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Der Meraner Höhenweg und das Eisjöchl. Von einem Wettlauf gegen das Wetter.

Ob er zu den bekanntesten Wanderwegen der Welt zählt, sei dahin gestellt. Der Meraner Höhenweg hat aber eine herausragende Stellung unter den Tracks in Europa. Und in Südtirol ist er der mit Abstand bekannteste und am meisten begangene Wanderweg. Über knapp 100 Kilometer zeigt er sich gemütlich wie ein Nachmittagsspaziergang, aber auch wild wie eine Expedition – zumindest als wir ihn begangen sind.

Herbst 2020. In ganz Europa schnellen die Infiziertenzahlen wieder in die Höhe. Ganz offensichtlich haben wir jetzt die allerletzte Möglichkeit, noch schnell einmal zu verreisen und etwas Natur zu entdecken. Die zweite Corona Welle steht vor der Tür – womöglich mit einem erneuten Lockdown und neuerlichen Einschränkungen.

Meraner Höhenweg
Auf dem Meraner Höhenweg: Der Blick vom Eishof in Richtung Eisjöchl: Da “oben drüber” führt der Höhenweg.

Ebenso ungewiß die Frage: Schafft man es im Oktober wirklich noch übers Eisjöchl? Oder liegt da schon Schnee und die Passage ist gar nicht mehr passierbar? Und damit das Vorhaben, den Meraner Höhenweg (in einer Runde) zu wandern, schon zum Scheitern verurteilt?

Während wir alle den Verlauf der zweiten Corona Welle kennen und damit wissen, dass es im Oktober tatsächlich für eine längere Zeit die letzte Möglichkeit war zu verreisen, ist Euch “das Eisjöchl” vermutlich nicht so geläufig. Wer sich schon einmal mit dem Meraner Höhenweg beschäftigt hat und vielleicht sogar schon mal die Tour für sich geplant hat, der weiß, dass sich eigentlich alles um dieses Nadelöhr dreht. Schließlich ist das Eisjöchl mit 2.895 Meter der höchste Punkt des Rundweges und die Überquerung muss gut abgewägt werden.

Die Wetterbedingungen müssen nämlich ideal sein und aufgrund der hohen Lage ist die Passage eigentlich nur im Juli, August und September verlässlich passierbar. Denn sobald der Wintereinbruch eingesetzt hat, sind einfache Wanderer außen vor und müssen auf diese Etappe des Meraner Höhenwegs verzichten. Damit gleicht die Überquerung des Eisjöchls im Oktober einem Glücksspiel. Vielleicht klappt es, vielleicht klappt es nicht. Und so ist auch die Antwort des Meraner Fremdenverkehrsamtes als wir bei bestem Wetter mit der ersten Etappe beginnen. Natürlich nachdem wir die mediterrane Atmosphäre von Meran ausgiebig genoßen haben.

Meran
Meran mit seinem Wahrzeichen, dem Glockenturm – hier vom Tappeinerweg aus fotografiert.

Bei Meran weiß man nicht so genau woran man ist: Viele alte, mondäne Gebäude säumen die Straßen. Traditionelle Bauten werden aber auch von futuristischen Projekten abgelöst. Es riecht nach Österreich, aber es mischt sich auch ständig eine italienische Prise ins Straßenbild. Meran hat zugleich viel von einem altbackenen Kurort wie auch eine ganze Menge junger Kultur und Gastronomie. Aber auf Eines können sich Einheimische wie Touristen einigen: Meran ist ein Ort zum Wohlfühlen. Zum Genießen. Zum Essen und zum Trinken.

Aber wir sind natürlich zum Wandern nach Meran gekommen. Also nehmen wir den Bus und fahren ins nur wenige Stops entfernt liegende Dorf Tirol. Es handelt sich tatsächlich um eine Ortschaft, die “Dorf Tirol” heißt, das muss man ständig allen Freunden erklären, wenn man von seinem Urlaub berichtet und ganz selbstverständlich erwähnt, man sei von Dorf Tirol aus losgelaufen. Beziehungsweise losgefahren.

