Kategorien
Reise

Vor dem Abflug in den Iran …

Einfach gemacht, ich habe es einfach getan. Hinflug, Rückflug, alles fest gebucht. Ohne wenn und aber. Hätte ich es nicht einfach gemacht ohne lange darüber nachzudenken, hätte ich es nie gemacht. Seit Jahren habe ich dieses Reiseziel in meine regelmäßigen Überlegungen auf den vorderen Plätzen gehabt. Und immer wieder habe ich es verworfen, einfach weil ich zu lange nachgedacht habe. Und nun habe ich es einfach getan. Ich habe einen Flug in dieses so viel diskutierte und so wenig bekannte Land gebucht. Ich werde im Herbst zwölf Tage durch den Iran reisen. Nicht in westlichen Reisebussen, nicht als organisierte Studienreise und nicht mit einem Guide, der aus Europa kommt. Als Individualtourist mit meinem Rucksack, als klassischer Backpacker.

Nun, eigentlich sind alle wichtigen Reiseziele auf Touristen eingestellt. Reisen im 21. Jahrhundert wird uns völlig leicht gemacht. Bedenken oder Ängste vor einer Reise muss man heute keine mehr haben. Außer man plant Aufenthalte in Nordkorea, dem Gaza-Streifen oder dem Iran. Soweit zumindest die landläufige Meinung, zu der sich dann noch eine überhöhte Angst vor Terrorakten durch islamistische Guerilla Truppen gesellt.

Ohne Frage wird immer der Iran dann genannt, wenn es um Länder geht, in denen es schwierig sei, zu reisen. Und genau in dieses Land habe ich nun einen Flug gebucht. Und ich bin ehrlich, hätte ich zu lange nachgedacht, dann hätte ich den Laptop wieder zugeklappt, bevor ich die Kreditkartendaten eingegeben hätte. So wie schon mehrmals in den letzten Jahren. Der Iran, das war tabu, das war mir einfach immer eine Spur zu heikel. Das ewige Abwägen, das Hin und Her zwischen “soll ich nun doch?” und “nein, doch zu gefährlich, zu unbekannt und zu aufwändig” ist nun aber vorbei. Jetzt wird gereist und jetzt werden die Vorbereitungen getroffen. Für zwölf Tage in dem unbekannten Land mit den vier großen Buchstaben, dem IRAN.

Wer im Jahr 2016 als Europäer in den Iran reist, der tut gemeinhin in einer Reisegruppe. Studiosus, Djoser und Gebeco berichten von beeindruckenden Wachstumsraten bei Iranreisen. Das Land ist in, insbesondere bei Rentnern, die im Rahmen einer Rundreise Kultur und Orient schnuppern wollen. Auch ich habe mit dem Gedanken gespielt, dort mit zu reisen, aber letztendlich bin ich zu sehr an meine eigene Freiheit gebunden, und möchte nicht in einem vorgegebenen Programm gefangen sein, womöglich zwischen ausschließlich weitaus älteren Mitreisenden. Nun, als Individualreisender, als Backpacker, da droht genau das Gegenteil. Nämlich junge Menschen, die beginnen die Welt zu entdecken, vor, während oder nach der Ausbildung. In den Dreißigern und Vierzigern hängt man quasi zwischen diesen beiden Polen: Rucksack und Reisebus.

Wenn ich nun in meinem Freundes, Bekannten- und Arbeitskollegenkreis von meinen Plänen berichte, so werde ich häufig entgeistert angeschaut. Dabei stellt sich recht schnell heraus, dass viele weder den Unterschied zwischen dem Iran und dem Irak kennen, noch recht sagen können, ob in diesem Land denn im Augenblick Krieg herrscht oder nicht. Statt der weltbekannten Gastfreundlichkeit und des Kulturerbes der vielen historischen Stätten kommen meinen Gesprächspartnern häufig Terrorgefahren, Sicherheitsbedenken, ja sogar auch viele Vorurteile und Klischees in den Sinn. Und schließlich bekomme ich hin und wieder auch die Frage gestellt, wie ich als Reisender eine solche totalitäre Regierung unterstützen kann. Nun, das ist eine berechtigte Frage, mit der ich mich auseinandersetze. Aber zum jetzigen Zeitpunkt noch überhaupt nicht einschätzen kann. Ich habe einfach Lust, dieses Land kennen zulernen und mir mein eigenes Bild zu machen. Und solange ich keine Familie habe, kann ich solche Reisen unternehmen. Mit einer Frau an meiner Seite, mit Kindern, da würde ich sicherlich anders denken. Also gilt es die Chance zu nutzen.

