oder Druckindustrie Geschäfte machen wollen. Als „Weißer“ falle ich unglaublich auf, aber wirklich niemand ist unfreundlich, aufdringlich oder gar seltsam zu mir. Wie schon die Kinder, so fragen mich auch alle anderen Einheimischen nach Deutschland und wie ich mit dem kalten Wetter dort so klarkomme.

Kanyakumari, die Stadt am Kap Komorin
Kanyakumari, die Stadt am Kap Komorin

In meinen Tagen in Tamil Nadu und Kerala besuche ich schließlich auch noch zwei touristische Highlights. So fahren wir an das Kap Komorin, an den südlichsten Punkt von Indien. Hier treffen der Golf von Bengalen, das Arabische Meer und der Indische Ozean aufeinander. Wenige hundert Meter vor der Küste des Kaps liegen zwei kleine Inseln. Auf einer der Beiden befindet sich das Vivekananda-Denkmal. Wir fahren mit dem Schiff dorthin und genießen die besondere Atmosphäre und den Blick auf die Tiruvalluvar-Statue, das vierzig Meter hohe Denkmal für den tamilischen Dichter Tiruvalluvar, das auf der anderen Insel erbaut wurde.

Blick auf die 40 Meter hohe Tiruvalluvar-Statue am Kap Komorin
Blick auf die 40 Meter hohe Tiruvalluvar-Statue am Kap Komorin

Jede Hindu sollte einmal in seinem Leben an die Südspitze gepilgert sein, entsprechend gut ist die Infrastruktur – an Shops, Kneipen und Hotels. Alles ist ausgelegt auf den Tourismus, auf die vielen Inder, die hierherkommen. Westliche oder asiatische Touristen habe ich an diesem Tag nicht wahrgenommen.

An meinem letzten Abend es nur kurzen Trips in den Süden von Indien fahren wir an den Strand nach Kovalam, etwa eine halbe Stunde südlich des Flughafens von Trivandrum. Und hier bin ich wieder mittendrin, im Tourismus. Dank der fantastischen Strände, aber auch dank der Nähe zum Flughafen kommen auch viele internationale Touristen hierher. Und ja, es ist eine gute Mischung aus Urlaub und Indien. Eine entspannte Stimmung, viele interessante Restaurants und einen wahnsinnigen Sonnenuntergang. All das bietet Kovalam.

Beach Kovalam
Beach Kovalam

Ich war nur eine Woche in Indien, davon hauptsächlich in Sivakasi, um dort die Umstände und die Lebenssituationen kennenzulernen, wichtige Kontakte in Indien zu treffen und ein Gespür für die Heime und ihre besonderen Herausforderungen zu bekommen.

Diese Reise wäre ohne meinen Freund Baby Paul nicht zustande gekommen! Und ich freue mich schon auf die nächste Reise nach Sivakasi, und auch beim nächsten Mal werde ich den Aufenthalt im KIDZ Shelter mit touristischen Ausflügen verbinden und davon berichten.

Dieser Text ist in einer ausführlichen Version auf der Website des Kinderheim Projektes KIDZ Shelter veröffentlicht (hier).

Mehr über das KIDZ Shelter

Meine Indien Bilder findest Du hier.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.