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Die Höhlenwelt Neuseelands

Die Sehnsucht am Ende der Welt – das ist für viele Reisebegeisterte die Destination Neuseeland. Es soll kaum eine Gegend geben, in der auf kleinstem Raum so viele unterschiedliche Landschaften, so viel naturbelassene Schönheiten zu erleben sind. Nach meinem Studium habe ich sechs Monate dort verbracht und all diese Highlights auch gesehen. Noch beeindruckender war für mich jedoch die Welt darunter, von der ich im Folgenden berichten werde. Schließlich gilt Neuseeland als eines der Länder, das für Höhlenforscher und alle Freunde von Karstphänomen als am Interessantesten und Schönsten gilt. Einer der Gründe, warum ich nach meinem Studium unbedingt ein halbes Jahr in Neuseeland verbringen wollte.

Damals im Februar 2006 ist es zu Beginn meines Aufenthalts eine mehr oder weniger touristische Route, die mich mit meinem Auto von Auckland über Rotorua und Wellington auf der Nordinsel und schließlich Picton, Blenheim, Karikoura, Christchurch, Mount Cook und Queenstown auf der Südinsel ins Herzen des Fjordlands nach Te Anau führt. Von den Wanderwegen in dieser Gegend heißt es, dass es sich um die schönsten Routen weltweit handelt. Besondere Bekanntheit hat der Milford Track erlangt, jedoch müssen Touren teilweise bereits Monate im Voraus gebucht werden, die Hüttenplätze sind zu begehrt. Ich entscheide mich daher für den etwas weniger bekannten, aber dennoch viel begangenen, viertägigen Kepler-Track – nicht zuletzt deshalb, weil auf dessen Route ein kleines Höhlengebiet passiert wird. So ist denn die über 500 Meter lange Luxmore Cave meine erste Höhle in Neuseeland. Ja, es soll in diesem Bericht ausschließlich um Höhlen gehen, die Welt unter uns.

Aussicht von der Hütte am Kepler Track. Direkt um die Ecke befindet sich die Luxmore Cave.

Ausgeschildert vom Wanderweg ist diese trockene Ponorhöhle leicht zu erreichen und weist trotz der hohen Besucherzahl auch im vorderen Bereich schöne, reine Sinterformationen auf. Für weiteres Vordringen ist hier jedoch eine Höhlenausrüstung äußerst empfehlenswert. Links und rechts der Luxmore Cave laden weitere Löcher zum Erkunden ein, ein richtig kleines feines Karstgebiet tut sich hier dem Beobachter auf. Ich jedoch bin zum Wandern und hier und wandele in den nächsten Tagen weiter auf den Pfaden des Kepler Tracks.

Ebenfalls im Gebiet von Te Anau besuche ich einige Tage später die über sechs Kilometer lange Schauhöhle Aurora-Te Ana-au Glowworm Cave. Wie der Name schon andeutet, ist diese Höhle vor allem für die ausschließlich in Neuseeland und Teilen Tasmaniens vorkommenden, leuchtenden Höhlentiere bekannt, bei denen es sich natürlich nicht um klassische Glühwürmchen handelt. Eingequetscht zwischen elf Japanern in einem Boot geht es durch die fantastische Unterwelt. Ich sehe in den Tagen und Wochen danach immer wieder Glowworms in den neuseeländischen Höhlen, aber ich werde kein Mal wieder so berührt von der Schönheit des unterirdischen Leuchtens sein, wie beim ersten Mal. Dieses Erlebnis bleibt unvergesslich!

Bei Punakaiki

Noch träumend von den Glowworms passiere ich in den folgenden Tagen die Westküste der Südinsel trampenderweise. Ich mache einen Stopp an den weltberühmten Pancake Rocks. Die aufeinanderfolgenden Gesteinsschichten wirken wie unendlich viele aufeinandergestapelte Pfannenkuchen. Die meisten Touristen verpassen jedoch das äußerst spektakuläre Karstgebiet im Hinterland von Punakaiki. Zwei Schweizer Backpackerinnen kann ich überreden, eine mehrtägige Wanderung mit mir zu unternehmen. Empfehlenswert sind der Besuch der Fox River Cave und der Punakaiki Cavern. Zudem verschwinden regelmäßig Flüsse um nach wenigen Kilometern wieder zu erscheinen, Dolinen säumen die bewaldeten Hochflächen und zahlreiche Schachteingänge zeugen von der fortgeschrittenen Verkarstung dieser für mich beeindruckendsten neuseeländischen Landschaft.

