In der inzwischen 28. Ausgabe der Fotobuch Plauder Ecke haben wir uns dem Thema Monographien gewidmet. Bücher also, die das Werk eines Fotografen in den Mittelpunkt stellen und über einen längeren Zeitraum hinweg sichtbar machen. Meine Wahl fiel dabei auf „Mouvement“ von René Burri – eine konzentrierte Zusammenstellung von Arbeiten, die exemplarisch für Burris fotografisches Denken und seine Bildsprache steht. Thomas hat sich für das Buch „Kaos“ von Albert Watson entschieden. Hört unbedingt in die Podcastfolge rein, um mehr über Thomas‘ Wahl zu erfahren.
René Burri ist in der Fotobuch Plauder Ecke kein ganz neuer Name. Bereits in einer der frühen Folgen habe ich ihn im Zusammenhang mit seinem wohl bekanntesten Buch „Die Deutschen“ erwähnt. Für mich war das damals eine schöne inhaltliche Anlehnung an das von mir vorgestellte Buch Helvetica von Andreas Herzau. Beide Bücher nähern sich einem Land und seiner visuellen Identität über beobachtende, oft beiläufige Bilder und eine serielle Herangehensweise. Diese Folge gehört bis heute zu meinen persönlichen Lieblingsausgaben und wer Lust hat, kann dort gerne noch einmal reinhören.
René Burri wurde 1933 in Zürich geboren und starb 2014. Er war langjähriges Mitglied der Agentur Magnum Photos und zählt zu den prägenden europäischen Fotografen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. International bekannt wurde er durch seine Reportagen aus Europa, Lateinamerika und dem Nahen Osten sowie durch ikonische Porträts politischer und kultureller Persönlichkeiten („Che Guevara“). Sein fotografisches Arbeiten ist geprägt von einem starken Interesse an Architektur, an Bewegung im Bild und an der Beziehung zwischen Mensch und Raum. Diese Aspekte ziehen sich durch sein gesamtes Werk und bilden auch eine zentrale Grundlage für das Buch „Mouvement“, das genau diesen Blick auf Bewegung, Struktur und Dynamik in Burris Fotografien bündelt.
„Mouvement“ erschien 2015 bei Steidl und Diogenes und ist eine großformatige Gesamtschau seines fotografischen Werks mit zwei Bänden in einem Schuber. Sie versammelt weit über hundert Fotografien in unterschiedlichen Kontexten und setzt sich bewusst aus einem schwarz-weißen Teil und einem farbigen Teil zusammen, was es erlaubt, die Gegensätze und Entwicklungen in Burris Werk direkt nebeneinander zu sehen.
Die Auswahl reicht von ikonischen Porträts weltbekannter Persönlichkeiten und historischen Momenten bis zu weniger bekannten, eindrucksvollen Arbeiten aus verschiedenen Regionen und Jahrzehnten seines Schaffens. Dabei wird deutlich, wie stark Burris Blick auf Bewegung im Bild wirkt: Situationen, in denen sich Figuren, Strukturen oder urbane Räume in einem dynamischen, manchmal auch überraschenden Verhältnis zueinander befinden, irgendwie auch ein Konflikt seiner beiden Lehrmeister Finssler und Cartier-Bresson).






Die Schwarz-Weiß-Fotografien geben oft eine reduzierte, direkte Formensprache wieder und rücken Linien, Flächen und Licht in den Vordergrund, während die Farbbilder die Texturen und Töne des Alltags stärker akzentuieren und so eine zusätzliche emotionale Ebene eröffnen. Diese Zweiteiligkeit des Buches schafft einen Spannungsbogen, der nicht nur die Vielfalt von Burris Schaffen sichtbar macht, sondern auch die unterschiedlichen Lesarten von Bewegung, Rhythmus und Raum in der Fotografie erfahrbar werden lässt.
Mit René Burri lässt sich auch eine Verbindung zu zwei Fotografen ziehen, die in den letzten Ausgaben der Fotobuch Plauder Ecke Thema waren, etwa Thomas Hoepker und Robert Lebeck. Alle drei eint ein fotografisches Selbstverständnis, das stark vom klassischen Fotojournalismus geprägt ist, zugleich aber über das reine Ereignisbild hinausgeht. Gewissermaßen schließe ich damit auch eine Reihe ab, die sich mit Fotografen beschäftigt hat, deren Arbeiten nicht nur Zeitgeschichte dokumentieren, sondern durch ihre jeweilige Handschrift bis heute lesbar und relevant geblieben sind.
Links zum Buch
- René Burris Mouvement bei Amazon im Angebot für derzeit 48 Euro (Affiliate, englische Ausgabe)
- Tatiana Hopper mit einem wieder mal großartigem Review zu René Burri
- Auch sehr lohnenswert: Leica Hall of Fame Award, 26. Juni 2013 im Museum für Gestaltung Zürich. René Burri im Gespräch mit Hans-Michael Koetzle
Weitere Themen aus der Folge
- Hier gehts zu Thomas‘ Blogeintrag und zu seiner Vorstellung, dem Buch Kaos von Albert Watson. Und hier kannst Du es kaufen (Amazon Affiliate).
- Tipp Unter Pfarrerstöchtern – der Podcast, der die Bibel erzählt
Den Podcast und die anderen Folgen der Fotobuch Plauder Ecke findest Du bei Spotify, Apple Podcasts, Deezer und allen gängigen Plattformen. Damit Du keine Folge verpasst, lass gerne ein Abo auf der Plattform Deines Vertrauens da!
Hi Florian,
damit haste mich auch. Ich hatte René Burri bis vor einiger Zeit gar nicht auf dem Radar… und dann hatte ich ihn wieder vergessen. Nun habe ich aber zugeschlagen, vielen Dank auch für den Link und den Tipp mit der englischsprachigen Ausgabe. Ist dann natürlich ein Schnapper…
Bin gespannt wie Dir die beiden Bücher gefallen 🙂 vielleicht schreibst Du ja auch was dazu in Deiner Serie? Liebe Grüße Florian