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Von „echten“ Stadionwürsten in Kambodscha

Phnom Penh Crown (Kambodscha) vs. Korean All Stars U.F.C (Südkorea)

Olympiastadion, Phnom Penh/Kambodscha, Freundschaftsspiel

Es müssen die gefühlten 40 Grad Celsius und die hohe Luftfeuchtigkeit sein, die mich hier zu Bewusstseinsstörungen führen. Ich bin in der Hauptstadt von Kambodscha und sehe dicke, fette Bratwürste vor mir – so etwas gibt es eigentlich außerhalb von Europa sehr selten – und schon gar nicht in Phnom Penh.

Offen gestanden, im internationalen Fußball spielt Kambodscha keine Rolle. In der Weltrangliste belegt der Khmer Staat Platz 191 von 209 der gemeldeten Verbände, also Platz 19 von hinten und in dieser Sichtweise sogar „vor” Osttimor, Swasiland oder den Amerikanischen Jungferninseln. Und die Namen der Vereinsmannschaften hat man im Westen vermutlich noch nie gehört. Wie den des Gastgebers des heutigen Spiels: die Phnom Penh Crowns, so etwas wie der FC Bayern von Kambodscha. Noch herrscht die Vorbereitungsphase auf die im Januar beginnende Saison, man hat sich für diesen Sonntagnachmittag Anfang Dezember mit den Korean All Stars eine quasi B-Nationalmannschaft nach Phnom Penh geholt, dazu später mehr. Das Spiel wird hoch aufgehängt, kräftig PR gemacht und Kambodscha-Blogger und Fußballfan Andy Brouwer teilt mir auf meine Mail-Anfrage mit, dass es zu diesem besonderen Spiel auch eine Auswahl an lokalen kulinarischen Köstlichkeiten geben soll. Damit ist offensichtlich, dass ich mir das Spitzenspiel dieser Saisonvorbereitung nicht entgehen lassen werde!

Kambodscha

Austragungsort ist das Olympiastadion in Phnom Penh. Hier wurden zwar noch nie Olympische Spiele ausgetragen, dafür finden alle Erstligaspiele des Landes in diesem wahrlich einzigartigen Rund statt. Ganz im Stil der 60er Jahre ist das Stadion viel zu groß ausgefallen, lediglich die Haupttribüne weiß mit einem enormen Dach Schatten zu spenden – das Areal erinnert an sozialistische Status-Denkmäler aus Osteuropa. An allen Ecken und Enden gammelt der Bau vor sich hin, den Fußballfan schmerzt es zutiefst, solch ein Stadion verfallen zu sehen. Investoren sind weit und breit keine zu finden und so wird die 50.000 Menschen füllende Anlage vergeblich auf bessere Zeiten warten müssen.

Der Eintritt ist in weiten Bereichen des Runds kostenfrei, lediglich für die überdachte Haupttribüne sind 4.000 Riel, also knapp 80 Cent, fällig. Mit inbegriffen im Eintrittspreis ist ein gekühltes Wasser der Größenordnung 0,33 Liter der Marke Anco. Mit diesem – für Tester von Essen und Trinken im Fußballstadion – absoluten Novum vermerke ich gedanklich schon mal den ersten Bonus. Fehlen nun nur noch die erwähnten lokalen Spezialitäten. Khmer Curries, frische Früchte, süße Nachspeisen.

Ich bin spät dran, also gleich auf die Tribüne und das Geschehen verfolgt. Die Hitze hängt extrem über der Stadt und der größte Teil der 2.000 Zuschauer hat die 4.000 Riel für einen Haupttribünenplatz bestens angelegt. Auf den – im wahrsten Sinne des Wortes – billigen Plätzen gibt es kaum Schatten, ein paar „VIP Seats” ergeben sich aus den Schattenarealen von Anzeigetafel und Flutlichtmasten. Egal wo im Stadion, der Anhang ist von Anfang an dabei. Nach sieben Minuten wird das 1:0 für die Crowns gefeiert. Nach 15 Minuten klatscht das Stadion dem Gegner artig für dessen Ausgleich. Ultras, Capos, Transparente oder gar Bengalos? Fehlanzeige. Dafür ein kleines Schlagzeug und ein paar Bläser, die hin und wieder so etwas wie Support mimen.

Das Stadion in Phnom Penh

Neben dem überschaubaren fußballerischen Niveau macht sich bei beiden Teams auch die überschaubare Körpergröße der Spieler bemerkbar, zumindest wenn man europäischen Fußball gewohnt ist. Die Tore sind einfach etwas zu groß, so dass beide Mannschaften mit hohen Fernschüssen ihr Glück versuchen. Interessant auch die Zweikampftaktik, die der Schweizer Coach Sam Schweingruber den Crowns mit auf den Weg gibt: In Ballbesitz auf den Gegner zulaufen, einmal um die Achse drehen, weiterlaufen. Das klappt überraschend gut und so ist man mit einem 1:1 zur Halbzeit in Phnom Penh fast schon etwas unzufrieden, obwohl die Koreaner haushoch favorisiert sind. Warum nochmal?