Blick vom Meraner Höhenweg
Auf etwa 1.360 Meter Höhe, kurz nach dem Seilbahnausstieg. Der Blick vom Höhenweg über Dorf Tirol Richtung Bozen.

Von hier aus geht es nämlich mit der Hochmuth Seilbahn zu unserem Startpunkt – einer von vielen möglichen Start- (und End-)punkten des Meraner Höhenwegs. Heißt also auch, dass wir auf den 700 Höhenmeter-Anstieg verzichten und direkt auf 1.361 Meter über dem Meeresspiegel einstiegen. Schließlich werden wir in den nächsten Tagen ausreichend laufen. Wenn alles klappt (mit eben diesem Eisjöchl), dann sind das etwa 3.000 Höhenmeter bei knapp 100 Kilometern Distanz. Wir planen das in fünfeinhalb Etappen und wandern von Hütte zu Hütte. Oder Hotel zu Hotel, aber dazu später mehr.

Eine typische Passage des südlichen Höhenwegs.

Wir beginnen den Meraner Höhenweg also an der Bergstation der Hochmuth-Seilbahn. Im Rucksack befinden sich neben der Verpflegung ein Hüttenschlafsack, etwas Wechselwäsche, Kulturbeutel und Notfallmedizin, sowie Handy und Kamera (aus Gewichtsgründen ist es tatsächlich nur die kleine Fuji X100V). Damit wandern wir mit einem Gepäck von deutlich unter 10 Kilogramm. Ihr kennt das ja, es zählt einfach jedes Gramm. Und das gilt auch für den relativ einfachen Part des “südlichen” Meraner Höhenwegs.

Meraner Höhenweg
Sattes Grün, weisse Bergspitzen, blauer Himmel. Was will man mehr?

Die gut zu laufenden Wege schlängeln sich immer entlang der Täler auf einer Höhe zwischen 800 und 1.800 Metern. Und dabei geht es durchaus hin und wieder auf und ab, andauernd mit herrlichem Panorama. Anfangs ist zumeist Meran mit dem Blick Richtung Bozen im Fokus, je weiter wir Richtung Giggelberg kommen, desto klarer wird der Blick zum Ortler, Südtirols höchstem Berg. Anfangs nieselt es etwas, aber spätestens ab dem Mittag haben wir durchgehend Sonne. Und da es sich um den südlichen Teil des Meraner Höhenwegs handelt, haben wir eine ganze Menge davon.

Meraner Höhenweg
Eine von vielen tollen Gelegenheiten, eine zünftige Wanderpause einzulegen.

Ziemlich fies ist die andauernde Ablenkung beim Wandern. An wirklich jeder Ecke gibt es eine neue Gelegenheit, die gute Südtiroler Küche zu genießen. Und so finden wir uns eigentlich ständig bei Speckknödelsuppen, Schinken, Käse und Wein wieder. Und natürlich Kaiserschmarrn und Espresso. Man könnte es sehr gemütlich haben, müsste man zwischendrin nicht noch immer 15 bis 20 Kilometer wandern.

Speckknödelsuppe mit Würstchen. Eine wärmende Mittagsmahlzeit auf dem Meraner Höhenweg.

Die erste Etappe endet schließlich am Berggasthaus Giggelberg. Wie in allen anderen Unterkünften ist auch hier alles auf Wanderer ausgerichtet. Als wir kurz vor Einbruch der Dämmerung eintreffen, können wir noch aus der kompletten Speisekarte wählen. Im Zimmer liegen Handtücher bereit, die Betten sind auch bezogen. Und am Morgen gibt es auch ein ausgiebiges Frühstück. Über das Berggasthaus Giggelberg gehen die Meinungen in Internetforen stark auseinander. Wir haben uns wohlgefühlt, wenngleich wir schon wussten, dass es ganz gut ist, wenn die erste Unterkunft nicht gleich das absolute Highlight ist. So kann man sich noch steigern von Tag zu Tag. (Alle Übernachtungen habe ich von Deutschland aus per Mail reserviert, das hatte problemlos geklappt – ohne Ausnahme.)

Meraner Höhenweg
Die Hängebrücke über den unteren Teil der 1000 Stufen Schlucht.

