Mit Blitz und Kostüm – Street Photography beim Kölner Karneval (Workshop)

Karneval? Für mich absolutes Neuland. Denn ich komme aus Süddeutschland, aus der Fasnet-Region. Das bedeutet: Holzmasken, Hexen, Häs, Narrensprung. Eine eigene, alte Tradition, die ich mag und kenne, mit der ich aufgewachsen bin. Was aber im Rheinland passiert, in diesen Tagen zwischen Weiberfastnacht und Aschermittwoch, das kannte ich bisher nur aus der Ferne, aus Berichten und Fernsehbildern. Und von Erzählungen von Freunden. Ehrlich gesagt hatte ich ein paar Vorurteile im Gepäck, als ich mich Anfang des Jahres für einen „Karnevals-Workshop“ zur Fotografie an der Lichtblick School in Köln anmeldete. Karneval? Ist doch eher neu moderner Kram im Vergleich zur Fasnet. Oder?

Was ich dann erlebt habe, hat mich wirklich überrascht. Und zwar auf die schönste Weise. Spoiler: Nicht nur fotografisch. Denn ich muss gestehen, ich habe mich verliebt. Genau. In diesen Kölner Karneval.

Der Workshop „Der unperfekte Augenblick“

Allein der Name des Workshops spricht schon Bände. Es geht darum, den „unperfekten Augenblick“ einzufangen. Das Spontane festzuhalten, die Fehler im System zu finden und die Eigenheiten des Karnevals auf Bilder zu bannen. Und das unter der Anleitung von Nikita Teryoshin und Wolfgang Zurborn, zwei Fotografen, deren Arbeit ich schon länger verfolge und sehr schätze. Hier im Blog habt Ihr von beiden schon gelesen (Ihr findet unten die Links).

Die Eckdaten zum Workshop lasen sich vorab vielversprechend: Drei Tage Programm, rund zehn Teilnehmer:innen aus ganz Deutschland, eine Menge Theorie und Bildbesprechungen. Und natürlich rein „ins Feld“, hinein in das Getümmel. „Mittendrin statt nur dabei“ nicht nur als leises Lippenbekenntnisses eines aus der Zeit gefallenen Sportsenders, sondern als Versprechen ans eigene Vorgehen, eine Hommage an die nahe Street Photography. In Form eines intensiven Foto-Tages und einer mindestens ebenso intensiven Foto-Nacht während des Karnevals, rund um den Rosenmontag.

Und schließlich sollte eines der zentralen, eher technischen Themen des Workshops auch der Einsatz des Blitzes in der Street Photography sein. Etwas, mit dem ich mich in den letzten Monaten immer mehr beschäftige (Querverweis zum Napoli Workshop mit Francesca) und für diese Technik Nikita Teryoshin mit seiner Art der Fotografie natürlich im Besonderen steht.

Mittendrin im Rosenmontagsumzug

Nach einem Theorietag im Seminarraum der Lichtblick School beginnen wir mit der Fotografie am nächsten Morgen, also direkt bevor der Rosenmontagsumzug losgeht. Schon wenn in der Südstadt der „Zoch“ vorbereitet wird, merke ich, was hier so besonders ist. Es ist diese ganz eigene Stimmung. Die ganze Stadt ist aufgeregt und voller Vorfreude. Natürlich nicht nur heute, sondern schon die ganze Woche, aber für mich ist es ja das erste Mal und ich kann mich gar nicht dagegen wehren – schneller, als ich es eigentlich könnte, bin ich schon angesteckt.

Warum das so schnell geht? Nun, um Euch ein Beispiel zu geben: Sobald irgendwo ein kölsches Lied läuft, liegen sich Fremde in den Armen. Wer da reingerät und mitmacht, gehört sofort dazu – egal woher man kommt. Und natürlich bin ich sofort dabei. Ich bin regelrecht angezündet, vom ersten Moment an. Denn selten erlebe ich eine Atmosphäre, die gleichzeitig so friedlich und so ausgelassen ist. Nicht laut und roh, sondern offen und freundlich. Ich spüre, dass das hier etwas ist, das die Menschen wirklich lieben. Kein Event, das man sich nur ansieht, sondern eines, das man lebt. In dem ich ganz schnell ein Teil davon werde. Und völlig befreit fotografieren darf, was ich erlebe.

Man kennt das ja, die spannendsten Szenen ereignen sich oftmals vor und nach den eigentlichen Veranstaltungen. So ist es auch hier in der Kölner Südstadt. Es macht unheimlich viel Spaß zu fotografieren, wie sich die Umzüge aufstellen und sich die Protagonisten vorbereiten. Und wie die Besucher des Umzugs voller Vorfreude ihre Plätze einnehmen. Jung und alt sind gespannt, durchweg alle sind verkleidet, wer hier ohne Kostüm kommt, fällt sofort auf. Und als Fotografierender will ich das genauso wenig wie als Besucher des Umzugs. Selbstredend bin ich auch verkleidet, und so manch einer hält meine Kamera und den aufgesetzten Blitz kurzerhand für einen Teil meines Häs.