Mehrtägige Touren sind nur bei bester Wetterlage möglich und das ist selten im Jahr der Fall. Ich hatte Glück und konnte so wunderbare Wandertouren unternommen, vorbei an den interessantesten Facetten, die der Karst zu bieten hat. Doch auch hier bin ich weniger als Höhlenforscher denn als Wanderer unterwegs. Und es wächst allmählich die Vorfreude auf spektakuläre unterirdische Begegnungen der ungewohnten Art.

Blick aus einer Höhle in den Urwald des Kings Country Karst

Als Zentrum der neuseeländischen Höhlenforschung gilt das auf der Nordinsel gelegene Waitomo im Kings Country Karst. Mächtige, etwa 35 Millionen alte Kalksteinschichten warten hier darauf den Höhlenfoscher mit zahlreichen, der Allgemeinheit unbekannten Attraktionen zu begeistern.

Für den Touristen hingegen sind die Waitomo Glowworm Cave und das dazugehörige exzellente Höhlenmuseum die bedeutendsten Sehenswürdigkeiten. Aus der einst beschaulichen Maori-Siedlung hat sich inzwischen ein touristisches Zentrum entwickelt, in dem sich eine Agentur an die andere reiht, in der die verschiedensten Höhlentouren gebucht werden können – zu horrenden Preisen. Und so löse auch ich – inzwischen auf der Nordinsel angekommen – mein Ticket für eine der berühmtesten Schauhöhlen der Welt, um eben einmal in dieser Höhle gewesen zu sein. Mir fällt im Nachhinein kein anderer Grund ein, warum man die Waitomo Glowworm Cave besuchen sollte. Während ich mich durch die hässlich ausgebaute Unterwelt schleusen lasse, bin ich denkbar unbeeindruckt und denke nur an das bevorstehende Höhlenwochenende mit der Auckland Speleo Group, einem Höhlenverein zu dessen Mitglieder ich von Deutschland aus schon Kontakt aufgenommen hatte.

Auf der Südinsel

Angekommen in deren einfachem, aber liebevollen Vereinsheim beginnt sie erst: meine höhlenforscherische Zeit in Neuseeland – mit allen Höhen und Tiefen. Es ist nicht nur der mir aus Deutschland bekannte Phill, der mich herzlich aufnimmt, auch der ganze Verein um Paul, Dave, Trevor, Pete, Steve, Mark, Ken und Pip begrüßt mich mit offenen Armen und lädt mich in den kommenden Wochen und Monaten beinahe wöchentlich zu Höhlentouren ein. Ich kann mich gar nicht wehren, die Mitgliedschaft in der Auckland Speleo Group wird mir wahrlich aufs Auge gedrückt. Die monatlichen Vereinsabende finden meist in Auckland im örtlichen Tauchclub mit Höhlenfilmdarbietungen im Multimedia-Stil statt, mal aber auch in der zur Klettertrainingsstätte umfunktionierten Turnhalle der Auckland University oder in einer der im Stadtgebiet befindlichen Lavahöhlen. Und immer wieder werde ich gefragt, wie es meinen deutschen Freunden aus meinem schwäbischen Höhlenverein geht …

Ich merke recht bald, dass in Neuseeland die Uhren anders ticken. In diesem Land sind nur wenige hundert Höhlenforscher in Verbänden organisiert. Und gemessen an den unzähligen Höhlen gibt es viel zu wenig aktive Höhlenforscher. Doch gleichzeitig sind die Pläne für die wichtigsten Höhlen im „New Zealand Cave Atlas“ publiziert und frei zugänglich, wenngleich in den wenigsten Fällen Koordinaten auf den Plänen angegeben sind – Höhlenbeschreibungen fehlen gänzlich. Diese Praxis würde in den deutschen Karstgebieten dennoch einen „Run“ auf die Höhlen bedeuten. In Neuseeland bleibt dieser vorerst aus, denn zum Einen liegen die Höhlen in unwegsamem, oft auch privatem Gelände und zum Anderen verändert sich die Vegetation um die Eingänge herum so schnell, dass sogar alte Hasen die Eingänge oftmals nicht wieder finden können. Die buchstäbliche Suche nach der Stecknadel im Heuhafen ist ein Witz gegen das Auffinden eines Höhleneingangs im neuseeländischen Urwald.

Tropfsteine in der Waipuna Cave

An meinem ersten echten Höhlenwochenende erkunden wir die längste Höhle der Nordinsel, die über zwölf Kilometer lange Gardners Gut. Neben der Länge ist die Höhle bekannt durch den sieben Meter hohen Stalagmiten „Birthday Candle“, zahlreichen Excentriques, schneeweissen Makkaronis und – „millions of glowworms“. Sobald sich die Augen an dieses Leuchten gewöhnt haben, meinen wir, es sei so hell, dass es möglich sein muss, sich ohne eigenes Licht durch die Höhle bewegen zu können. Außerdem tummeln sich an den Höhleneingängen bis zu zehn Zentimeter lange Heuschrecken (Cave-Wetas), die durch jede Bewegung unserer Lichtkegel aufgeregt durch die Gegend springen und vor allem die weiblichen Exkursionsteilnehmer immer wieder kreischen lassen. Irgendjemand hat den Mädchen erzählt, dass das Wort „Weta“ aus der Maorisprache stammt und übersetzt „Gott der hässlichen Dinge“ bedeutet.