Das frage ich in der Halbzeitpause den schon erwähnten Andy Brouwer. Und wenn es einer wissen muss, dann er. Schließlich begleitet Andy mit seinem Weblog Kingdom of Football die Crowns schon seit längerem. So erfahre ich, dass der Gegner fast ausschließlich aus japanischen und südkoreanischen Erstligaspielern besteht und damit einer der hochkarätigsten Mannschaften ist, die sich in den letzten Jahren in Kambodscha die Ehre gegeben haben. Die Auswahl kennt sich wohl schon seit Unizeiten und geht einmal im Jahr in diesem Rahmen auf Tour. Partymäßig dürfte das Vor- und Nachher von deutschen Saisonabschlussfahrten in Nichts nachstehen. Was wiederum auch das gute 1:1 zur Pause erklärt und Andys Eindruck verstärkt, dass da für die Crowns mehr drin sein müsste. Und schließlich berichtet mir Andy auch, dass die besagten Essenstände – wohl aus hygienischen Gründen? – kurzfristig aus dem Innenraum vor das Stadion verlegt wurden. Kein Wunder, dass ich noch nirgends über echte Verpflegung gestolpert bin. Außer Wasser, Softdrinks, Nüssen und Chips gibt es hier nämlich nichts!

Die Zuschauer suchen den Schatten des Flutlichtmastes
Die Zuschauer suchen den Schatten des Flutlichtmastes

Die zweite Halbzeit ist schnell erzählt: die Crowns versieben Großchancen en masse. Die Koreaner können und wollen wohl auch nicht mehr. In der Nachspielzeit fällt schließlich das 2:1 für Phnom Penh. Damit sind auch alle zufrieden, der Jubel ist groß! Die Spieler lassen sich feiern, die Spielerfrauen zeigen ihre neuesten Einkäufe und machen auf Sehen-und-Gesehen-werden. Also doch alles wie in der Bundesliga. Nur, dass das Stadion nach Spielschluss gar nicht geräumt, sondern als Teil eines großen Sportparks genutzt wird. Lautsprecher werden aufgestellt, und ruck zuck beginnen mehrere hundert Menschen, verteilt über das ganze Stadion mit Aerobic. Phnom Penh macht sich fertig um auch athletisch eine perfekte Figur abzugeben, bei noch immer weit über 30 Grad im Schatten. Und während ich noch über die Sportbegeisterung staune, bietet mir eine ältere Frau Bratwürste auf Holzkohle an.

Und tatsächlich, da ist dieser Wurststand in Kambodscha: Jeweils vier bis fünf Brätlinge sind an einer Art Spieß aufgereiht. Die Dame dreht die Ware gekonnt in regelmäßigen Abständen. Scheinbar handelt es sich um eine Gattung, die in naher Verwandtschaft zur Thüringer Rostbratwurst steht, das beweisen die mir so vertrauten Farben im rohen und im gegrillten Zustand. Lediglich die Form unterscheidet sich: Die hiesigen Würste sind kürzer, dafür etwas dicker. Ich bestelle eine Portion, das bedeutet fünf an einem Strang und zücke im Gegenzug 1.000 Riel, also 19 Cent. Senf, Ketchup oder ein Brötchen sind nicht vorgesehen. Die Verkäuferin verstaut die Ware in einer Plastiktüte, wohl um das Essen gegebenenfalls auch transportieren zu können.

Ich nehme ganz in der Nähe Platz, um die Brätlinge in möglichst heißem Zustand einem Test zu unterziehen. Bei den ersten Versuchen, die Würste zu essen, werde ich schon von den vis-a-vis sitzenden Kambodschanerinnen ausgelacht. Aber es ist in der Tat nicht leicht, diese Kost der vorherrschenden Tradition artgerecht zu verspeisen. Ich lasse mir zeigen, wie das geht: Den Spieß in die rechte Hand und linksseitig zum Munde führen – begonnen mit der Wurst, die vom Konsumenten aus gesehen nun ganz links liegt. Diese Technik macht es mir leicht, endlich das ersehnte Fleisch mit den Zähnen zu fassen.

Hmmm. Die Konsistenz ist überraschend weich. Der erste Geschmack salzig. Der Zweite süß. Und der Dritte? Beides zusammen, nämlich salzig und süß, und es schmeckt nicht… nach Wurst, nicht nach Fleisch. Es ist vielmehr… Fruchtfleisch.

Bratwürste in Kambodscha

Ich muss schon die zweite Wurst anbeißen, um endlich aus meinem Traum zu erwachen: es gibt auch in Kambodscha keine Wurst zum Fußball. Zumindest nicht nach unserer Definition. Was hier heute im Stadion angeboten wurde – und es im Übrigen in dieser Region an jeder Ecke gibt – sind in Salz eingelegte und mit Mohn verfeinerte Kochbananen. Gar nicht schlecht, wenngleich mir die heimische Wurst doch deutlich besser mundet – zumindest die Besseren darunter. Etwas enttäuscht beginne ich meine Salzbrenner, nein, meine Salzbananen aufzuessen. Und zwar, bis nichts mehr davon übrig bleibt.

Was aber bleibt, ist die exzellente Holzkohle, die den Brätlingen zugrunde liegt. Dafür ist Phnom Penh absolut vorbildlich und liegt deutlich vor den großen Fußballmetropolen dieser Welt. Weiterhin weiß die kostenfreie Wasserversorgung durchaus zu gefallen.

Es muss wohl die Hitze gewesen sein, die mir einen Streich gespielt hatte. Aber ganz ehrlich, wer von Ihnen hätte bei diesem Anblick – dazu noch in einem Stadion – nicht an Fußballwürste gedacht? Eben.

Dieser Text ist eine leicht modifizierte Version aus dem Buch „Auf der Suche nach der perfekten Stadionwurst“ (Infos hier).

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