Thomas Hoepker – „DDR / East Germany – Colour Works“ (Fotobuch Plauder Ecke #27)

Das Thema unserer ersten Folge der Fotobuch Plauder Ecke im neuen Jahr lautet „Ausstellung“. Passend dazu habe ich mir den gerade erschienenen Bildband DDR / East Germany – Colour Works von Thomas Hoepker angesehen – nicht zuletzt deshalb, weil diese Arbeiten aktuell im Ausstellungskontext zu sehen sind und noch bis 28. Februar 2026 in der Galerie Buchkunst Berlin (Oranienburger Str. 27) gezeigt werden.

Der opulente Band versammelt auf 292 Seiten Farbfotografien aus den Jahren 1972 bis 1990 und eröffnet einen Blick auf die DDR, der sich deutlich von den bekannten schwarzweißen Bildwelten unterscheidet. Hoepker fotografierte den Alltag ebenso wie offizielle Anlässe, aber auch beiläufige, unspektakuläre Situationen. Farbe ist hier kein Effekt, sondern integraler Bestandteil der Bildaussage: Sie verankert die Motive stärker in ihrer Zeit und macht sie unmittelbarer.

Schon das blaue Vorsatzpapier des Bildbandes gibt die Richtung vor: Farbfotografie aus der DDR – das ist ungewöhnlich. In der Regel ließ lediglich die Regierung in Farbe fotografieren; DDR-Fotograf:innen selbst arbeiteten fast ausschließlich in Schwarzweiß. Hoepker hingegen war mit „Westfilm“ ausgestattet und legte regelmäßig seinen Lieblingsfilm Kodachrome in seine Leica. Gerade deshalb ist dieser Bildband eine Besonderheit: Er erlaubt es uns, den DDR-Alltag auch in Farbe dokumentiert zu sehen.

Ich mag Thomas Hoepker und seine Bildsprache sehr, sehr gerne. Ich hatte ihn und seine ikonische Aufnahme „Blick von Williamsburg“ schon einmal in der Alex Webb Folge besprochen. Ebenso gibt es eine starke Verbindung zu Robert Lebeck aus der vorletzten Folge. Beide arbeiteten eng beim Stern zusammen und publizierten auch gemeinsam.

Thomas Hoepker und seine Arbeit in der DDR

Noch einmal kurz zur Verortung: Thomas Hoepker wurde 1936 in München geboren und starb am 10. Juli 2024 in New York. Er zählt zu den prägenden deutschen Fotojournalisten des 20. Jahrhunderts. Bereits früh arbeitete er für Magazine wie Kristall und später für den Stern, bevor er 1989 Mitglied der Agentur Magnum wurde, deren Präsident er von 2003 bis 2007 war. Hoepkers fotografische Arbeit ist stark vom humanistischen Fotojournalismus geprägt und umfasst Reportagen aus Europa, den USA und Asien ebenso wie langfristige dokumentarische Projekte.

In den 1970er-Jahren arbeitete Hoepker als erster westdeutscher Fotograf mit offizieller Akkreditierung in der DDR. Von 1974 bis 1976 lebte er gemeinsam mit seiner damaligen Frau, der Journalistin Eva Windmöller, durchgehend in Ost-Berlin. Beide arbeiteten von dort aus journalistisch und fotografisch, vor allem für den Stern. Ihre Präsenz vor Ort ermöglichte eine kontinuierliche, vergleichsweise unbeeinflusste Beobachtung des Alltags in der DDR – jenseits offizieller Anlässe und propagandistischer Bilderwelten.

Diese biografische und räumliche Nähe spiegelt sich deutlich in Hoepkers Arbeiten aus dieser Zeit wider. Seine Fotografien zeigen keine spektakulären Ausnahmesituationen, sondern alltägliche Szenen, Begegnungen und Momente, die heute als visuelle Zeitdokumente gelesen werden können. Der nun vorliegende Band DDR / East Germany – Colour Works greift auf dieses Archiv zurück und macht einen Teil dieser Arbeiten erstmals in größerem Umfang zugänglich.

Einordnung zu „Leben in der DDR“

Im Vergleich zu dem Buch Leben in der DDR (geschrieben von Eva Windmöller, bebildert mit Hoepkers Aufnahmen), das ich parallel gelesen habe, zeigt sich der Unterschied zwischen historischer Einordnung und fotografischer Beobachtung sehr deutlich. Während Leben in der DDR stärker erklärend, strukturierend und politisch kontextualisierend arbeitet, verzichtet Hoepkers Bildband bewusst auf diese Ebene.