Wochen später bin ich erneut hier, etwas weiter im Höhlensystem, in einem Teil der noch nicht so lange bekannt ist: Vor dem Zutritt zur „Helictite Grotto“ legen wir alle Kleidungsstücke ab, wechseln die Socken und kriechen dann in einen Traum aus Excentriques. Ein Stalagtitenmeer ist auch in der nahegelegenen Waipuna-Cave zu erleben, eine der wenigen Höhlen, für die keine Erlaubnis vom Grundstückseigentümer oder vom Staat einzuholen sind. Mit 3,5 Kilometer Gesamtganglänge gehört sie zu den längeren Höhlen, wurde aber „bereits“ 1959 vermessen. Und auch hier staune ich, wie vorsichtig und umsichtig die Höhelnforscher mit der Unterwelt umgehen.

Hinweis in der Gardners Gut: Der Höhlenanzug muss entfernt werden und frische, saubere Socken werden angezogen.

Seit einigen Jahren haben die Aucklander ein zweites Hauptziel ihrer Exkursionen ausgemacht. Etwa 40 Kilometer südlich von Waitomo findet sich ein wunderbares Karstgebiet, für das der Ausgangspunkt die Puketiti Station, eine riesige Schafstation, ist. Hier liegt auch die wohl schönste Höhle Neuseelands. Aufgrund ihrer zahlreichen Gipsformationen und Kristalle ist der Zugang zu dieser Höhle streng reglementiert. Nur wenige Gruppen dürfen jährlich in die Puketiti Flower Cave; eine Befahrung muss beim Departement of Conservation beantragt werden. Ich bin zutiefst dankbar, dass ich an dieser unvergesslichen Tour teilnehmen darf. Auf einigen hundert Metern sind tausende Gipsblumen zu bewundern – nicht nur an einigen wenigen Stellen, sondern wirklich überall. Wer einen Fotoapparat in der Hand hat, weiß nicht wo er ihn hinhalten soll. Wie als ob der liebe Gott dieses Stück Natur wie eine dramatische Geschichte erschaffen hätte: Je weiter man in den Berg hineinkommt, desto unglaublicher werden die Formen und desto verrückter wird das eigene Selbst. Es kann und darf nicht wahr sein, was hier alles aus den Wänden wächst. Wir verbringen in dieser Höhle schließlich acht Stunden und kommen mit über 600 Bildern aus der Unterwelt zurück. Und es ist wohl war, was Phill immer wieder betont: wir haben eine der “Top Caves of the World” gesehen!

Formationen in der Puketiti Flower Cave

Mit einem Teil der Auckland Speleo Group begebe ich mich immer wieder auf Exkursionen in die Karstgebiete südlich von Auckland. Ziele sind zumeist die klassischen Gebiete um Waitomo (Millers Waterfall Cave, Gardners Gut, Karamu Cave, Rumbling Gut) Taumatamaire (Kiwi Cave, Rimu Cave, Aussi Cave) und Puketiti (Quibic Cave, Fitid Cave, Mein-Hohle-System, Kuratahi Cave). Ich lerne in dieser Zeit vieles über die neuseeländische Höhlenwelt und im Anschluss an die Touren über den Genuss „danach“. So sind wir oft in den heimischen Pubs unterwegs und verfolgen die Spiele der nationalen Rugbymannschaft. An anderen Abenden begeben wir uns zu warmen Schwefelpools und erholen uns in den heißen Quellen und erzählen uns lange bis spät in die Nacht von vergangenen Erlebnissen unserer Höhlentouren. Habe ich schon erzählt, dass jede Exkursion wie ein kleiner Urlaub zelebriert wurde? Neuseeland bietet wahrlich alles dazu – nicht zuletzt allabendlich einen phänomenalen Sternenhimmel.