Die zweite Etappe von Giggelberg nach Katharinenberg steht voll im Zeichen der 1000 Stufen Schlucht. Erbsenzähler werden nun einwenden, dass es nur 987 Stufen seien und zudem die Hängebrücke die Zahl noch etwas schmälere. Ziemlich anstrengend ist es auf jeden Fall – geht es doch erst 400 Höhenmeter nach unten und dann gleich wieder nach oben. Belohnt werden wir mit tollen Wasserfällen und weiterhin fantastischen Ausblicken. Gegen Nachmittag erreichen wir den Linthof, ab hier verlässt die Wegführung des Meraner Höhenweges das Etschtal und folgt der Schnais in Richtung Norden. Während wir den Zielort Katharinenberg schon langsam erkennen, blicken wir noch einmal nach unten zum Schloss Juval, dem Sommersitz von Reinhold Messner. Ob er derzeit zuhause ist? Noch ahnen wir nicht, dass wir schon bald die Antwort kennen werden.

Meraner Höhenweg
Der uralte Untervernatschhof. Die zweite Unterkunft.

Am frühen Abend erreichen wir den Untervernatschhof, ein Bauernhaus, das 1248 erstmals erwähnt wurde. Es gibt keine Heizung, aber das Haus ist urig und gemütlich. Es ist holzig, es ist eng und dunkel. Aber warm und heimelig. Eine unglaublich schöne Unterkunft. Sofort sind Handys, Kameras und andere technische Geräte vergessen. Wir fühlen und zurück versetzt und können uns erholen. Gerade auch die Corona Krise ist gefühlt ganz weit entfernt.

Wir sitzen mit den anderen Wanderern im Wohnzimmer. Die Bäuerin bringt unser Essen in großen Töpfen an den Tisch. Wir fühlen uns wie ein Teil einer großen Bauernfamilie und lassen bei einem Glas Wein diesen zweiten Abend ausklingen. Natürlich dreht sich auch hier am Tisch alles um die Frage: Kann man das Eisjöchl nun begehen oder nicht?

Meraner Höhenweg
Der Blick zurück nach Katharinenberg.

Tag drei ist so etwas wie der Auftakt zur nördlichen, zur alpineren Variante des Meraner Höhenwegs. Wir starten vom Untervernatschhof auf etwa 1,500 Meter Höhe mit dem Ziel auf knapp 2,100 Meter Höhe, dem Eishof. Erschwert wird die eigentlich nur 13 Kilometer lange Etappe durch eine Umleitung. Ein Erdrutsch am Beginn des Pfossentals hat den Höhenweg abgeschnitten, was zusätzliche eineinhalb Stunden Gehzeit bedeuten soll. Außerdem müssen wir von der Höhe fast bis nach Schnals absteigen und von dort auf der Pfossentalstraße etwa 300 Höhenmeter wieder aufholen. So die Theorie.

Wir steigen über den Tumlhof bis fast nach Schnals ab und verstehen sofort, dass es keinen Spaß machen wird, die Asphaltstraße durchs ganze Pfossental wieder hochzulaufen. Also strecken wir den Daumen raus und trampen – immerhin dürfte alle 30 Minuten auch ein Auto vorbeikommen. Gleich das erste Auto hält an und nimmt uns mit, bis direkt an die Stelle, wo der Wanderweg 24 – die Codierung für den Meraner Höhenweg – wieder passierbar ist. Es ist schon toll, wie gut das mit dem Trampen auch 2020 noch immer funktioniert.

Meraner Höhenweg
Mittagspause auf der Voderkaseralm.

Auf der Vorderkaseralm machen wir unsere Mittagsrast, einmal mehr werden wir mit heimischen Spezialitäten verwöhnt. Die Gastgeber sind erneut entzückend nett und aus irgendeinem Grund bekommen wir mit, dass just heute Reinhold Messner hier im Pfossental am Wandern sein soll. Wir wissen ja schon, dass er es vom Schloss Juval nicht weit hierher hat.