Die Fotografien in DDR / East Germany – Colour Works liefern weniger Antworten und sind auch nicht wirklich erklärend. Vielmehr sind sie Eindrücke – und ergänzen damit unser (vermeintlich) historisch-analytisches Wissen um eine visuelle, oft ambivalente Erfahrungsebene. Gleichzeitig finden viele dieser Aufnahmen auch Eingang in Windmöllers Leben in der DDR.

Wer sich den Bildband nicht kaufen möchte, kann Leben in der DDR für wenige Euro auf dem Gebrauchtmarkt finden und hat damit zumindest einige Hoepker-DDR-Aufnahmen zu Hause – wenn auch in deutlich geringerer Qualität und ausschließlich in Schwarzweiß. Das Taschenbuch ist dabei weniger Ersatz als vielmehr eine sehr gute Ergänzung. Denn wer mehr über Hoepkers Fotografie erfahren möchte, findet dort immer wieder passende Passagen.

Als Beispiel habe ich Euch einen Absatz mitgebracht, in dem Eva Windmöller beschreibt, wie sich ihr Mann fotografisch in der DDR „gefühlt“ hat:

„Die Eindrücke ins Bild umzusetzen, macht ihm (Thomas Hoepker – Anm. des Autors) jedoch Schwierigkeiten: Manchmal läuft oder fährt er tagelang durch die Gegend, ohne ein einziges vernünftiges Foto zustande zu bringen, was ihn sehr belastet. »Es kommt einem nichts entgegen«, stellt er fest, »es bietet sich nichts an, man muß sich alles mühsam zusammenholen«. Auch mit wachsender Eingewöhnung ändert sich daran nichts.

Am Ende der zwei Jahre setzt Thomas Hoepker sich hin und schreibt seine Arbeitserfahrungen auf ein Blatt Papier. »Es gibt wahrscheinlich kaum ein Land auf der Welt, das so unfotogen ist wie die DDR«, fasst er zusammen. »Zum Teil erklärt es sich daraus, daß sich das Leben nicht auf den Straßen abspielt, sondern in den Familien und in den Institutionen. Die Straßen sind ausgestorben, öde, kaputt. Niemand flaniert, alle gehen zur Arbeit oder zur Kaufhalle, es entwickeln sich keine Szenen wie in anderen Ländern.“

(Eva Windmöller / Thomas Hoepker: „Leben in der DDR“, 1. Auflage, 1980, S. 61)

Für mich ist es gerade diese Kombination aus Ausstellung (die ich leider noch nicht gesehen habe), Bildband und weiterführender Lektüre, die den Zugang zur DDR-Thematik besonders vielschichtig macht. Hört gerne in unsere Folge hinein, um mehr über dieses Buch zu erfahren – dieses Mal in einer verkürzten, Audio-only-Variante.

Specs:

  • Titel: DDR / East Germany – Colour Works 1972–1990
  • Fotografie: Thomas Hoepker
  • Verlag: Buchkunst Berlin
  • Format: Hardcover, Farbfotografie
  • Zeitraum der Aufnahmen: 1972–1990
  • Erschienen: November 2025
  • Mit Essays von: Wolf Biermann und Thomas Gust
  • Abmessungen: 19,5 × 28 × 3 cm
  • Umfang: 292 Seiten, 145 Abbildungen
  • ISBN: 978-3981980509
  • Preis: 58 Euro

Links zum Buch

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2 Gedanken zu „Thomas Hoepker – „DDR / East Germany – Colour Works“ (Fotobuch Plauder Ecke #27)“

  1. Lieber Florian,

    mir wird das langsam zu spooky! 😉
    Ich habe mir gestern(!) dieses Buch bestellt. Wobei ich ergänzen möchte, dass ich mir ein paar Wochen nicht sicher war, ob ich es mir holen will. Ich finde zwar Thomas Hoepker per se auch oft sehr gut, aber eben nicht immer. Es gibt auch Arbeiten, mit denen ich weniger anfangen kann. Da ich es aber vielleicht bis Mitte Februar nicht mehr nach Berlin schaffe, wollte ich nicht mehr warten. Und allein historisch dürften die Bilder da schon sehr spannend sein. Bin sehr gespannt…

    LG Peter

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