Der Rosenmontagszug selbst ist mehr als eindrücklich. Bunt, groß, voller Bewegung. Und natürlich fliegen ständig „Kamelle“ durch die Gegend, also Süßkram, der von den Umzugswagen in die Menge geworfen wird. Fotografisch sind die Szenerien überwältigend – man weiß kaum, wohin man schauen soll. Was mich indes mehr interessiert als der Zug selbst, sind die Momente am Rand. Menschen im Kostüm, die sich mit einem Gläschen Sekt zuprosten. Ein Teufel (oder gar keine Teufelin?), der (oder die?) an einer Ampel wartet. Gruppen, die singen und tanzen, obwohl der nächste Wagen noch gar nicht da ist. Der Alltag, der im Hintergrund weiterläuft und die Kostüme, die ihn überlagern. Und immer wieder die kreischende Meute, die auf die „Kamelle“ wartet. Wie alle einfach happy sind, egal ob es aus Eimern schüttet oder nicht. Immer wieder wird mir klar: Das Absurde ist genau dort, wo man es nicht erwartet.

Wenn es dunkel und kalt wird in Köln

Schon am frühen Nachmittag beginnt die Zeit, in der sich beim Rosenmontagsumzug etwas verändert. Der ewig lange Zug selbst läuft natürlich noch, aber das Licht wird weicher und die Schatten werden länger. Auch die Menschen durchlaufen eine Art Veränderung, schließlich sind viele von ihnen seit Stunden auf der Straße, haben getrunken, gelacht, gefeiert – und man sieht es ihnen an. Nicht im negativen Sinn. Eher so: Die Kostüme sitzen nicht mehr ganz so ordentlich. Die Schminke hat Risse bekommen. Die Gruppen sind enger zusammengerückt. Die Kamelle-Taschen hängen bei so manchen durch und viele greifen nicht mehr ganz so ehrgeizig nach jeder durch die Luft fliegenden Schokolade.

Von der Südstadt aus bewegen wir uns immer wieder ein Stück mit dem Zug mit, auch um die Location zu wechseln. Und so ändert sich eigentlich ständig etwas um uns herum. Wir kommen dem Dom immer näher, aber auch die Farben werden satter, die Kontraste härter, die Gesichter ausdrucksstärker. Und je länger der Tag dauert, desto langsamer werde ich. Weniger auf der Suche nach dem nächsten Bild, mehr beim einzelnen Moment. Und noch mehr beim Schunkeln, ob bei „Drink doch eine met“, bei „Stadt met K“ oder einfach beim wunderbar kitschigen „Tommi“.

Ich ertappe mich dabei, dass ich mich hier plötzlich ein Stück weit zuhause fühlen möchte. Verliebe ich mich gerade in diese Stadt? Entdecken wir hier so etwas wie das Neapel Deutschlands? Zumindest etwas, denn „Du bes die Stadt“.

Fragt mich nicht, wie wir das gemacht haben. Irgendwie schaffen wir es, direkt hinter dem letzten Wagen, dem Dreigestirn und seiner Entourage, ins Grand Finale vorm Dom einzulaufen. Links und rechts von uns die Absperrungen, dahinter die Tribünen mit Menschen, die uns zuwinken, die glücklich sind. Mittendrin statt nur dabei.

Das muss man sich einmal vorstellen: Frank und ich, zwei in Hamburg wohnhafte Schwaben, beschließen den Kölner Rosenmontagsumzug 2026 mit einem letzten Alaaf. Nicht ohne ein paar allerletzte Aufnahmen am Hauptbahnhof zu machen. Dort, wo direkt nach uns aufgeräumt wird und wo in wenigen Minuten vom Umzug nichts mehr zu sehen sein wird.

Der Kneipenkarneval: Drink doch eine mit!

Aber natürlich lebt der Kölner Karneval auch drinnen, wer hat davon noch nicht gehört? In den Bars, in den Kneipen, in diesen engen Räumen, in denen die rheinischen Frohnaturen eine ganz eigene Energie entfachen. Es ist genau das, was mich so fasziniert: die Kraft und die Atmosphäre, die von den Menschen hier ausgehen. Keine touristische Inszenierung, sondern etwas zutiefst Authentisches. In den Kneipen in Nippes, in denen wir unterwegs sind.

Kölsch-Kränze, enge Räume, Menschen, die tanzen und singen – das ist nicht unbedingt das Setting, in dem man sich als Blitzfotograf leicht unsichtbar machen kann. Aber es ist eines, in dem unglaublich viel passiert und in dem wir schnell Teil des Ganzen werden. Echte Gefühle, echte Bewegungen und echte Verbindungen zwischen Menschen. Zwischen zwei kölschen Balladen verstehe ich irgendwann, dass ich nicht mehr beobachte, sondern selbst Teil des Abends geworden bin. Die Menschen an der Bar kenne ich nach einer Stunde, die auf der Tanzfläche sowieso. Wir lachen mit ihnen, trinken mit ihnen und ja, „fotografieren mit ihnen“.