Nun, es ist um uns geschehen. Fortan sehen wir in jedem entgegen kommenden Wanderer den bekanntesten Südtiroler und gleichzeitig bekanntesten Kletterer der Welt. Es ist aber jedes Mal das Gleiche: Je näher Reinhold kommt, desto weniger sieht er aus wie er. Zugegebenermaßen sind heute auch viele Wanderer unterwegs, die Chance den richtigen Reinhold zu finden, ist verschwindend gering. Außerdem sind wir ja auch nicht in den Bergen, um Promis zu finden. Ehrlich jetzt.

Auf der Suche nach Reinhold Messner.
Auf der Suche nach Reinhold Messner.

Inzwischen sind wir auf der Mittelkaseralm angekommen. Die Sonne scheint und einige Wanderer sitzen vor dem Gasthof und genießen den Nachmittag bei bestem Herbstwetter. Wir hingegen haben die Fährte aufgenommen. Wir wollen uns nicht sonnen, sondern betreten das hinterste Kaminzimmer des urigen Hofes – mit der Aussicht auf einen Kaffee und einen Kaiserschmarrn.

Nur echte Liebhaber dieses Mittelkasers-Kaiserschmarrns sitzen in diesem hintersten Kaminzimmer. Und daher ist außer unserem Platz nur ein weiterer Tisch belegt. Ihr ahnt es, wir verbringen hier die Zeit mit Reinhold, seinem Freund und dessen Tochter. Wir haben ihn, die Legende des Bergsports hier im Pfossental gefunden!

Meraner Höhenweg
Der beste Kaiserschmarrn der Welt. In der Mittelkaseralm. Sagen wir. Sagt auch Reinhold. (Und selbstredend poste ich hier kein Bild von Reinhold Messner).

Natürlich bleiben wir auf Abstand und blinzeln nur hin und mal wissend zum anderen Tisch hinüber. Kein Autogramm und kein Selfie. Es genügt uns völlig, dass wir für eine halbe Stunde neben Reinhold Messner sitzen.

Als die drei schließlich aufbrechen um ins Tal abzusteigen, wünschen sie uns noch eine schöne Restetappe zum Eishof. Und in Reinholds Blick erkenne ich in diesem Moment eine Botschaft ganz klar und deutlich: Das Eisjöchl? Ihr werdet es schaffen!

Zuerst aber beenden wir die Tagesetappe in Richtung Eishof. Wir überqueren nun die 2.000 Höhenmarke, das Pfossental wird immer alpiner und allmählich kommen wir über die Baumgrenze. Die vielen Lärchen färben sich schon langsam orange, ein weiterer Grund, warum Südtirol im Herbst so beliebt ist. Die Lärche ist nämlich der einzige heimische Nadelbaum, der im Winter seine Nadeln verliert. Und sich davor färbt.

Am Ende des Pfossentals wird es immer alpiner. Die ersten Lärchen haben sich schon entschieden, orange zu leuchten.

Schließlich erreichen wir am frühen Abend den Eishof. Hier am Talschluss endet der gemütlichere Teil des Meraner Höhenwegs. Eingeschlossen inmitten der Texelgruppe befinden wir uns schon auf 2.100 Meter Höhe, die Sonne findet nur selten den Weg zur letzten Herberge in diesem Tal. Und so kommt der Name Eishof nicht von ungefähr.

Was uns im Inneren der Hütte erwartet zeugt indes von einer unglaublichen Wärme und einer Liebe zum Detail. Ein junges Team bewirtschaftet den Eishof und kümmert sich außergewöhnlich um seine Gäste. Wir wissen es vom ersten Moment an, diese Übernachtung wird der absolute Höhepunkt unserer Hüttenwanderung sein. Gemeinsam mit den Wanderern, die wir schon vom Untervernatschhof kennen, sitzen wir am Tisch und genießen ein exzellentes Fünf-Gänge-Menü mit bester Weinbegleitung und einem hervorragenden Gin Tonic als Abschluss.

Meraner Höhenweg
Ein Essen wir ein Gemälde. Der Hauptgang im Eishof.

Und für den Fall, dass ich mich wiederhole. Auch heute Abend diskutieren wir immer wieder, ob wir den Weg über das Eisjöchl ins benachbarte Pfelders im Passeiertal antreten sollen, können und dürfen. Es ist die Königsetappe und mit einem Anstieg von knapp 850 Metern, einem Abstieg von beinahe 1.500 Metern bei einer Distanz von fast 18 Kilometern auch schon bei bestem Sommerwetter durchaus ambitioniert.

