Als im Iran der Fußball gegen die Religion gewann …

Iran – Südkorea 1:0

WM Qualifikationsspiel Asien-Gruppe 1, am 11.10.2016 im Azidi Stadion, Teheran, knapp 100.000 Zuschauer


„Was ist, wenn die iranische Fußballnationalmannschaft am heutigen Dienstag gegen Südkorea gewinnt? Verletzt sie dann heilige religiöse Werte? Über diese Frage wird seit Wochen im Iran diskutiert. Warum?“

Zeit Online, 13.10.2016

Um mich herum stehen 99.999 Männer, die angewiesen wurden auf keinen Fall zu klatschen, sich zu freuen und in irgendeiner Weise Spaß zu haben. Und schon gar nicht wenn ein Tor gegen den Erzrivalen fällt. Das WM Qualifikationsspiel Iran gegen Südkorea im Teheraner Azidi Stadion darf heute nämlich nur unter strengsten Auflagen stattfinden.

Iran vs. Südkorea
100,000 Männer im Azizi Stadion.

Vor Anpfiff gilt es eine zweistündige Trauerzeremonie mitzumachen und auch während des Spiels auf keinen Fall einen Anfall von Freude zu zeigen. Grund dafür ist Aschura, der wichtigste religiöse Trauertag des Jahres, an dessen Vorabend die FIFA das Topspiel der Qualifikationsgruppe 1 terminiert hatte. Alle Bemühungen der Sittenwächter der islamischen Republik das Spiel zu verlegen schlugen fehl und so ist das Stadion mit schwarzen Fahnen geschmückt und auf allen Plätzen liegen schwarze Handzettel, mit denen wir Fans unsere Trauer ausdrücken sollen. Und auch wir alle sind von Kopf bis Fuß dunkel gekleidet.

Was aber heute Abend nun geschieht, in diesem Land, in dem die Regierung aus Angst vor der unberechenbaren Masse sogar für mehrere Jahre den Fußballbetrieb einst einstellen ließ, ist eine kleine Revolution. Denn sobald die Zeremonie nach zwei langen Stunden zu Ende gegangen ist, brechen im Stadion alle Dämme und unzählige Laola Wellen machen die Runde.

Fußball im Iran
Alle sind in Schwarz gekleidet. Nur die Sicherheitskräfte fallen auf.

Die ausschließlich männlichen Stadionbesucher schreien sich die Seele aus dem Leib, feiern, singen und jubeln, noch bevor die Mannschaften das Feld betreten. Die von Uli Stielike trainierten Südkoreaner haben keine Chance, zu stark ist der Support der persischen Anhänger. Als Nationalspieler Sardar Azmoun in der 25. Minute das einzige und entscheidende Tor schießt, bin ich fast taub. Von Trauer kann die ganzen 90 Minuten keine Rede sein.

Der Fußball hat einmal mehr die Religion verdrängt und tausende Fans bauen aus den schwarzen Handzetteln Papierflieger, von denen einige dank der warmen Teheraner Abendthermik unter gellenden Schreien das Spielfeld erreichen. In der TV Übertragung verbietet die Regierung Einstellungen von den Tribünen, der Ton wird gleich ganz abgeschaltet.

Iraner jubeln
Die Iraner jubeln. Das ist Leidenschaft pur.

Dass sich 100.000 Fußballfans gegen die Religion erheben, können die Sittenwächter jedoch nicht verhindern. Fußball ist heute wieder einmal ein Stück Rebellion, die Iraner trauen sich in der Gemeinschaft nationale und religiöse Gefühle öffentlich zu trennen und so ist es ein bewegendes Gefühl bei diesem kleinen Stück Zeitgeschichte dabei zu sein. 

Und die Perser dürfen an diesem Abend auch sportlich stolz sein: Ihr Team führt ab sofort die Tabelle in der Quali Gruppe an – vor den soeben geschlagenen Südkoreanern.

Dieser Text ist in einer gekürzten Version in der 11Freunde #181 erschienen und gleichzeitig Bonus Artikel zum Buch „Auf der Suche nach der perfekten Stadionwurst“ (Infos hier).

Den Reisebericht zum Iran findet Du hier.

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