Denn ein paar Leute fragen auch, warum ich fotografiere. Was es mit dem Blitzen auf sich hat. Meine Antwort ist immer dieselbe: Ich bin zum ersten Mal hier, ich lebe in Hamburg, ich kenne das alles nicht und finde es so schön. Ich möchte das festhalten und mich daran erinnern. Und ausnahmslos alle verstehen das. Manche stellen sich danach kurz in Pose, aber vor allem lassen sie mich einfach weitermachen.

Als wir weit nach Mitternacht gehen, verabschieden wir uns von Menschen, die wir erst ein paar Stunden zuvor zum ersten Mal gesehen haben. Eigentlich haben wir der ganzen Kneipe „Auf Wiedersehen“ gesagt – und das auch genau so gemeint, weil an diesem Abend echte Verbindungen entstanden sind. Überhaupt nicht oberflächlich, wie es den Rheinländern gerne einmal nachgesagt wird, sondern mit echtem Tiefgang.

Und das ist vielleicht das Schönste am Karneval: Irgendwie schafft er es, eine Distanz aufzuheben, die sonst überall da zu sein scheint.

Die Bildbesprechung und die Nachbearbeitung

Aber eigentlich sind wir ja als Fotografen nach Köln gekommen. Also müssen auch mehrere Fragen erlaubt sein: Haben wir als Workshopgruppe die „unperfekten Augenblicke“ einfangen können? Die Fehler im System gefunden und das Alltägliche festgehalten? Auf der Suche nach Antworten darauf begeben wir uns am dritten Tag wieder in den Seminarraum der Lichtblick School. Wir wählen aus unseren Aufnahmen jeweils eine Auswahl, reichen sie ein und besprechen sie in der Gruppe. Was ich an Workshops so gerne mag, ist zu sehen, was andere sehen, was ich selbst nicht gesehen habe. Und welche Arbeitsweise sie gewählt haben, zu welchen Ergebnissen sie kommen.

Nikita und Wolfgang geben uns Feedback, und so lernen wir auch in diesem Workshop wieder viel Neues und lassen uns inspirieren. Aus der finalen Bildauswahl entsteht schließlich ein Zine, das den Rosenmontagsumzug 2026 festhält. Während ich diese Zeilen ein paar Wochen später schreibe, ist das Zine bereits im Druck, und Ihr könnt es Euch in einer Online-Version anschauen – kuratiert von Wolfgang Zurborn und Nikita Teryoshin.


Wat bliev

Viel wichtiger als die gemachten Bilder und das Zine ist für mich allerdings das „Erlebnis Karneval“ an sich gewesen. Ja, Workshops sind für mich immer eine Gelegenheit, die eigene Arbeit mit etwas Distanz zu betrachten. Die Frage, welche Bilder eine Serie tragen, wie man auswählt, was wegfällt – das sind Dinge, über die man alleine schwerer nachdenkt. In der Gruppe fällt das leichter.

Aber am Ende des Tages, am Ende des Karnevals, habe ich vor allem das Gefühl, etwas entdeckt zu haben. Nein, es war nicht der Blitz, der mich anders hinschauen ließ. Es waren auch nicht die Handvoll Shots, mit denen ich wirklich happy bin. Es waren die Menschen, die so leicht zugänglich waren. Die Stimmung, die ich auf den Straßen erleben durfte. Der Abend in der Kneipe, an den ich noch eine Weile denken werde.

Mir sin eins

Und nichts gegen die Fasnet im Südwesten Deutschlands, aber meine Vorurteile gegenüber dem vermeintlich neu-modernen Kram im Rheinland habe ich ziemlich schnell abgelegt. Am Ende vielleicht genau das: Mir sin eins jeworde.

Während ich mir also über meine Verkleidung im kommenden Jahr schon jetzt den Kopf zerbrechen könnte, steht eines längst fest: Ich komme wieder. Wenn Ihr künftig irgendwo mittendrin im Kölner Karneval auf einen Typen trefft, mit Kamera und Blitz, der grinst, tanzt und den Moment einfach laufen lässt – dann schaut ruhig genauer hin. Gut möglich, dass ich das bin.

Guten Morgen, Barbarossaplatz!

Zum Weiterlesen

Danke an Euch Beide, Wolfgang und Nikita ,für diese Gelegenheit, den Karneval so kennenzulernen!
Mehr Infos auf der dazugehörigen Seite der Lichtblick School. Und natürlich auch ein paar Hinweise auf besprochene Bildbände der Beiden, sowie auf Podcasts:

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