Wie immer kommt der Abreisetag schneller als man denkt. Und bis dahin gibt es noch so einiges zu organisieren. Obwohl ich nur zwölf Tage im Iran sein werde, versuche ich mich so gut wie möglich vorzubereiten und für alle Eventualitäten gewappnet zu sein. Als begeisterter Fotograf stelle ich mir schon frühzeitig die Frage, welche Objektive ich mitnehme, was ich aufnehmen werde, ob ich für die gewaltigen Moscheen ein extremes Weitwinkel mitnehmen sollte oder für Portraits doch lieber ein Teleobjektiv. Und dazwischen ein Zoom oder eben doch wieder viele Festbrennweiten mit den verschiedenen Filtern. Vielleicht ein großes Stativ oder möchte ich vielleicht doch viel weniger tragen? Und sollte ich einen Laptop mitnehmen, mit dem ich meine Reiseberichte schreiben kann und meine Bilder sichern und bearbeiten? Die Mitnahme eines Rechners indes wirft wieder neue Fragen auf, schließlich muss man sich genau überlegen, was man in das Land mitnehmen möchte, und ob man es schließlich darf oder nicht. Freizügige oder gar politische Literatur, das kann schon ein Problem sein. Meine Reiseaufnahmen aus Israel wären auch ein Grund, mich nicht einreisen zu lassen. Und so schwirren meine Gedanken über Wochen hinweg um Fragen der Organisation einer Iran Reise.

EIne Reise in den Iran

Wichtigster Baustein neben den Flügen ist natürlich das Visum. Als deutscher Staatsbürger habe ich es verhältnismäßig einfach und muss erst eine Referenznummer beantragen, die mir eine iranische Touristik-Agentur nach einer Woche Wartezeit unkompliziert ausstellt. Mit dieser Nummer, einem Passfoto, etwas Bargeld und allerlei Angaben über mich und meine bisherigen Reisen, meinen Beruf und meinen geplanten Aufenthalt beantrage ich im iranischen Konsulat in Hamburg mein Visum. Selbstredend verschweige ich, dass ich mehrmals in Israel war, in meinem relativ neuen Pass befinden sich nur Stempel der USA, von Montenegro und Albanien, also alles unproblematisch. Mehr Zweifel habe ich, ob mir die Behörden glauben werden, dass ich die komplette Zeit über in demselben Hostel in Teheran wohnen werde. Aber schließlich möchte ich spontan reisen und vor Ort auch flexibel sein, daher habe ich außer die erste Übernachtung im Vorfeld auch weder ein Hotel noch ein Verkehrsticket gebucht. Vor lauter Vorsicht lösche ich sogar alle Israel Bilder von meiner Foto-Website. Und in der Tat, ganz ohne Probleme kann ich schon eine Woche später, es ist inzwischen Ende August, mein Visum in der Hamburger Bebelallee abholen.

Mit den klassischen Reiseführern von Lonely Planet (Affiliate) und Reise Know How (Affiliate) informiere ich mich über mögliche Routen, der Bildband “Highlights Iran” (Affiliate) gibt mir schließlich den besten Eindruck über mögliche Ziele. Und so beginne ich im Kopf von den Städten Yazd, Shiraz und Isfahan zu träumen, von antiken Weltdenkmälern wie Persepolis und von einmaligen Landschaften wie der Salzwüste Dasht-e-Kavir. Den genauen Verlauf möchte ich mir noch offenhalten.

Zur Anregung habe ich auch einige Reiseberichte über den Iran gelesen, wie zum Beispiel das omnipräsente “Couchsurfing im Iran” (Affiliate) von Stephan Orth oder der Reisebericht einer deutschen Frau, die ebenfalls alleine mehrere Woche durch den Iran gereist ist, „they would rock“ (Affiliate) von Helena Henneken, aus meiner Sicht das bessere Buch im direkten Vergleich, wenngleich es auch weniger bekannt ist. Und ich habe unzählige Dokumentationen auf YouTube angeschaut und mir so langsam ein Bild gemacht. Alle Berichte eint folgendes: Das Land muss komplett anders sein, als wir im Westen es glauben, wie es sein soll. Viel moderner und viel weltoffener als wir es uns vorstellen können. Ja, man sagt sogar, die Iraner seien die gastfreundlichsten Menschen der Welt. Mit jedem Bericht, steigt meine Vorfreude. Und die Intensität meiner Vorbereitungen.