Auch im Norden von Auckland sind einige interessante Höhlen bekannt. Da gibt es zum Einen die speläologisch weniger spektakuläre Kawiti Glowworm Cave, die für die Maori-Kultur jedoch eine große Bedeutung hat. Zum Anderen  ist das Höhlengebiet um Waipu zu nennen. Binnen weniger Minuten ist man vom tollen Pazifikstrand in einer weiteren wunderbaren unterirdischen Welt aus Glowworms (Pilzmücken), in der Waipu Cave. An diese Höhle schließen sich weitere, zum Teil sehr sportive Höhlen an, wie der Elver Canyon. Mehrere zumeist sehr enge Eingänge führen zu kleineren Schachtabstiegen, die den Forscher schließlich in einen aktiven Teil mit beeindruckenden Auswaschungen und korrodierten Formationen führen. Noch immer sind die Höhlenforscher hier auf der Suche nach einem weiteren Ausgang, so befindet man sich hier nicht weit entfernt von der Hangkante. Auch wir haben in dieser Höhle einige Stunden verbracht, immer auf der Suche nach einem engen zweiten Ausgang in die Freiheit! Wir suchen so lange, dass wir die Zeit vergessen und der kräfteraubende Aufstieg durch den „Purgatory Pot“, einer wahrlich engen und anstrengenden Passage, noch länger dauert, weil wir einfach platt sind. Unsere wartenden Partner haben kein Verständnis, das uns die Faszination der Unterwelt so lange in ihren Bann ziehen kann und verzeihen keine Verspätung – erst recht nicht, wenn es sich um Stunden handelt. Als wir beim nächsten Clubtreffen von den Maßregelungen unserer besseren Hälften erzählen, grinsen wir. Geteiltes Leid ist auch in Neuseeland halbes Leid.

Neben den Waipu-Höhlen verdienen an dieser Stelle auch die zahlreichen Lavahöhlen im Stadtgebiet von Auckland Erwähnung. Bekannt bei den Touristen sind vor allem die Kleinhöhlen auf der Vulkaninsel Rangitoto Island. Bereits die Insel an sich sollte jeder Neuseelandreisende einmal besucht haben, schließlich ist diese erst ein paar hundert Jahre alt und geologisch äußerst interessant. Die Höhlen sind mit einer Ausnahme (Wallaby Cave) sehr einfach zu finden und ausgeschildert. Weniger bekannt und kaum zugänglich sind dagegen die etwa einhundert Höhlen mitten in der Stadt. Sowohl Blasenhöhlen kommen vor als auch lange Gänge erstarrter Lavaströme.

Wie schon bei den großen Kalkhöhlen in Neuseeland, sind auch die meisten Lavahöhlen publiziert, nur mit dem Zugang ist es ähnlich schwierig wie im Urwald um Waitomo: Einige Eingänge liegen auf privaten Grundstücken, andere in unzugänglichen Gegenden, wie zum Beispiel der örtlichen Mülldeponie, auf Friedhöfen oder in einem Fall sogar unter einer der Hauptumgehungsstraßen von Auckland. Und immer wieder werden neue Lavahöhlen – vor allem beim Straßen- und Häuserbau – entdeckt.

Im Rahmen einer der bereits genannten Clubabende der Auckland Speleo Group werden wir l in die Stewart Cave (auch Mortimer Cave) eingeladen. Wir geben an diesem Abend ein seltsames Bild für die städtische Bevölkerung ab: Etwa zwanzig Höhlenforscher laufen durch den Stadtteil Three Kings, biegen schließlich in eine Seitenstraße ab, um dann durch ein Gartentörchen ein Grundstück zu erreichen, das einmal beinahe umrundet wird. Schließlich öffnet sich hinter einer Biegung ein überraschend großer Höhleneingang, hinter dem sich 300 Meter Lavahöhlengänge befinden. Herausragend ist diese Höhle, von deren Decke meterlange Wurzeln wie Tropfsteine wachsen und in der man auf unterirdischem Wege das Zentrum des versiegten Vulkans erreichen kann.

In der Nähe des Mount Cook

Nun, in Neuseeland könnte man wohl Jahre in den Höhlen unterwegs sein und entsprechend lange auch berichten. Meine Zeit war nur auf ein halbes Jahr beschränkt, in dem ich nicht nur bezaubernde Höhlenwelten erleben durfte und tolle Touren mit der Auckland Speleo Group unternommen habe, sondern auch einem ganz normalen Leben nachgegangen bin: So habe ich mühevoll nach einem Job gesucht, die Schule besucht, auf Prüfungen gelernt, gearbeitet, geliebt und gehasst. Auch das gehört trotz aller Tropfsteine und Excentriques, trotz Engelshaar und Kristallen zu meinen neuseeländischen Erlebnissen.

Dieser Text ist eine gekürzte Fassung des Artikels “Neuseeland 2006 – Auf Tour mit der Auckland Speleo Group” aus dem Jahresheft 2007 der Arbeitsgemeinschaft Höhle & Karst Grabenstetten.

Bilder aus Neuseeland findest Du hier.

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