Warum diskutieren wir so viel darüber? Im südwestlichen Teil der Alpen, also nur wenige hundert Kilometer von hier entfernt, hat vor etwa einer Woche das heftigste Unwetter seit 1958 zugeschlagen und dabei – gemessen an der Jahreszeit – Unmengen Schnee hinterlassen (ich weiß wovon ich spreche, habe ich mich doch in den Seealpen genau inmitten dieses Unwetters befunden – das ist aber eine andere Geschichte). Daher ist klar, dass es keine einfach Höhenwanderung werden wird. Wenn es überhaupt möglich ist. Eben die immer währende Eisjöchl-Diskussion.

Drei Punkte sprechen dafür, dass wir es versuchen: 1.) Der Hüttenwirt des Eishofs gibt grünes Licht und hält die Überquerung erstmals seit Tagen für möglich. 2.) Wir sieben Wanderer beschließen zusammen zu gehen und das Ganze nur dann durchzuziehen, wenn es unproblematisch bleibt und wir es auch alle “als Team” schaffen. Und 3.) haben wir den Segen von Reinhold Messner. Was soll dann noch bitte schief gehen?

Meraner Höhenweg
Am frühen morgen: Ein letzter Blick zurück zum Eishof.

Am frühen Morgen des 9. Oktober brechen wir also zu siebt zur Königsetappe auf. In dieser Höhe ist es im Herbst schon spürbar kalt, doch bald wird es uns warm. Kontinuierlich erklimmen wir Höhenmeter für Höhenmeter und es dauert nicht mehr lange bis wird die ersten Schneefelder erreichen.

Meraner Höhenweg
Auch hier wieder der Blick zurück zum Eishof. Nur etwa eine Stunde später.

Und jetzt wird es klar, dass der nördliche Teil des Meraner Höhenwegs zumindest in Teilen deutlich anspruchsvoller ist als der südliche Teil. Die Pfade sind steil, sie sind steinig und halbwegs schwindelfrei sollte man auch sein. Je weiter wir nach oben steigen, desto tiefer wird der Schnee. Mit Hilfe unserer Smartphone Apps finden wir die richtige Spur, immer wieder zeigen uns Schilder, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Meraner Höhenweg
Der Schnee wird immer mehr.

Wir gestehen es uns ein. Das was wir gerade machen, ist ganz schön anstrengend. Zu der sowieso anspruchsvollen Route kommen die Schneebedingungen und die Kälte. Außerdem ist auch deutlich zu merken, dass hier die Luft immer dünner wird. Die Schritte werden anstrengender, die Atmung wird tiefer. Immerhin kommen wir kräftig ins Schwitzen und an Frieren ist nicht zu denken. Wir alle hoffen nur inständig, dass wir denselben Weg nicht zurück gehen müssen, falls der Schnee irgendwann zu tief werden sollte oder der Weg nicht mehr erkennbar sein sollte. Für die Mühen wollen wir belohnt werden und das Passeiertal auch erreichen.

Meraner Höhenweg
Beinahe wie eine Seilschaft kämpfen wir uns Meter um Meter nach oben.

Die sensationelle Aussicht auf die Berge der Texelgruppe lässt uns immer wieder eine kurze Pause machen. Die Schneefelder glitzern weiß, der Himmel zeigt sein schönstes Blau und auch die Sonne zeigt noch einmal, dass sie im Oktober richtig powern kann. Es ist wirklich atemberaubend hier oben.

Nach drei Stunden Aufstieg erreichen wir das 2.895 Meter hohe Eisjöchl, die Passhöhe zwischen der „Hohen Wilden“ und der „Hohen Weißen“, den beiden Gipfeln, die die Verbindung zwischen Pfossen- und Passeiertal einrahmen. Wir haben es also geschafft. Und sind stolz und happy. Pause machen ist allerdings nicht angebracht. Die hier oben liegende Stettiner Hütte ist nach einem Erdrutsch noch nicht wieder neu eröffnet.

Ganz oben auf dem Eisjöchl. Die Wegweiser mit der “24” des Meraner Höhenwegs.