Kurz vor der Abreise habe ich schließlich noch ein paar Menschen kennengelernt, die schon einmal im Iran waren oder eine iranische Herkunft besitzen. Die persönlichen Gespräche verstärken abermal die Vorfreude, aber auch den Eindruck, den ich vom Iran gewinne. Mir werden Adressen in die Hand gedrückt von einflussreichen Iranern, die ich im Notfall kontaktieren kann und die mir auch im schlimmsten Moment noch weiterhelfen könnten. Ein gutes Backup ist schon mal viel Wert. Und wenn es nur für die eigene Beruhigung ist.

Als ich bei eBay Kleinanzeigen eine Anzeige aufgebe, wer mit aus seiner Panini Europameisterschaftssammlung übrig gebliebene Bilder für die iranischen Kinder schenken möchte, bekomme ich auch Nachrichten von Menschen, die mir einfach nur Süßigkeiten mitgeben wollen. Die Iranerin Alicia, seit einigen Jahren in Hamburg lebend, will mir auf dem Weg zum Flughafen noch unbedingt Süßigkeiten mitgeben. So verabreden wir uns kurz vor meinem Abflug an einer S-Bahn Station in der Nähe des Flughafens. Ich habe bereits mein komplettes Gepäck, bestehend aus einem großen Trekking Rucksack und einem kleinen Ausflugs-Rucksack dabei und Alicias E-Mail Adresse, in der sie mir ankündigt, dass es fünf Minuten später wird. Ich habe keine Ahnung, wer Alicia ist, geschweige denn wie alt sie ist und wie sie aussieht. Und so fühle ich mich wie bei einem Blind Date und schaue nach links und rechts, aber alle Menschen laufen nur achtungslos an mir vorbei.

In Isfahan, im Iran.

Nach zwanzig Minuten Wartezeit will ich schon Richtung S-Bahn aufbrechen, als mich eine Frau, etwa Mitte 20, mit einer riesigen Tüte voller Schokolade, Smarties und Goldbären anlacht und sich vielmals entschuldigt: “Da kannst Du Dich schon mal daran gewöhnen, das ist meine iranische Art, ich bin immer zu spät. So sind wir alle”. Und schwupp drückt sie mir das Rund-Um-Glücklich-Päckchen für iranische Kinder in die Hand und bietet mir an, mich zum Flughafen zu fahren, quasi als Wiedergutmachung für die Verspätung. Obwohl ich mit der S-Bahn garantiert schneller am Ziel wäre, willige ich ein und so habe ich noch ein paar Minuten um ein paar Fragen zu stellen und Alicia zu löchern. Die Süßigkeiten, so sagt sie, soll ich im Rucksack gut verpacken und dann am Zoll einfach ganz unauffällig durchlaufen. Denn bei einer etwaigen Kontrolle seien mindestens die Goldbären fällig, schließlich ist dort Gelatine drin und damit potentiell auch zerriebene Knochen vom Schwein. Lachend meint Alicia, dass damit die Goldbären zu den hochverbotenen Produkten gehören. “Und das Schokoschweinchen, das zu den Pralinen gehört, das habe ich schon selbst entfernt – zur Sicherheit”, fügt sie noch an.

Ich schmunzele und überlege mir, wie ich das wohl machen werde, so ganz unauffällig am Zoll vorbei zu huschen und Süßigkeiten in eines der kontrolliertesten Länder der Welt zu schmuggeln. Wenige Stunden später befinde ich mich bereits im Landeanflug auf Teheran …

Hier kannst Du weiterlesen: Sieben Gründe, in den Iran zu reisen

Und hier findet Du Bilder zum Iran.


Tipp für die Vorbereitung einer Iran-Reise: Unbedingt das tolle Buch von Helena Henneken lesen – Vorbereitung, Handschmeichler und Erlebnisbuch in Einem! => Amazon Affiliate Link




1 Anwort auf „Vor dem Abflug in den Iran …“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.