Was weiterhin gegen eine ausführliche Pause spricht: Die oberste Schicht der Schneefelder ist schon schön angeschmolzen und das Vorankommen im Schnee wird schwieriger. Wir wollen natürlich weder ausrutschen noch kleinere oder gar größere Lawinen auslösen. Außerdem kündigt sich allmählich ein Wetterwechsel an. Es wird halten, aber schon am Abend sollen Regen- und Schneefälle den Winter nun wirklich ankündigen. Und so reift langsam die Erkenntnis, dass wir vermutlich die letzte Gruppe des Jahres 2020 sein werden, die noch über das Eisjöchl gekommen ist – außer uns ist hier nämlich niemand unterwegs.

Meraner Höhenweg
Abstieg, kurz unterhalb der Stettiner Hütte.

Der Abstieg ins Passeiertal hat es in sich. Es sind 1.500 Höhenmeter, die wir “nach unten” wandern, ein gutes Drittel davon im Schnee. In unzähligen Serpentinen bewegen wir uns immer weiter in die Tiefe und das Wandern wird nicht einfacher als der Schnee weniger wird, dafür nasses Geröll den Untergrund bildet. Höchste Konzentration ist erforderlich, denn herabkommendes Schmelzwasser macht die Steine rutschig. Das strahlende Blau des Himmels weicht immer mehr den ersten dunklen Wolken und so verbieten sich längere Pausen auf ein Neues.

Schließlich erreichen wir den Lazinserhof im Tal. Was bietet sich hier an? Natürlich ein herrlicher Apfelstrudel, ein Espresso und als Belohnung ein Radler. Alle Sieben sind wohlbehalten im Tal angekommen. Müde, erschöpft, aber glücklich.

Von hier aus ist es nicht mehr weit nach Pfelders, genauer genommen in den etwas davor gelegenen Ferienort Zeppichl. Im gleichnamigen Hotel beziehen wir unser Zimmer, erholen uns bei einem Saunagang und feiern uns noch einmal selbst. Ab jetzt ist der Rest des Meraner Höhenwegs quasi ein Selbstläufer.

Meraner Höhenweg
Im Passeiertal.

Mit was wir vor ein paar Tagen noch nicht rechnen konnten, ist der massive Wetterumbruch. Am nächsten Morgen ist nämlich völlig klar, dass es nicht weitergehen wird. Statt die Tour über Magdfeld nach Dorf Tirol in weiteren eineinhalb Etappen zu beenden, müssen wir uns in den Bus nach Meran setzen und auf den restlichen Teil der Nordroute des Höhenwegs verzichten.

So sind wir in vier Tagen 69 Kilometer von Dorf Tirol nach Pfelders gewandert. Tolle Ausblicke, fantastische kulinarische Erlebnisse und mit dem Untervernatschhof und dem Eishof zwei herausragende Übernachtungsmöglichkeiten bleiben uns in Erinnerung. Und natürlich den gewonnen Wettlauf mit dem Wetter. Als letzte Wandergruppe im Jahr 2020 haben wir es gerade noch geschafft, das Eisjöchl zu bezwungen. Reinhold Messner hatte also doch Recht gehabt.

Und ich hatte mir fest vorgenommen, diesen Bericht fertig zu stellen, bevor die erste Gruppe die Passage im Jahr 2021 in Angriff nehmen wird. Quasi ein gewonnener Wettlauf im doppelten Sinne.

Tourplanung und Übernachtungen meiner Variante:

  1. Dorf Tirol – Giggelberg.
    Übernachtung: http://www.giggelberg.com
  2. Giggelberg – Katharinaberg.
    Übernachtung: http://www.untervernatsch.com/ (Top-Empfehlung!)
  3. Katharinaberg – Eishof
    Übernachtung: https://www.eishof.com/ (Top-Empfehlung!)
  4. Eishof – Pfleiders
    Übernachtung: https://zeppichl.com/
  5. Pfelders – Magdfeld (nicht mehr gelaufen)
    Übernachtung: http://www.gasthaus-magdfeld.com/
  6. Etappe: Magdfeld – Dorf Tirol / Meran (nicht mehr gelaufen)

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